Landrat Maier, OB Dr. Gantner und die Herrenberger bereiten dem Staatsoberhaupt einen herzlichen Empfang
Bundespräsident Köhler beim Besuch in der Gäustadt:
?Ich habe in Herrenberg schöne Jahre erlebt"
Bundespräsident Horst Köhler stattete anfangs Dezember 2004 dem Bundesland Baden-Württemberg seinen Antrittbesuch ab. Am Mittwoch, 1. Dezember, war das Staatsoberhaupt auch in Herrenberg zu Gast. Begleitet wurde Horst Köhler von seiner Frau Eva. Mit dem Gäu und der Gäustadt Herrenberg fühlt sich Köhler noch immer eng verbunden. Das hat seinen Grund: Von 1970 bis 1977 lebte die Familie Köhler zuerst in Herrenberg in der Wilhelmstraße und später in Mönchberg.
Trotz Nieselregen war die Stimmung auf dem Herrenberger Marktplatz hervorragend. Mehr als 500 Herrenberger Bürgerinnen und Bürger harrten stundenlang auf dem weihnachtlich geschmückten Marktplatz aus. Dieses Ereignis, einen Bundespräsidenten aus nächster Nähe zu sehen, wollten sich die vielen Schaulustigen nicht entgehen lassen. Gegen 15.15 Uhr fuhr der Konvoi mit dem Bundespräsidenten in einer gepanzerten Audi-A8-Limousine mit dem Nummernschild 0 -1 vor.
Nach dem Besuch im Weltladen hießen Oberbürgermeister Dr. Volker Gantner und Landrat Bernhard Maier den Bundespräsidenten vor dem Rathaus aufs herzlichste Willkommen. Der Herrenberger Oberbürgermeister überreichte der First Lady, Eva Köhler, eine Blumenstrauß mit pink- und rosafarbenen Rosen und Gerbera. Vor Ort war auch die Stadtkapelle mit rund 30 Männern und Frauen. Unter der Leitung von Musikdirektor Matthias Benno spielte das Orchester den Bozener Bergsteigermarsch und ?Gruß an Kiel".
Immer wieder schüttelte der Bundespräsident Hände und erkannte bekannte Gesichter. Eine herzlich warme Atmosphäre war zu spüren.
Im Anschluss an den herzlichen Empfang auf dem Marktplatz geleitete Dr. Volker Gantner seinen Gast ins Rathaus. Hier verweilte Köhler zu einem dreiviertelstündigen Gespräch. In der kleinen Runde nahmen neben dem Oberbürgermeister und Landrat Bernhard Maier auch die fünf Fraktionsvorsitzenden des Herrenberger Gemeinderates, der Erste Bürgermeister Andreas Gravert und Bürgermeisterin Gabriele Getzeny teil. Der Bundespräsident betonte, er erinnere sich gerne an seine zweite Heimat Herrenberg: ?Ich habe hier schöne Jahre erlebt".
Im Gespräch mit der Presse nannte Oberbürgermeister Dr. Volker Gantner den Bundespräsidenten Köhler einen ?erstklassigen Ökonomen". Seine Verbundenheit mit den Menschen und Herrenberg sei spürbar und echt und komme von Herzen. Auf eine natürliche Art gehe er auf Menschen zu. ?Er spricht mit ihnen auf gleicher Wellenlänge. Er sucht und hat ihre Nähe", so der Oberbürgermeister.
Zur Erinnerung an Köhlers Herrenberger Zeit und für zukünftige ?Herrenberger Momente" überreichte der Oberbürgermeister dem Bundespräsidenten unter anderem einen Bildband. In seiner Widmung schrieb Oberbürgermeister Dr. Gantner: ?Wir konnten sehen und spüren, dass Ihnen (...) Mönchberg und Herrenberg ans Herz gewachsen sind, dass sie für ein gutes Stück Ihres Lebensweges zur Heimat geworden sind. Der Bundespräsident und seine Frau haben diese Jahre sichtbar in ihren Gedanken und Gefühlen gut bewahrt. Das hat und wird Sie ein Leben lang bereichern und auch uns. Sie dürfen sicher sein, dass es für uns eine große Ehre und eine große Freude war, den höchsten Repräsentanten unseres Staates in Herrenberg zu begrüßen. Wertvoller war uns noch, dass der Mensch wieder den Weg zu den Menschen eines Lebensabschnitts gefunden hat". Und abschließend heißt es in der Widmung: ?Für die spürbare Zuneigung zum Gau, zu Herrenberg und Mönchberg, darf ich mich für alle Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt sehr, sehr herzlich bedanken".
Eingetroffen war der Konvoi des Bundespräsidenten gegen 15.15 Uhr auf dem Marktplatz. Hier erwartete den Bundespräsidenten bereits schon eine größere Menschenmenge. Anschließend ging Köhler zu Fuß über den Marktplatz in die Stuttgarter Straße und war Gast im Weltladen. Vor rund 30 Jahren war auf Köhlers Initiative hin der immer noch sehr aktive und lebendige Verein ?Partnerschaft Dritte Welt" gegründet worden.

- Im Besprechungszimmer des Oberbürgermeisters von links Eva Köhler, Dr. Volker Gantner, Landrat Bernhard Maier und Gemeinderätin May Wulz

- Die Fraktionsvorsitzenden, die Verwaltungsspitze und Landrat Maier im Gespräch mit dem Bundespräsidenten und seiner Gattin
Weltethos-Rede
Zuvor hatte Köhler auf Einladung des katholischen Theologen Hans Küng an der Universität Tübingen eine so genannte Weltethos-Rede mit dem Thema ?Was gehen uns die anderen an?" gehalten. Darin ging der Bundespräsident den ethischen Wurzeln der abendländischchristlichen Kultur auf den Grund. Anschließend diskutierte er vor Publikum mit Küng.
Vor Köhler hatten bereits UNO-Generalsekretär Kofi Annan, die frühere UNO-Hochkommissarin Mary Robinson und der britische Premierminister Tony Blair eine Weltethos-Rede in Tübingen gehalten.
Das Staatsoberhaupt, das seit Beginn der Woche im ?Ländle" weilt, sagte, er fühle sich dem Südwesten besonders nahe, und das Land habe ihm als Flüchtlingskind viel gegeben. «Es ist ein Stück nach Hause kommen», sagte er. Die Familie von Köhler lebte nach der Flucht aus der früheren DDR jahrelang in Ludwigsburg bei Stuttgart.
Köhler wurde am Montag von der baden-württembergischen Landesregierung empfangen und besuchte auch den Landtag. Sichtlich gerührt reagierte er bei einer Begegnung mit Mitgliedern seines ehemaligen Gesangsvereins. Er habe früher schlecht gesungen, bekannte das Staatsoberhaupt, der von 1974 bis 1977 Tenor im Männergesangverein Mönchberg war.
Der frühere Chorleiter Günther Münz sagte, Köhler habe sich in einer Bürgerinitiative engagiert. Horst Köhler war der Sprecher der ?Interessengemeinschaft Schweingrube". Das Ziel dieser Bürgerinitiative war es Mitte der 70erJahre auf Mönchberger und Gültsteiner Gemarkung am Schonbuchrand eine vom Kreis geplante, zentrale Mülldeponie zu verhindern. Mit Erfolg.
1970 zogen die Köhlers von Winnenden in die Gäustadt. Im Sommer 1973 wurde das Quartier in der Kernstadt mit Mönchberg eingetauscht. Im Mönchberger Ortschaftsrat war die Frau des heutigen Bundespräsidenten Eva Köhler aktiv. Sie war erst Lehrerin an der Albert-Schweitzer-Schule - später Lehrerin an der Pfalzgraf-Rudolf-Schule. Im bewegten Leben der Köhlers standen Umzüge mit schöner Regelmäßigkeit auf der Tagesordnung. Dies brachte der Beruf von Horst Köhler mit sich.
Bewegtes berufliches Leben
1976 tritt Köhler in die Grundsatzabteilung des Bundeswirtschaftsministeriums in Bonn ein. Minister ist zu dieser Zeit Otto Graf Lambsdorff. 1981 wechselt Köhler von Bonn nach Kiel und wird Referent des Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg in der Staatskanzlei. Köhler arbeitet sich in die Probleme des strukturschwachen Bundeslandes zwischen Nord- und Ostsee ein und sucht nach Lösungen für Schleswig-Holstein. Die Zusammenarbeit mit dem Ministerpräsidenten wird Köhler prägen. Als Gerhard Stoltenberg 1982 im Zuge des Regierungswechsels Bundesfinanzminister wird, verlässt Köhler Kiel und kommt zurück nach Bonn. Dort arbeitet er im Leitungsstab des Finanzministeriums und wird Leiter des Ministerbüros. Er übernimmt die Grundsatzabteilung des Bundesfinanzministeriums. In diese Zeit fällt die Steuerreform 1985. Später leitet Köhler die Abteilung Geld und Kredit, die für die internationale Finanz- und Währungspolitik zuständig ist.
1990 ernennt Bundesfinanzminister Theo Waigel Horst Köhler zum Staatssekretär. Köhler verhandelt mit der DDR-Führung über die deutsch-deutsche Währungsunion. In Moskau handelt er das Abkommen über den Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR aus. Er ist Chefunterhändler beim Maastricht-Vertrag über die Europäische Währungsunion, zugleich persönlicher Beauftragter (?Sherpa") von Bundeskanzler Helmut Kohl für die Weltwirtschaftsgipfel der seinerzeit sieben führenden Industrienationen. Köhler organisiert den Weltwirtschaftsgipfel von München, als Deutschland 1992 Gastgeber der G-7 ist.
Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes
Aus familiären Gründen scheidet Horst Köhler 1993 aus der Bundesregierung aus. Er wird Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Köhler setzt sich für ein modernes Bild der Sparkassenorganisation ein, sieht die besondere Verantwortung der Sparkassen für den Mittelstand und das soziale Klima in den Kommunen. Fünf Jahre später ruft Helmut Kohl an und bittet Köhler, Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London zu werden. Köhler stimmt zu. Aufgabe der Bank ist es, Marktwirtschaft und Demokratie in den ehemaligen Ostblockstaaten aufzubauen. Köhler steuert die Geschäftspolitik der Bank auf die stärkere Unterstützung von mittelständischen Unternehmen um. Die Marktwirtschaft soll von unten aufgebaut werden.
Direktor des Internationalen Währungsfonds IWF
Zwei Jahre später bittet ein anderer Bundeskanzler, Gerhard Schröder, den Wirtschaftsfachmann Köhler um Unterstützung: Auf Vorschlag des deutschen Bundeskanzlers wird Horst Köhler im Jahr 2000 Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds IWF in Washington, D.C. Köhler setzt sich zum Ziel, die Geschäftspolitik des IWF transparent zu machen und stärker auf Krisenprävention auszurichten. Deshalb verstärkt er die Zusammenarbeit des IWF mit der Weltbank unter James D. Wolfensohn. Köhler ist davon überzeugt, dass die dauerhafte Sicherung von Frieden und Stabilität mehr Einsatz und Erfolg bei der Bekämpfung der Armut verlangt. Dafür leitet er umfangreiche Reformen beim IWF ein, führt viele Gespräche mit Staats- und Regierungschefs aus aller Welt. Die Universität von Tübingen ernennt Köhler 2003 zum Honorar-Professoren.
Am 4. Mai 2004 benennen CDU, CSU und FDP Horst Köhler zum gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Am 23. Mai wählt ihn die Bundesversammlung im ersten Wahlgang mit der absoluten Mehrheit von 604 Stimmen zum neunten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Am 1. Juli 2004 legt Köhler vor den Mitgliedern von Bundestag und Bundesrat im Plenum des Deutschen Bundestages den Amtseid ab.
Abschied vom Gäu
Gunther Munz, der ehemalige Schulleiter der Albert-Schweitzer-Schule und Chef von Eva Köhler schildert Horst Köhler als einen enorm fleißigen Menschen, der sehr konzentriert arbeiten kann und alles was er anpackt gründlich erledigt. ?Ein Mensch, der immer wieder an Stätten zurückkehrt, wo er einmal lebte", so Munz.
Von Mönchberg zog die Familie Köhler 1977 nach Meckenheim bei Bonn. Der Sohn Jochen war damals nicht ganz zwei Monate alt. Die Tochter Ulrike gerade vier Jahre.










