Glockengeschichte

 

 

 

 

Historischer Rundgang durch die Glockenstube

Die 1000 Jahre Glockengeschichte, die im Glockenmuseum Stiftskirche Herrenberg dargestellt sind, beschreiben den langen Weg der Glocke von der lärmenden Signalgeberin (Beispiel Haithabuglocke) zur musikalischen Botschafterin der Kirche. Ausschlaggebend für diesen Wandlungsprozess ist die Fortentwicklung der so genannten Glockenrippe, also der Formgebung und Profilgestaltung der Glocken.

Bis etwa 1200 werden die meisten Glocken von Mönchen nach den Vorgaben des Klerikers Theophilus in der so genannten Bienenkorbform mit ihrem zumeist herben Klang gegossen. Ein Beispiel ist die Bienenkorbglocke aus dem Dorf Aschara in Thüringen, die als originalgetreue Kopie im Glockenmuseum Stiftskirche Herrenberg zu sehen und zu hören ist.

Zwischen 1150 und 1250 finden die heller und klarer klingenden Zuckerhutglocken, die bereits eine starke Verdickung des Schlagrings aufweisen, eine zunehmende Verbreitung. Die alte Herrenberger Armsünderglocke trägt die Inschrift ?Tetragramaton" (Vierbuchstabenwort) und ist damit als Jehovaglocke ausgewiesen. Sie wird daher heute als Sabbatglocke geläutet.

Erst ab dem 14. Jahrhundert gelingt es den nun meist bürgerlichen Glockengießern mit ihrer gotischen Dreiklangrippe, die tieferen Teiltöne des Glockenklangspektrums in ein zunehmend konsonantes Verhältnis untereinander zu bringen. Daher gilt die Klanggestaltung der spätgotischen Glocke noch heute als Norm. Dieser erste musikalische Höhepunkt der Glockengießtechnik ermöglicht nun den harmonischen Zusammenklang vieler Glocken. Die vor 1483 in der Glockengießerei Eger in Reutlingen gegossene Mittagsglocke gehört zu den klangschönsten des Herrenberger Geläuts.

Im 16. und 17. Jh. werden wegen der Marktsättigung und zusätzlich einsetzenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten weniger Glocken gegossen. Daher erreicht das Klangniveau der reich verzierten Glocken der Renaissance und Barockzeit nicht mehr die spätgotischen Vorbilder. Das Bild zeigt die feine Glockenzier der Guldenglocke von 1602.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg, in dem die Tradition des Glockengießens an vielen Orten Deutschlands abgerissen ist, ersetzen lothringische Wandergießer mit ihrer gedrungenen und dünnwandigen französischen Rippe die verlustig gegangenen Glocken. Allerdings führt diese Material sparende Rippenform zu schwerwiegenden klanglichen Einbußen im Bereich der Innenharmonie und der Resonanz. Die abgebildete Zeichenglocke wurde 1659 für Güntersdorf in Schlesien von dem lothringischen Wandergießer Voillard in Frankfurt/Oder gegossen.

Den Beginn des Spätmittelalters beherrschen die Übergangsformen vom Zuckerhut zur tulpenförmigen gotische Dreiklangrippe. Sie besitzen bereits exakte Schlagtöne und eine weit bessere Innenharmonie als ihre Vorgängerinnen. Die aus Altkranz in Schlesien stammende Osannaglocke ist ein Beispiel für diese Übergangsform.

 

 

 

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