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Von der Finanzbürgermeisterin zur Weinexpertin


Gabrielle Götz-Getzeny
Geht Ende Mai in den Ruhestand: Finanzbürgermeisterin Gabrielle Götz-Getzeny.

Schon früh war Gabrielle Götz-Getzeny klar, dass sie Karriere machen will. „Ich wollte eine Position erreichen, an der ich Dinge bewegen und entscheiden kann“, sagt die Finanzbürgermeisterin. Nach 16 Jahren als Dezernentin in Herrenberg und fast 40 Jahren im Öffentlichen Dienst geht sie Ende Mai in den verdienten Ruhestand. Am 14. Mai wird sie im Gemeinderat offiziell verabschiedet.
 
Gabrielle Götz-Getzeny kann es noch nicht richtig glauben, dass sie bald nicht mehr frühmorgens durch Herrenbergs enge Gassen zu ihrem Büro laufen wird. „Ich habe mich hier  immer sehr wohl gefühlt“, erzählt die Wahl-Tübingerin, die ursprünglich aus Westfalen stammt. Als sie sechs Jahre alt war, zog die Familie ins Schwabenland um. Zunächst verstand Klein-Gabi nur “Bahnhof”, wenn ihre schwäbischen Mitschüler sie ansprachen und denen ging es umgekehrt nicht besser. Da nahm ihre Mutter sie kurzentschlossen wieder von der Schule und beschloss, dass sie noch ein Jahr spielen solle, und zwar draußen, um ordentlich schwäbisch zu lernen. Nach der Grundschule ging es dann auf das Gymnasium, zuerst in Fellbach und dann ins Karlsgymnasium nach Stuttgart, ihr Lieblingsfach war damals nicht etwa Mathe, sondern Deutsch.
 
Nach dem Abitur studierte Götz-Getzeny Jura und spezialisierte sich früh auf Verwaltungsrecht. Es folgten das zweite Staatsexamen und ein Rechtsreferendariat beim Land Baden-Württemberg, dann berufliche Stationen bei der Landeskreditbank, im Innenministerium und im Landratsamt Calw.

2003 bewies der Herrenberger Gemeinderat Mut und wählte sie zur ersten weiblichen Bürgermeisterin. Damals, vor 16 Jahren, war Götz-Getzeny die erste Frau in einer Führungsposition bei der Stadt Herrenberg. OB und Erster Baubürgermeister sowie alle Amtsleiter waren Männer. „Das war nicht immer leicht, aber ich habe mich durchgebissen“, sagt sie rückblickend. Sie habe sich öfter mal Gehör verschaffen müssen nach dem Motto „Jetzt rede ich“ oder „Lassen Sie mich bitte ausreden, ich war noch nicht fertig“. Aber der Respekt wuchs mit den Jahren, denn als Finanzbürgermeisterin beherrschte sie ihr Handwerk souverän. Die Konjunktur lief gut, lediglich zwei Konsolidierungsrunden, sprich Sparrunden, musste sie als städtische Finanzchefin verantworten.

Viel bewegt

Viel hat sich in den 16 Jahren im Dezernat 2 verändert, seit GGG – wie sie innerhalb der Verwaltung heißt - Chefin der mehr als 120 Mitarbeitenden von Kämmerei, Ordnungsamt und Stadtwerken ist. So fällt etwa die aufwendige Umstellung von der kameralistischen Rechnungsweise zur Doppik in diese Zeit, die Umorganisation des Ordnungsamtes, die Ausgliederung der Bäderbetriebe aus der Stadt und die damit zusammenhängende strategische Neuausrichtung des Eigenbetriebs Stadtwerke, sowie natürlich auch der Bau des Naturfreibades im Längenholz. Besonders froh und erleichtert ist die Juristin, dass sie vor ihrem Ruhestand noch einen Vergleich in Sachen Naturfreibad herausgeholt hat: 190.000 Euro zahlt die Versicherung des Generalplaners an die Stadt als Schadensersatz für die Schließungen des Bades in 2015 und 2016.

Zu Beginn ihrer Amtszeit war die Finanzbürgermeisterin auch für die Wirtschaftsförderung zuständig und führte erstmalig Unternehmergespräche und –runden ein, unter anderem mit dem damaligen Ministerpräsidenten Oettinger. Herzblut steckte sie auch über die Jahre in den Ausbau des ÖPNV und freut sich jetzt darüber, dass die Förderung Herrenbergs als Modellstadt nochmal “so richtig optimiert” werden konnte.

Aktiv im Ruhestand

Auf die Frage, was sie künftig dienstagmorgens machen werde, antwortet sie spontan: „Da werde ich walken.“ Es schwingt mit, dass sie die wöchentliche Männerrunde, sprich die Dezernentenrunde, nicht wirklich vermissen wird. „Ich bin jetzt 63, da merkt man, dass das Leben endlich ist“, sagt Götz-Getzeny nachdenklich. Deshalb will sie die Zeit ab jetzt voll nutzen: Viel unterwegs sein, die ersten Reisen sind bereits gebucht; wieder sportlich aktiv sein, vor allem Wandern, Radfahren und Skifahren - soweit es nach einer Hüftoperation im vergangenen Jahr wieder geht. „Ich taste mich langsam wieder heran.“ Viel Sport hat sie immer gemacht, dazu gehörten nicht selten auch extreme Bergwanderungen mit bis zu 2200 Höhenmetern. Als Jugendliche war sie sogar zwei Mal baden-württembergische Meisterin im Einer-Rudern.
 
„Ich freue mich auf den neuen Lebensabschnitt“, stellt Götz-Getzeny fest. Zum großen Teil wird sie künftig im schweizerischen Graubünden in der Nähe von Chur leben. Ihr zweiter Mann, den sie vor sieben Jahren kennenlernte und 2018 heiratete, ist Schweizer. „Wir haben dort einen Weinberg, den wir bewirtschaften.“ 800 Rebstöcke mit Pinot-Noir-Trauben warten darauf, übers Jahr gepflegt zu werden.

Juristin statt Journalistin

Ein weiteres Hobby, für das von nun an wieder Zeit sein soll, ist das Lesen und Schreiben. „Ich bin eigentlich eine Leseratte“, sagt sie, „das Lesen von Büchern ist als Bürgermeisterin leider viel zu kurz gekommen.“ Auch das Schreiben eigener Texte war höchstens im Urlaub möglich, ein Text von ihr wurde bei der Tübinger Veranstaltung “poets corner” sogar prämiert. Fast wäre Götz-Getzeny hauptberuflich beim Schreiben gelandet, wären da nicht die Juristerei und die Liebe dazwischen gekommen. Denn eigentlich hatte die Abiturientin nach einer Hospitanz bei der dpa Stuttgart eine Zusage für ein Volontariat in der Tasche, allerdings in Hamburg. Aber da wollte sie nicht hin. Auf einen Ausbildungsplatz in Stuttgart musste sie ein Jahr warten und wollte deshalb nur übergangsweise in Tübingen Jura studieren. Doch dann blieb sie dabei, der Rest ist bekannt.
 
Bei ihrer letzten offiziellen Rede am internationalen Frauentag im März zitierte GGG die amerikanische Schauspielerin und Autorin Roseanne Barr: „Was Frauen noch lernen müssen, ist, dass niemand ihnen Macht gibt. Sie müssen sie sich nehmen.“ Diese Botschaft hatte Gabrielle Götz-Getzeny schon früh begriffen.