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Gekommen, um zu bleiben?


Bei Pflegemaßnahmen des Gewässerrands sind den städtischen Mitarbeitern des Amts für Technik, Umwelt, Grün (TUG) einige abgebrochene Bäume entlang der Ammer bei Gültstein aufgefallen. Sturmschäden, Vandalismus, Zufall? Nichts dergleichen. Bei näherem Hinsehen wurden Fraßspuren entdeckt, die nur eine Schlussfolgerung zulassen: Der Biber ist zurück auf Herrenberger Gemarkung!
 
Jetzt wohl endgültig, so die Einschätzung von Jürgen Baumer - und der Umweltbeauftragte der Stadt Herrenberg freut sich über diese Entwicklung. „Vor über 150 Jahren wurden die Biber ausgerottet. Umso schöner ist es, dass das weltweit zweitgrößte Nagetier nun auch wieder in den Landkreis Böblingen zurückgekehrt ist.“
Dass sich die Biber für ihre Rückkehr die Gäustadt ausgesucht haben, verwundert den Umweltbeauftragten nicht weiter. In den vergangenen zwei Jahren wurden in Herrenberg bereits zwei Biber gesichtet: Im Mai 2017 war der vermutlich erste Biber im Landkreis in der Daimlerstraße gefunden worden – nachdem er dort nachts mit einem Auto kollidierte und in Folge des Zusammenstoßes verendete. Fast auf den Tag genau ein Jahr später, im Mai 2018, war ein weiterer Biber in der Herrenberger Innenstadt unterwegs. Während der Verfolgungsjagd, die sich das Tier mit der gerufenen Polizeistreife lieferte, wurde sogar ein Passant gebissen. Ob die nun aktuell gesichteten Fraßspuren vom „stadtbekannten“ Biber stammen – er war im vergangenen Frühjahr von der Polizei an die Ammer gebracht und dort frei gelassen worden – kann Jürgen Baumer nicht definitiv sagen. „Biber sind nicht nur partnertreu. Sie leben auch im Familienverbänden, die ihr Revier gegenüber ihren Artgenossen rigoros verteidigen“, sagt der Umweltbeauftragte und er schiebt augenzwinkernd hinterher: „Es ist deshalb sehr gut möglich, dass zwischen den Tieren zumindest ein verwandtschaftliches Verhältnis besteht.“
 
An der Ammer bei Gültstein hat der Nager mit der markanten Schwanzkelle, sie ist flach, kräftig, felllos und bis zu 30 Zentimeter lang, ideale Lebensbedingungen. Er siedelt sich inzwischen auch an Gewässerabschnitten an, die zuvor von Menschenhand verändert wurden. Am wohlsten fühlt er sich an langsam fließenden Bächen und Flüssen, die von Gehölz eingesäumt sind und die das ganze Jahre über Wasser führen. Dort findet der Biber seine Nahrung. Der Vegetarier unter den Nagern ernährt sich in den Sommermonaten von Kräutern, Wurzeln und Sprossen von Wasserpflanzen, von Gräsern und Feldfrüchten, im Winter ist die Baumrinde von Weichhölzern wie Weide oder Pappel seine Hauptnahrung. Die eingefassten Uferbereiche eignen sich aber auch hervorragend für den Bau der Staudämme und den aufwändigen Biberburgen, die teils über und teils unter Wasser angelegt werden. Vorteil der umfangreichen Grabungen: Natur und Landschaft profitieren von der tierischen Fleißarbeit. „Indem sie ihre Dämme, Gänge und Bauten anlegen, gestalten die Biber die Wasserläufe naturnah um“, sagt Jürgen Baumer. Lebensräume werden dadurch geschaffen, in den Uferbereichen wird so auf natürliche Art und Weise der Hochwasserschutz verbessert. Jürgen Baumer rechnet aber nicht damit, dass er an der Ammer einen Staudamm baut, weil der Bachlauf ganzjährig Wasser führt und somit sich der Eingang ständig unter der Wasseroberfläche befindet. Wie es jedoch aussieht, wenn durch immer häufiger vorkommende langanhaltende Trockenperioden mit wenig Niederschlag der Wasserstand in der Ammer abnimmt, muss abgewartet werden.
 
Doch wie so oft, gibt es auch hier eine Kehrseite der Medaille: Vor allem mit Gewässeranliegern kann es zu Konflikten kommen. Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen, bei Fischzucht und beim Forst können der Gehölzverbiss und der Fraß der Feldfrüchte zu Unmut, vor allem aber zu Schäden und Ertragsminderungen führen. „Werden Uferböschungen oder Hochwasserdämme von den Bibern untergraben, kann das dazu führen, dass das Wasser nicht mehr ungehindert ablaufen kann“, nennt Jürgen Baumer eine weitere Beeinträchtigung. Im Bach- oder Flussbett kommt es zu Stauungen, angrenzende Grundstücke vernässen, an vorbeiführenden Wegen und Straßen drohen Unterspülungen und Einbrüche. Wobei diese Szenarien am aktuellen Sichtungsort an der Ammer nahezu ausgeschlossen sind. „Die Spuren, die wir bislang gefunden haben, sind sehr dezent“, sagt Hansjörg Klein von der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamtes Böblingen nach einem Vororttermin. Derzeit müsse man deshalb keine Angst vor „übermäßigen Aktivitäten“ haben. „Solange das Tier andere Nahrung findet, wird er auch Bäume in Ruhe lassen“, weiß Hansjörg Klein. Diese gelten nur als Winternahrung. Vorbeugend wird die Stadt Herrenberg deshalb künftig ihre Pflegemaßnahmen an den zugezogenen Biber anpassen. „Wir werden an der Fundstelle hin und wieder anfallendes Weichholz-Schnittgut ablagern und Bäume, die dort liegen, so vor Hochwasser sichern, dass sie dort liegen gelassen werden können“, beschreibt Jürgen Baumer einige geplante Maßnahmen.
Ganz allgemein hat der Biber einen Schutzstatus. Der Nager, der es im „Erwachsenenalter“ auf eine stattliche Kopf-Rumpf-Länge von knapp 100 Zentimeter und auf ein Gewicht von bis zu 30 Kilogramm bringt, darf weder gefangen, noch verletzt oder gar getötet werden. Seine Wohn- oder Zufluchtstätten dürfen nicht beschädigt oder zerstört werden. „Nur im Einzelfall und nur dann, wenn es sonst zu erheblichen, nicht hinnehmbaren Schäden kommen würde, können von diesen Schutzregelungen Ausnahmen zugelassen werden“, sagt Jürgen Baumer.
Ansprechpartner für alle Fragen rund um den Biber sind Hansjörg Klein vom Landratsamt Böblingen (Untere Naturschutzbehörde, Mail: H.Klein@lrabbb.de, Telefon: 07031-663 1173) sowie der ehrenamtliche Biberberater Helmut Schimkat (hschimkat@gmx.de, 07031-733 855).