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Stadt und ihre Menschen im Fokus


Wer auf der Suche nach Fotografien zu Herrenberg vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts ist, stößt dabei unweigerlich auf die Arbeiten von Julius Krayl. Drei Jahrzehnte lang porträtierte der Herrenberger Fotograf die Stadt und ihre Menschen mit seiner Kamera. Vor 150 Jahren, am 7. Dezember 1868, wurde Julius Krayl geboren.
 
Julius Krayl (1868 bis 1926) fotografierte nicht nur Personen, Personengruppen und Vereine in Herrenberg; er dokumentierte auch in mehr als 60 Detailaufnahmen das Chorgestühl der Stiftskirche. Auch von außen hat Krayl die „Glucke vom Gäu“ aus verschiedenen Blickwinkeln festgehalten, ebenso das Herrenberger Stadtbild.
 
Das Stadtarchiv bewahrt rund 200 Fotografien auf Glasplatten von Julius Krayl auf. 2010 hatte eine Enkelin Krayls, Irmgard Hägele, die Glasplatten zusammen mit weiteren Gegenständen und Unterlagen aus dem Nachlass ihres Großvaters dem Archiv übergeben. „Die Glasplatten zeugen von der großen Vielseitigkeit und dem Können Julius Krayls als Fotograf“, beurteilt Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz die Schenkung.

150. Geburtstag

Vor 150 Jahren, am 7. Dezember 1868, kam Julius Krayl als zweiter Sohn des Herrenbergers Immanuel Krayl und dessen Ehefrau Karoline zur Welt. Von der Kindheit im ländlichen, 1855 gerade einmal 2.374 Einwohner zählenden Herrenberg ist nichts bekannt. Krayls Vater war Buchbindermeister. Das Elternhaus lag in der Stuttgarter Straße 16.

Großes Spektrum an Waren und Dienstleistungen

In seinem Elternhaus, hatte Julius Krayl ab 1896 ein Fotogeschäft. Eine Werbeannonce, die 1905 im Gäubote erschien, deutet auf das große Spektrum seiner Waren und Dienstleistungen hin. Krayls Angebot reichte von Geschenkartikeln über sogenannte Galanteriewaren – heute würde man dazu Accessoires sagen – Fenster- und Wandbilder, auch mit Herrenberger Motiven, Gesangbücher, Postkarten, Bilderrahmen und Fotografiewaren bis zu Schiefertafeln und sonstigem Schulbedarf. Krayl führte neben fotografischen Arbeiten auch Buchbinderarbeiten aus und rahmte Bilder, Fotografien, aber auch getrocknete Totenbouquets und Brautkränze.

150 Mark Bargeld bei Heirat mit Bäckerstochter

Julius Krayl selbst heiratete 1896 die Bäckerstochter Karoline Beerstecher. Anlässlich ihrer Heirat wurde eine sogenannte Beibringensinventur erstellt, die das Vermögen auflistete, das Braut und Bräutigam in die Ehe einbrachten. Demnach brachte Julius Krayl ein Vermögen von 1.333 Mark 17 Pfennig ein, das Zubringen seiner Ehefrau war dagegen fast doppelt so hoch, nämlich 2.615 Mark 20 Pfennig. Dabei wurde zunächst festgestellt, dass Julius Krayl keine Liegenschaften, jedoch immerhin 150 Mark Bargeld besaß; Karoline dagegen brachte neben eigenem Besitz aus dem Erbe ihres Vaters zwar kein Haus, aber unter anderem zwei Äcker und eine Wiese im Wert von 900 Mark sowie Bargeld in Höhe von 394 Mark 90 Pfennig mit in die Ehe.

Taschenbuch zur Fotografie

„Interessant ist, dass in Julius Krayls Buchbesitz auch ein Taschenbuch zur Fotografie auftauchte“, berichtet die Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz. Dazu seien noch zwei fotografische Apparate im Wert von 400 Mark sowie zur Fotografie notwendige Möbel, fünf Fotoplatten und sogenanntes Auskopierpapier, das in der Fotografie bis 1907 verwendet wurde.
Auch die Möbel wurden in der sogenannten Beibringensinventur genau aufgeführt. Erwähnt werden zwei Tische, zwei Stühle, ein Kopfgestell, eine Balustrade, ein Wagen und ein Kindersessel sowie zwei Hintergründe. „Alles Dinge, die Krayl zum Arrangement seiner Personengruppenfotos benötigte“, erläutert die Stadtarchivarin weiter. Die Liste macht deutlich: Der Wert seines fotografischen Handwerkszeugs machte bereits die Hälfte der Vermögenswerte aus, die Julius Krayl mit in die Ehe brachte. Das Haus des Vaters in der Stuttgarter Straße 16 kam offenbar erst nach dessen Tod im Jahr 1904 in den Besitz des Ehepaars.

Plötzlicher Tod

Wie aus dem Sterberegister hervorgeht, starb Julius Krayl völlig überraschend am 29. Dezember 1926 im Alter von 58 Jahren im Herrenberger Bahnhofsgebäude. Er hinterließ fünf Kinder und seine Ehefrau Karoline. Das Familiengrab der Krayls befindet sich auf dem Herrenberger Stadtfriedhof.
Nach seinem Tod führten Krayls Töchter Lydia und Julie das elterliche Fotogeschäft in der Stuttgarter Straße 16 weiter und ergänzten es um eine Buchhandlung als weiteres Standbein. Auch von Lydia Krayl befindet sich ein großer Schatz in den Beständen des Stadtarchivs: Die Glasplatten vom Festzug zur 700-Jahr-Feier der Stadt Herrenberg im Jahr 1929.

Ausblick: Ausstellung in 2019

Für nächstes Jahr plant das Stadtarchiv anlässlich des 150. Geburtstages von Julius Krayl eine Ausstellung. Hier sollen ausgewählte Fotos aus dem Bestand der Glasplatten, die 2017 digitalisiert wurden, erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden.