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Waldweide im Herrenberger Stadtwald


Eine kleine Gruppe Galloway-Rinder wird ab voraussichtlich Ende Mai im Herrenberger Stadtwald weiden. Auf einer rund sieben Hektar großen Fläche im Gewann Sauhägle bei Kayh-Mönchberg werden die Rinder im Sommerhalbjahr den Naturpark Schönbuch bereichern. Für Umwelt und Naturschutz, Naherholungssuchende und Wanderer hat die Waldweide viele positive Effekte.
 
Über viele Jahrhunderte stellte die Waldweide auch im Herrenberger Stadtwald eine übliche Nutzungsform dar; Namen wie „Sauhägle“ oder „Rosshau“ erinnern heute noch daran. So wurde das Sauhägle bereits früher als Weidefläche für Hausschweine genutzt. Heute befindet es sich größtenteils auf der Gemarkung Gültstein; ein kleinerer Teil liegt auf der Gemarkung Herrenberg. In diesem Bereich ist die lichte Waldweidefläche mit einzelnen alten Bäumen und Baumgruppen entstanden.
 
Wer sich daher dieser Tage in diesem Bereich im Wald bewegt, wird den durch den städtischen Forstbetrieb licht gestellten Wald entdecken. Das Konzept für die Waldweide wurde in enger Kooperation mit dem Kreisforstamt Böblingen, dem Naturpark Schönbuch und zahlreichen zu beteiligenden Fachbehörden erarbeitet.

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Der Weidewald ist gut für die biologische Vielfalt im Herrenberger Stadtwald, wie einer Infotafel zu entnehmen ist.


Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere

Die Waldweide stellt mit Blick auf die Belange von Umwelt- und Naturschutz eine Bereicherung dar: Sie zeigt, wie vielfältig der Herrenberger Stadtwald in seiner Vergangenheit genutzt wurde, und bietet vielen seltenen Pflanzen und Tieren neuen Lebensraum. Waldvögel, wie Baumpieper, Grauspecht, Wiedehopf und Kuckuck, aber auch Insekten, Fledermäuse, Amphibien und Reptilien profitieren von den lichten und offenen Strukturen der Waldweide. Naturschutzfachlich ist es daher ein wichtiges Ziel durch „lichte Wälder“ einen Sonderlebensraum für diese so genannten Lichtwaldarten zu schaffen und so die Biodiversität zu erhöhen.
 
Auch für Naherholungssuchende und Wanderer ist die Waldweide im Naturpark Schönbuch ein Gewinn. Nicht zuletzt sprechen auch landeskulturelle Gründe dafür, auf einer begrenzten Fläche die historische Schönbuchlandschaft wiederherzustellen und mit einer aktiven Beweidung erlebbar zu machen. „Mit der Waldweide betreiben wir also Heimatkunde im besten Sinne“, sagt Reinhold Kratzer, der Leiter der Kreisforstamtes.


Nutzungsform mit Geschichte

Bis ins 19. Jahrhundert grasten Pferde, Esel, Rinder, Ziegen und Schafe im Wald, Schweine gruben nach Eicheln und die Hirten und Gemeinden stritten sich um die besten Weideplätze. „Der Grenzweg zwischen dem Herrenberger und Hildrizhauser Wald heißt nicht umsonst Streitweg“, weiß Reinhld Kratzer. „Bisweilen muss es ziemlich laut zugegangen sein im Wald“, ist er überzeugt. Hierfür spreche etwa die große Zahl an Weidevieh: Im Jahr 1714 gab es im Schönbuch (ohne den Bebenhäuser Klosterwald) 15.046 Weidevieh in 117 Herden.


Schafwäsche, Schinderklinge, Schinderwasen

Nicht nur Namen wie „Sauhägle“ oder „Rosshau“ erinnern heute noch daran, dass die Waldweide auch im Herrenberger Stadtwald über viele Jahrhunderte eine übliche Nutzungsform darstellte: „Im Bereich der Schafwäsche im Mähdertal kann man heute noch die Steinplatten im Bachgrund erkennen, auf denen die Schäfer ihre Tiere vor der Schur gereinigt haben“, berichtet Karatzer. In einer Forstkarte von 1798 ist direkt daneben ein Herrenberger Viehhaus verzeichnet. Auch die Abteilung Stellberg an der Hildrizhauser Straße, auf dem heute der Schönbuchturm steht, lasse ehemalige Stallungen oder Unterstände im Wald vermuten.
 
Die „Schinderklinge Richtung Kayher Tal und der „Schinderwasen“ im Kuppinger Wald markieren die Orte, an denen tote Tiere „auf den Schinder geworfen“, also entsorgt wurden. „Talwiesenhau“, „Waldwiesenhau“ und „Heuweg“ waren Flächen, die zu Weidezwecken vollständig gerodet waren. „Reste dieser einst ausgedehnten Wiesen finden sich heute noch im Mähdertal, im Kayhertal und im Goldersbachtal“, so Kratzer.


Goethe über den Schönbuch

Dass der historische Schönbuch aufgrund von Waldweiden und intensiver Holznutzung lange Zeit ein lichter Wald war, notierte auch Goethe. Als der Dichter 1797 auf einer Reise in die Schweiz den Schönbuch durchquerte, schrieb er: „Einzelne Eichbäume stehen hier und da auf der Trift.“
 
Kurz darauf, im 19. Jahrhundert, wurde es durch die Einführung einer planmäßigen und systematischen Forstwirtschaft nach und nach still im Wald. Später erhielt der Wald als großflächiges Erholungsgebiet insbesondere eine zunehmende Bedeutung.


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Auf dieser Waldweideflächen im Schönbuch weiden demnächst Galloway-Rinder.