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Gültsteiner Geschichte von 769 bis 2019


Es ist mit 745 Seiten das umfangreichste der bisher fünf vom Stadtarchiv Herrenberg herausgegebenen Ortsbücher: das jetzt erschienene Ortsbuch für Gültstein, dem am frühesten belegten Ort im alten Landkreis Böblingen. 23 Autorinnen und Autoren sowie weitere Helfende haben mit ihrem großen Engagement an seinem Entstehen mitgewirkt und hervorragende Arbeit geleistet.

Nach einem Artikel von Eberhard Merk vom Hauptstaatsarchiv Stuttgart über das Gültsteiner Wappen beginnt der chronologische Gang durch die Geschichte mit einer geologischen Zeitreise um Gültstein, in der Dr. Joachim Eberle von der Universität Tübingen auch erklärt, warum die Ammer ein „sterbender Fluss“ ist und warum er die Lage Gültsteins aus geologischen, naturräumlichen und bodenkundlichen Gesichtspunkten als außerordentlich günstig beurteilt.

Dr. Christoph Morrissey vom Tübinger Büro-Südwest schließt bei den ersten Spuren einer jungsteinzeitlichen Siedlungstätigkeit an und arbeitet systematisch die Fundplätze auf der Gültsteiner Markung bis ins frühe Mittelalter, bis zum Einsetzen schriftlicher Überlieferung, auf. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass eine der ältesten bäuerlichen Siedlungen im Gäu auf der Anhöhe des Gültsteiner Gewanns „Kampfhans“ lag.


Gültstein im Mittelalter

Dr. Roman Janssen widmet sich dann in einem umfangreichen Beitrag dem Mittelalter Gültsteins, angefangen von der Ersterwähnung im Lorscher Schenkungsbuch im Jahr 769 bis zum Übergang zur Neuzeit mit dem Aufstand des sogenannten Armen Konrads und dem Bauernkrieg. Er beleuchtet darin die Umstände der Erstnennung Gültsteins und charakterisiert den Ort als Unterzentrum des Nagoldgaus zu einer Zeit, als es Herrenberg noch nicht einmal gab.

Der Artikel von Dr. Stefanie Albus-Kötz widmet sich verschiedenen Aspekten der Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts und damit einer Zeit, in der das Leben in Gültstein von Hunger, Krieg, Verwüstungen und Tod geprägt war.

Dr. Claudia Nowak-Walz aus Nufringen – zusammen mit Andrea Scholz-Rieker Lektorin des Bandes - schrieb den Beitrag zum 18. Jahrhundert, das für die Gültsteiner Bürgerinnen und Bürger durch erhöhte Steuerlast im Zuge des Absolutismus - Herzog Eberhard Ludwig musste etwa den Bau seines Schlosses in Ludwigsburg finanzieren -  durch Betonung der Kirchenzucht, Pietismus und Separatismus in Glaubensdingen, aber auch durch den verheerenden Ortsbrand 1784 charakterisiert ist.

Bau der Ammertalbahn

Die Winnender Stadtarchivarin Michaela Couzinet-Weber deckt den Zeitraum von 1806 bis zum Ende des Kaiserreichs 1918 ab. Besonders wichtig war in diesem Zeitraum sicherlich der Bau der Ammertalbahn, mit dem 1907 begonnen wurde und der mit der Inbetriebnahme 1909/10 endete.

Dr. Marcel vom Lehn – Autor des elften Bandes der Herrenberger Historischen Schriften zur NS-Zeit in Herrenberg – untersucht die Zeit von Weimarer Republik, Nationalsozialismus und junger Bundesrepublik in Gültstein und führt dabei den großen Erfolg der Nationalsozialisten auf eine gewisse Demokratie- und Politikferne im bäuerlichen Milieu zurück.

Die Zeit der Eingemeindung vor 1975 und die damit verbundenen Konflikte arbeitet schließlich erstmals systematisch der gebürtige Gültsteiner Gerd Braitmaier auf, der dafür akribisch die Akten, Gemeinderatsprotokolle und den Gäubote im Stadtarchiv ausgewertet hat.

Alois Plümper, der ehemalige Gültsteiner Ortsvorsteher, beendet schließlich den Gang durch die Geschichte mit der jüngsten Zeit seit der Eingemeindung und geht dabei vor allem auf die rasante wirtschaftliche und strukturelle Entwicklung des Ortes ein.

Brand von 1784

Es folgen facettenreiche Beiträge zu Einzelaspekten der Gültsteiner Vergangenheit und Gegenwart. So kartiert der gebürtige Gültsteiner Joachim Kresin – jetzt Stadtarchivar in Schwetzingen - in seinem die Jahrhunderte durchschreitenden Aufsatz zur baulichen Entwicklung Gültsteins z. B. den bei dem Brand von 1784 abgebrannten Bereich des Ortes, zeichnet den Wiederaufbau nach, bietet eine Auflistung der weiteren Gültsteiner Brandfälle und endet bei den Folgen der Ortskernsanierung.

Tilman Marstaller, der Rottenburger Bauforscher, bietet einen Rundgang durch die historischen Gebäude in Gültstein, wobei er zunächst die Peterskirche in den Blick nimmt und mit einer Neudatierung des Turmes aufwarten kann, der noch im Kirchenführer als romanisch bezeichnet wurde, aber offenbar erst aus der Zeit um 1430 stammt. Marstaller betont auch die Bedeutung des Erhalts der wenigen noch verbliebenen historischen Gebäude in Gültstein als historische Quellen zu den Lebensbedingungen im Ort seit dem 15. Jahrhundert.

Wald und Flurnamen

Hansjörg Dinkelaker, ehemals Leiter des Forstamts Herrenberg, beleuchtet den Gültsteiner Wald, der erst 1833 vom Mönchberger Wald getrennt wurde, in allen Facetten und geht dabei auf Waldnutzung, hauptsächliche Baumarten, Jagd und vieles mehr ein.

Wolfgang Wille aus Mössingen hat mit großer Akribie die Gültsteiner Flurnamen zusammengestellt und erklärt, die teilweise bereits im Hirsauer Codex aus der Zeit um 1125 auftauchen und von denen 22 auch später noch nachweisbar bleiben.

Auch das Gültsteiner Alltagsleben im 20. Jahrhundert kommt durch die von Ingrid Haudek und Walter Wolf konzipierten Fotoseiten nicht zu kurz, sondern wird reich mit teilweise noch unveröffentlichten Abbildungen illustriert, die nach mehreren Fotoaufrufen hauptsächlich aus den Fotoalben der Gültsteinerinnen und Gültsteiner, die diese dankenswerterweise geöffnet haben, stammen.

Auch Dr. Ingrid Helber aus Balingen beleuchtet auf der Grundlage einer Auswertung der im Ortsarchiv Gültstein aufbewahrten Inventuren und Teilungen - einer der spannendsten Quellentypen der Kommunalarchive - das Leben im Dorf, die Gültsteiner Sozialstruktur, Berufe oder auch den Wandel der Gültsteiner Tracht in der Zeit vom 17. bis 19. Jahrhundert.
 

Wein aus Gültstein und Mönchberg

Die Weinbauexpertin Dr. Christine Krämer aus Stuttgart untersucht den erstmals 1125 im Hirsauer Codex belegten Weinbau von Gültstein und Mönchberg – beide Orte wurden ja erst 1833 verwaltungsmäßig getrennt. Es waren sicherlich keine Spitzenweine, die hier wuchsen, aber man baute auch bessere Sorten, nämlich Traminer und Muskateller oder Klevner, an. Durch Verwüstungen und Personalmangel in der Folge des 30-jährigen Krieges und zusätzliche Klimaverschlechterungen wurde schließlich 1772 der letzte Weinberg in Mönchberg gerodet.

Sehr lesenswert sind zudem die kleineren Beiträge von Volker Mall, Vorstandsmitglied der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen, zum Abschuss eines alliierten Jagdflugzeugs während des 2. Weltkriegs; des Gültsteiners Andreas Ormos zur Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen am Ende des 2. Weltkriegs; von Ortsvorsteher Gerhardt Kauffeldt zu der seit 1970 bestehenden Partnerschaft mit Amplepuis; von Ortschaftsrätin Maya Wulz zum Kampf der Bürgerinitiative „Vermeiden statt Verbrennen“ gegen die geplante Sondermüllverbrennungsanlage und schließlich der humorvolle Beitrag von Dr. Wolfgang Wulz zu den Gültsteiner Necknamen.


Gültsteiner Persönlichkeiten

Am Ende des Bandes stehen Biographien besonderer Gültsteiner Persönlichkeiten wie des überregional bedeutenden Eisenbahnpioniers Otto Kapp von Gültstein, der sich in Gültstein ein Sommerhaus, das Schlössle, baute, oder aber auch von Emma Binder, der örtlichen Tante-Emma-Laden-Besitzerin, oder des ehemaligen Bürgermeisters Gottlob Wohlbold.

Last but not least sind noch die Beiträge der zahlreichen Vereine, Gruppierungen und Einrichtungen Gültsteins zu nennen, die ebenfalls einen sehr wichtigen Teil des Ortsbuchs ausmachen, prägen doch diese das aktuelle örtliche Leben mit und machen es durch ihr Engagement bunt, lebendig und vielfältig.

Das neue Ortsbuch ist bei den Herrenberger Buchhandlungen Schäufele und Papyrus, im Stadtarchiv Herrenberg, dem Bezirksamt Gültstein sowie am Infopoint im Bürgeramt jeweils zu den üblichen Öffnungszeiten bis Ende Mai 2019 zum Preis von 33 Euro zu erhalten. Danach kostet es 42 Euro.

Haben Sie Fragen an das Stadtarchiv oder möchten Sie alte Unterlagen, Briefe, Fotos oder Tagebücher abgeben? Dann wenden Sie sich gerne unter der Telefonnummer 07032 954633-0 oder archiv@herrenberg.de an das Stadtarchiv.