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„Kannst Du zu Hause nicht tanzen?“


Viel Interesse zeigten die Kinder der Kita Kayh, als die gehörlose Heidemarie Mezger zu Besuch war.
Viel Interesse zeigten die Kinder der Kita Kayh, als die gehörlose Heidemarie Mezger zu Besuch war.

Kürzlich bekamen die Kinder der Kita Kayh besonderen Besuch: Die gehörlose Heidemarie Mezger aus Haslach verbrachte einen Vormittag mit den Kindern und berichtete aus ihrem Alltag.
 
Die Idee, Heidemarie Mezger einzuladen, hatte Mike Züfle, der in der Kita Kayh als pädagogische Fachkraft arbeitet. In seiner Ausbildung hat er Grundkenntnisse in der Gebärdensprache erworben, die er jetzt im Kita-Alltag, insbesondere beim Liedersingen, gezielt einsetzt. „Die Kinder haben großes Interesse daran – so kam mir die Idee, eine gehörlose Person einzuladen.“ Ines Böttcher vom Team Beteiligung und Engagement hat dann den Kontakt zu Heidemarie Mezger hergestellt.
 
Für ihren Gast haben die Kinder mit Mike Züfle einen besonderen Programmpunkt, ein Monatslied-Medley, einstudiert: Jeden Monat lernen die Kinder ein neues Volkslied. Da viele in altdeutscher Sprache geschrieben sind, werden sie beim Singen durch einfache Gebärden ergänzt. „Die Kinder haben daran viel Spaß, sodass wir bereits zehn Monatslieder gelernt haben“, berichtet Mike Züfle. Für ihren Gast haben sie dann von acht Monatsliedern jeweils die erste Strophe vorgesungen. Passend dazu haben die älteren Kinder, die jetzt in die Schule gekommen sind, selbstgebastelte Schilder mit den Monatsnamen hochgehalten. Heidemarie Mezger war begeistert – und applaudierte in Gebärdensprache.

Von den Lippen lesen

Nach dem Monatslied-Medley war das Eis gebrochen – und die Kinder löcherten ihren Gast mit Fragen: Was machst Du, wenn Du Auto fährst und jemand hupt? Hast Du keine Hörgeräte? Diese und viele weitere Fragen hat Heidemarie Mezger geduldig beantwortet – und dabei Einblicke in ihren Alltag gegeben. So berichtete sie, dass sie beim Autofahren den Verkehr genau beobachte, viel in den Spiegeln sehe und beispielsweise Blaulicht oder Lichthupen sehr wohl wahrnehme und frühzeitig darauf reagiere. Hörgeräte würde sie nicht tragen, da sie ihr nichts nützen würden, da ihre Gehörnerven ganz zerstört seien.  

Beim Fragenstellen haben sich die Kinder bemüht, deutlich zu sprechen, damit Heidemarie Mezger von ihren Lippen lesen konnte. „Sie haben bemerkt, dass Heidemarie Mezger anders spricht als Menschen, die hören können. Manchmal mussten sie sich anstrengen, um alles zu verstehen“, berichtet Mike Züfle. „Letztlich konnten sie sich aber sehr gut unterhalten!“

Musik fühlen

Ein vierjähriges Mädchen wollte dann noch wissen: „Kannst Du Zuhause nicht tanzen?“ Heidemarie Mezger antwortete: „Ich kann Musik zwar nicht so hören wie ihr, aber fühlen.“ Wie man Musik fühlen kann, haben die Kinder dann später selbst erfahren: Alle, die wollten, bekamen einen aufgepusteten Luftballon. Als dann ein Lied mit viel Bass laut gespielt wurde, konnten die Kinder auf dem Luftballon die Schwingungen durch die Musik deutlich spüren. „Für viele Kinder war dies ein wirklich eindrückliches Erlebnis“, berichtet Mike Züfle.

Und auch sonst zieht der Erzieher ein positives Fazit: „Wir haben viel von Heidemarie Mezger gelernt, zum Beispiel die Gebärden zu den Wochentagen und Monaten – die werden wir künftig bestimmt öfters in unserem Kita-Alltag einsetzen.“

Gebärdensprach-Dolmetscher

Wer eine öffentliche Veranstaltung in Herrenberg ausrichtet, von der gehörlose Menschen aus Herrenberg profitieren, kann hierfür einen Gebärdensprach-Dolmetscher engagieren. Die Stadt Herrenberg übernimmt hierfür die Finanzierung. Ziel ist es, die Teilhabe von Gehörlosen am öffentlichen Leben zu fördern. Vereine und andere nicht-kommerzielle Veranstalter, die das Dolmetscher-Budget nutzen möchten, können sich an Ines Böttcher unter Telefon 07032 924- oder per E-Mail an i.boettcher@herrenberg.de wenden.