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Auch am Küchentisch über Grundstücke verhandelt


Mit viel Engagement, Fachwissen, Geduld und Herzblut hat Rainer Stingel als Leiter des Liegenschaftsamtes und später der Bauverwaltung die städtebauliche Entwicklung Herrenbergs mehr als vier Jahrzehnte mitgestaltet. Nach – auf den Tag genau – 41 Jahren bei der Stadt Herrenberg und 45 Jahren im Öffentlichen Dienst geht er am 31. Oktober in den verdienten Ruhestand. Am 22. Oktober wird er im Gemeinderat offiziell verabschiedet.
 
„Ich kann es selbst fast noch nicht glauben“, sagt Rainer Stingel mit Blick auf den neuen Lebensabschnitt. Er habe sich in Herrenberg immer sehr wohl gefühlt. „Die Zeit verging schnell, und langweilig ist es mir in all den Jahren nie geworden.“ Rainer Stingel hat sich vor allem um den Grundstücksverkehr gekümmert, das heißt: Er hat unzählige Verhandlungen mit Grundstückseigentümern geführt, neue Wohn- und Gewerbegebiete entwickelt, aber auch strategische Konzepte und juristische Verträge erarbeitet. „Der Grundstücksverkehr ist ein wesentlicher Teil der Stadtentwicklung, da war immer viel Musik drin“, betont Stingel. Dass er die Zukunft der Stadt aktiv mitgestalten konnte, hat ihn bis zum Schluss motiviert. „Klar, das wird mir fehlen – aber ich werde die Themen weiterverfolgen.“
 
Vom Liegenschaftsamt zur Bauverwaltung
Nach seinem Verwaltungsstudium in Stuttgart hat es Rainer Stingel, der in Frommern geboren wurde und in Saulgau Abitur gemacht hatte, zwar nicht direkt zum Grundstücksverkehr, aber zur Stadt Herrenberg verschlagen: „Eigentlich habe ich mich für eine Stelle in der Bauverwaltung beworben, doch die Auswahlkommission hatte entschieden, den Herr Stingel braucht man im Liegenschaftsamt“, erzählt er. Am 1. November 1978 hat er dann dort als Stadtinspektor zur Anstellung angefangen. Mit seiner Frau Ursula – geheiratet haben sie kurzerhand zwischen seinem schriftlichen und mündlichen Examen – zog er dann von Stuttgart in die Gäustadt. „Ich dachte: Das machst du mal ein paar Jährchen, und dann schaust du weiter“, erzählt Stingel als er auf die Anfänge seiner Beamtenlaufbahn zurückblickt. Dass er Herrenberg treu geblieben ist, lag auch am Zuschnitt des Amtes – die Gebäude- und Mietwohnungsverwaltung sowie der Grundstücksverkehr gehörten dazu –, dessen Leitung er 1990 übernommen hat. „Das Liegenschaftsamt war immer eng mit Bauverwaltungs-Aufgaben, dem Städtebau und der Stadtentwicklung verbunden – das entsprach meinen Interessen.“
2011 wurde die Verwaltung neu strukturiert: Das Liegenschaftsamt wurde aufgelöst und der Grundstücksverkehr kam zum neuen Bauverwaltungsamt, dessen Leitung Rainer Stingel übertragen wurde. Als neue Aufgabenfelder kamen das Baurecht, das Feuerwehr- und Friedhofswesen sowie die Vergabe und Wohnbauförderung dazu. Schnell habe er ein „Faible für das Feuerwehrwesen“ entwickelt. Der Wechsel von der rein ehrenamtlichen zur hauptamtlichen Führung und die Entwicklung des Bedarfsplans gehören zu den Themen, die er hier bewegt hat. Konzepte und Strategien wie diese zu entwickeln, zählt zu seinen Steckenpferden. Die städtischen Vergaberichtlinien und die Grundstücks- und Wohnungsbaupolitische Strategie sind weitere Beispiele, die in seine Amtszeit fallen.
 
Kein Feierabend, kein Sonntag
Als „absolutes Highlight“, das ihn aber auch am meisten beansprucht habe, bezeichnet Stingel die Gewerbegebietsentwicklung in Gültstein Anfang der 90er Jahre. Das amerikanische Unternehmen Hewlett-Packard war damals auf europaweiter Standortsuche, dann kam die Anfrage von HP, und Herrenberg entschied, in den Wettbewerb einzusteigen. „Die Stadt besaß nur einzelne Grundstücke, also mussten wir in kürzester Zeit aus dem Flickenteppich eine ganze Fläche machen.“ In dieser Zeit gab es für Rainer Stingel keinen Feierabend und keinen Sonntag: „Manchmal saß ich sonntags um halb 10 bei Leuten in der Küche, um Grundstücksverhandlungen zu führen.“ Am Ende hat sich der Einsatz jedoch gelohnt: Innerhalb nur eines Jahres ist es gelungen, genügend Grundstücke zu erwerben – und HP kam nach Herrenberg. „Ich habe in dieser Zeit unheimlich viel gelernt, wie die Wirtschaft tickt“, sagt Stingel rückblickend, wenn er an die komplexen Vertragsverhandlungen mit dem Weltkonzern denkt.
Seine Geduld und Beharrlichkeit kamen ihm auch bei den vielen anderen Grundstücksverhandlungen zugute, die er mit unterschiedlichsten Partnern – private Grundstückseigentümer, Makler, Juristen oder Geschäftsleute – geführt hat. „Ich musste mich auf jeden Verhandlungspartner neu einlassen – das war einerseits eine große Herausforderung, da es kein Patentrezept gab, andererseits machte das aber auch den Reiz aus.“ Über die Jahre hat er hunderte Gespräche geführt, viele über mehrere Jahre. Die meisten hat er direkt vor Ort geführt, und nicht im Büro. „Ich wollte auf die Leute zugehen und sie nicht aufs Rathaus zitieren“, sagt Stingel.
 
Ortsvorsteher von Mönchberg
Die Verhandlungen für die HP-Ansiedlung hatten noch einen Nebeneffekt: Viele Grundstücke in Gültstein haben Mönchbergern gehört, wodurch Rainer Stingel den Stadtteil und seine Bewohner gut kannte. Wohl auch deshalb hat ihn OB Dr. Gantner als Ortsvorsteher vorgeschlagen. „Ich sah das Amt als Erweiterung meines beruflichen Horizonts“, deshalb habe er die Wahl gerne angenommen. Nach 19 Jahren wird er am 23. Oktober offiziell als Ortsvorsteher verabschiedet.
 
Fachwissen und Hobbies teilen
Seine Ruhe und Geduld wissen auch seine Mitarbeiter und Kollegen zu schätzen. Mit ihnen hat Rainer Stingel nicht nur sein großes Fachwissen, sondern auch Hobbies und Interessen, wozu das Wandern und Radfahren gehören, immer gerne geteilt. Als vor zwei Jahren viele neue Mitarbeiter bei der Bauverwaltung angefangen haben, kam ihm die Idee, eine Radtour zu machen: „Wir waren den ganzen Tag unterwegs und haben die Stadt und alle Stadtteile erkundet“, erzählt Stingel. Privat erkundet er auch gerne den Schönbuch, die Bodensee-Region, den Schwarzwald oder die Schwäbische Alb. Wenn’s weiter weg gehen soll, reist er gerne in den Süden – nach Frankreich, Italien, Spanien oder Mallorca. Dass er für Ausflüge, Reisen und seine Familie bald mehr Zeit haben wird, freut ihn am meisten. „Meine beiden Töchter und ihre Partner wohnen nicht weit weg von Herrenberg, da kann man sich gut besuchen.“ Seit Kurzem gibt es hierfür noch einen Grund: Sarah, seine erste Enkelin, die im Februar geboren ist. Ein Foto von ihr hat Rainer Stingel auf seinem Schreibtisch stehen – neben all den Akten, die noch darauf warten, aussortiert oder in Kartons verpackt zu werden – schließlich dauert es nicht mehr lang bis zu seinem Abschied.


Rainer Stingel