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Mit Humor und Hartnäckigkeit für gleiche Chancen


Zielstrebig, humorvoll und herzlich: So beschreiben Weggefährtinnen Birgit Kruckenberg-Link, die als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Herrenberg Ende April in den Ruhestand geht. 19 Jahre lang hat sich die gebürtige Herrenbergerin für die Chancengleichheit von Frauen und Männern engagiert und in dieser Zeit wichtige Akzente in Stadtgesellschaft und Verwaltung gesetzt.


2001 wird die Stelle der hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten, damals noch Frauenbeauftragten, vom Gemeinderat neu geschaffen. Gleichzeitig entfällt der Gleichstellungsbeirat, in dem die Fraktionen unter Vorsitz von Ex-OB Volker Gantner über Themen wie Gleichberechtigung und Frauenförderung diskutiert haben. Birgit Kruckenberg-Link hat Sozialpädagogik studiert und bringt Erfahrungen aus ihrer Arbeit im Reutlinger und Böblinger Frauenhaus mit. „Verwaltungserfahrung hatte ich überhaupt keine“, erzählt sie rückblickend. „Ich musste die Stelle und meine Rolle als städtische Gleichstellungsbeauftragte erst einmal finden und gestalten.“ Von Vorteil ist, dass sie an eine Mitarbeiterin zur Seite gestellt bekommt: Angela Schrof kommt aus der Verwaltung und so wächst das Zwei-Frau-Team im Gleichstellungsbüro schnell zusammen und ergänzt sich über all die Jahre ausgesprochen gut.

Solidarität vereint im Netzwerk

Von Beginn an ist es Birgit Kruckenberg-Link wichtig, die verschiedenen Frauengruppen und Grüppchen in Herrenberg sowie den interfraktionellen Stammtisch zusammen zu bringen und zu gemeinsamen Aktionen zu bewegen. „Solidarität unter Frauen war mir immer wichtig“, stellt die 61-Jährige fest. Und so schafft sie es, dass sich 2002 das Herrenberger Frauennetzwerk gründet. 2005 findet zum ersten Mal die Veranstaltungsreihe „Brot-und Rosen“ rund um den Internationalen Frauentag am 8. März statt: Frauennetzwerk, Gleichstellungsbeauftragte und die städtischen Einrichtungen, sprich ihre Leiterinnen, kooperieren bis heute erfolgreich. 2020 findet „Brot und Rosen“ mit dem Schwerpunkt Generationen zum 16. Mal statt. Ein buntes, frauenbewegtes Programm vom klassischen Konzert bis zum Kabarett und vom Workshop bis zur politischen Diskussionsrunde bleibt über die Jahre eine feste Größe im kulturellen Veranstaltungsreigen. Die Herrenberger Gleichstellungsarbeit wird damit in der gesamten Region bekannt, Gleichstellungsbeauftragte aus anderen Städten nehmen die Anregung auf und konzipieren ähnliche Veranstaltungsformate.

A und O der Gleichstellungsarbeit

„Netzwerke aufzubauen und sie zu pflegen ist wohl das A und O der Gleichstellungsarbeit“, bringt es Kruckenberg-Link auf den Punkt, „und frau braucht für den Job einen langen Atem.“ Schnelle Erfolge sind beim Thema Chancengleichheit leider selten. Der Wunsch, dass sich Männer und Frauen partnerschaftlich Erziehungs-, Haus- und Erwerbsarbeit teilen, ist nach wie vor nicht verwirklicht, ebenso wenig wie die gleiche Bezahlung von Mann und Frau im Job. Themen wie Gewalt an Frauen oder Prostitution stehen seit Jahrzehnten am Pranger. „Eine kommunale Gleichstellungsbeauftragte kann eben auch nicht die Welt verändern.“ Doch gemeinsam, etwa auch mithilfe von überregionalen politischen Netzwerken, wie etwa der Landesarbeitsgemeinschaft der Gleichstellungsbeauftragten, gehe es Schritt für Schritt in die richtige Richtung, ist Birgit Kruckenberg-Link überzeugt. Aber eben in kleinen Schritten.
 
Ihren Optimismus und ihre Motivation hat sie sich dadurch nie nehmen lassen, sondern immer wieder neue Projekte ins Leben gerufen: Die Frauengeschichtswerkstatt hat auf bekannte Frauen in der Herrenberger Geschichte aufmerksam gemacht und wird dafür ausgezeichnet; bei Tunika treffen sich ausländische und deutsche Frauen zum gemeinsamen Nähen und Deutsch sprechen; bei einem Stadtrundgang durch Herrenberger Geschäfte wird deutlich, dass fast 50 Prozent der Läden in der Innenstadt von Frauen geführt werden. Wichtig war Birgit Kruckenberg-Link bei allen Aktivitäten immer den Blick auf Schwächere und Benachteiligte zu richten, sie zu unterstützen und zu integrieren.

 
Vielfältiges Aufgabengebiet

„Birgit Kruckenberg-Link hat die vielfältigen Aufgaben einer städtischen Gleichstellungsbeauftragten immer sehr weitsichtig und umfassend wahrgenommen. Dafür möchte ich ihr ausdrücklich danken, ebenso wie für die stets konstruktive Zusammenarbeit. Durch ihr großes Engagement und ihr umsichtiges Handeln sind viele wichtige Projekte auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit von Frauen und Männern entstanden“, erklärt Oberbürgermeister Thomas Sprißler. Als Stabsstelle ist die Gleichstellung in Herrenberg direkt beim OB angedockt und eine sogenannte Querschnittsaufgabe. Das heißt, sie wirkt intern in alle Ämter und Bereiche der Stadtverwaltung hinein.
Das Gleichstellungsbüro ist Anlaufstelle für vielerlei Anliegen, sowohl von Mitarbeitenden der Stadtverwaltung als auch von Bürgerinnen und Bürgern. „Wir waren immer bemüht, Lösungen zu finden und zu helfen“, berichtet Kruckenberg-Link, „auch wenn zum Teil Frauen mit einem Berg von existenziellen Problemen zu uns kamen.“ Trotz der oft vielen Arbeit und schwierigen menschlichen Krisensituationen, mit denen das Gleichstellungsbüro konfrontiert ist, haben Birgit Kruckenberg-Link und Angela Schrof ihren Humor behalten. „Wir haben hier immer auch viel zusammen gelacht.“

Was kommt im Ruhestand?

Mit Freude blickt Birgit Kruckenberg-Link auf den bevorstehenden Ruhestand. Sie werde dann „vielleicht ein bisschen langsamer gehen, ruhiger werden“, sagt sie. So richtig vorstellen kann man sich das nicht: Daheim in Hechingen warten ein großer Garten und zahlreiche Hobbies, wie Lesen, Musik, Kabarett und Tanz. Die Familie, drei erwachsene Kinder und inzwischen drei Enkel sowie der 99 Jahre alte Vater, melden sicher auch Bedarf an und dann gibt es auch noch das Haus am Lago Maggiore, in dem es immer etwas zu werkeln gibt. Doch zunächst ist eine Reise zu den familiären Wurzeln in die Ukraine und nach Moldawien geplant, vorausgesetzt das Reisen wird irgendwann wieder möglich.

Frauengold macht weiter

Zu sehen sein wird Birgit Kruckenberg-Link auch weiterhin auf der Bühne. Mit Susanne Geiger, engagiert bei der Herrenberger Frauenliste, spielt sie im Duo Frauengold. Mit schrägem Humor nehmen die beiden Kabarettistinnen die Rolle der Frau aufs Korn. Kruckenberg-Link schlüpft dabei in die Rolle der lebenslustigen und gar nicht perfekten Margot Finkbeiner, Geiger in die Rolle der feministisch überkorrekten Dr. Renate Geigenhals. Als Zugabe präsentiert das Duo gerne den Song von Charles Aznavour „Du lässt dich geh‘n, du lässt dich geh‘n.“ Eine männlich-unverschämte Anklage an die alternde Ehefrau, die das Duo selbstredend und voll Überzeugung in „Ich lass mich geh‘n, ich lass mich geh‘n“ umgedichtet hat. „Bei diesem Stück flippt Margot alias Birgit regelmäßig aus“, berichtet Susanne Geiger. Deshalb habe sie ihr zum Abschied diesen Song nochmals umgedichtet, und zwar in: „Jetzt darfst du geh‘n, jetzt darfst du geh‘n.“
 
Birgit Kruckenberg-Link
Die Gleichstellungsbeauftragte Birgit Kruckenberg-Link geht Ende April in den Ruhestand. Bildnachweis: Kreiszeitung Böblinger Bote /Simone Ruchay-Chiodi