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Durch offenen Dialog Diskriminierung entgegenwirken


Die Ungleichheiten zwischen den Einkommen verringern und die Teilhabe aller zu ermöglichen, so lautet das 10. Ziel der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung in der Welt. Auch Herrenberg wird sein Leitbild im Sinne der 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen fortschreiben. Anhand von kommunalen Beispielen stellt die Stadt nun die Ziele im Amtsblatt vor. Heute: der Arbeitskreis Christen und Muslime im Gespräch.
 

Zwischen den Anhängerinnen und Anhängern des Islams und des Christentums gibt es mehr Gemeinsamkeiten als vielen bewusst ist. Aber auch viele Missverständnisse, die zu Vorurteilen führen und bewirken, dass Musliminnen und Muslime nicht im gleichen Maße an der Gesellschaft teilhaben können. Das widerspricht dem 10. Ziel der Agenda 2030, das neben einer Anpassung des Einkommens auch die soziale, wirtschaftliche und politische Inklusion aller Menschen unabhängig von Faktoren wie Geschlecht, Behinderung, Herkunft und Religion anstrebt.
 
Immer von Neuem müssten sich Muslime als verfassungskonform und gleichwertige Bürgerinnen und Bürger legitimieren, obwohl sie Deutsche und integriert seien, sagt Dr. Ismail Yavuzcan von der Moscheegemeinde. Auch das Engagement von Muslimen werde in der Öffentlichkeit oft wenig wahrgenommen. Dr. Ismail Yavuzcan und Johannes Söhner vom Arbeitskreis „Christen und Muslime im Gespräch“ wirken dem entgegen.
 
Positionspapier der Kirchen
Ins Leben gerufen wurde der Arbeitskreis von Marianne Eder (kath. Erwachsenenbildung) und Gerhard Berner (evang. Erwachsenenbildung). Bereits 2006 verfassten die drei christlichen Kirchen in Herrenberg ein gemeinsames Positionspapier: „Die christlichen Kirchen in Herrenberg halten die vom Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit für ein hohes Gut und sind froh und dankbar dafür. Uns ist ein friedliches Zusammenleben bei gegenseitiger Toleranz und Respekt von Menschen verschiedener Herkunft, Nationalität und Religion in unserer Stadt ein großes Anliegen. (…) Wir Christen wünschen uns einen guten Kontakt mit unseren muslimischen Mitbürgern. (…) Wir suchen das Gespräch miteinander. Wir wollen den Kontakt zu den hier lebenden Muslimen aufnehmen und nach Wegen für eine Zusammenarbeit für Frieden, Gerechtigkeit und Religionsfreiheit in der Welt suchen.“  
 
Austausch auf Augenhöhe
„Aus diesem ist unter den drei christlichen und islamischen Religionsgruppen ein lebendiger Austausch auf Augenhöhe geworden“, so Johannes Söhner. In der Gruppe loten die Mitglieder alle zwei Monate die verbindenden Elemente der Religionen aus. Sie organisieren die Gesprächsreihe „Christen und Muslime im Dialog“ – Beerdigung und der Tod waren letztens Thema, demnächst geht es um das Judentum – und andere gemeinsame Veranstaltungen. Die Nächste ist der jährliche Tag der offenen Moschee am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit. Eine gute Gelegenheit für alle, eine Moschee einmal von innen zu sehen und Muslime persönlich kennenzulernen.
 
Begegnung von Mensch zu Mensch
„Das Hauptaugenmerk ist die Begegnung“, sagt Dr. Ismail Yavuzcan, der am Andreae-Gymnasium Geschichte und Gemeinschaftskunde lehrt. „Eine Begegnung einfach unter Menschen.“ An dem Tag können Interessierte bei Führungen drei der vier Herrenberger Moscheen besichtigen (eine wird gerade umgebaut) oder individuell einfach vorbeischauen und Gebeten oder einem Vortrag beiwohnen. Im Fokus stehen die gemeinsamen Werte und die Begegnung mit Respekt und Toleranz. Übersetzungen des Korans liegen ebenfalls bereit. „Viele waren noch nie in einer Moschee“, so Yavuzcan. „Manches Vorurteil erledigt sich dabei von selbst“, hat er erfahren, insbesondere, wenn Jugendliche die Moschee besuchen. „Viele merken gar nicht, was sie mit Diskriminierung anrichten, und das gibt Extremisten Munition“, meint er. Vorurteile, aus Politik und Stadtgesellschaft  strapazierten auch in Herrenberg die Nerven und verbrauchten Ressourcen. Dadurch fühlten sich engagierte Menschen zurückgedrängt, so Dr. Ismail Yavuzcan. Dagegen würde nur helfen, sich mit allen Demokraten zu solidarisieren und für die Einhaltung und Umsetzung unserer demokratischen Grundwerte zu arbeiten.
 
„Immer am Ball bleiben“
Jedes Jahr gibt es ein bestimmtes Thema, das die Mitgliedsverbände des Koordinationsrates der Muslime in Köln festlegen. „Menschen machen Heimat(en)“, lautete es 2019. Gut möglich, dass es sich dieses Jahr um Corona dreht. Die muslimischen Gemeinden in Herrenberg waren wie viele andere z. B. sehr in der Corona-Hilfe #herrenberghilft engagiert und boten für die komplette Kernstadt Einkaufs- und Nachbarschaftshilfe an.
Yavuzcan hat den Tag der offenen Moschee ein paar Mal begleitet und bei den Besuchenden ein „durchweg reges Interesse“ wahrgenommen. Er wünscht sich, dass die „Anerkennung, der Respekt und die Sensibilität für die Belange der Musliminnen und Muslime“ steigen. Das ist ein langer Prozess, und er weiß, dass er ständig am Ball bleiben muss. 2021 ist übrigens noch eine weitere gemeinsame Veranstaltung geplant: das öffentliche, interreligiöse Fastenbrechen, bei dem alle Herrenbergerinnen und Herrenberger willkommen sind.
Kontakt zum Arbeitskreis Christen und Muslime im Gespräch und Anmeldung Moschee-Besuch am 3. Oktober: eb.herrenberg@elkw.de
Kontakt für Rückfragen zu den SDGs:
Lena Schuldt, Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik: L.Schuldt@herrenberg.de


Herrenberg DITIP Moschee Spaziergang Schießmauer / Foto: Holom
Gesprächskreis bei der Besichtigung der Ditib-Moschee.