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Von Konstantinopel nach Gültstein


Belgrad, Konstantinopel, Tripolis, Aleppo, Yunnan in China – die Lebensstationen von Otto Kapp von Gültstein erscheinen überraschend für einen am 1. August 1853 geborenen Rottenburger Lehrerssohn. Nach einem Leben als Weltbummler zog er sich nach Stuttgart und Gültstein zurück. Begraben wurde er in Gültstein in einem eigens erbauten Familienmausoleum, entlang der Bahnlinie gelegen.
 
Sein Vater Johann Martin Kapp, der in Gültstein geboren wurde, war seit 1847 evangelischer Religionslehrer in Rottenburg und bewohnte mit seiner Frau Regine Magdalena, geborene Lutz, das evangelische Pfarrhaus in Rottenburg am Moritzplatz 2. Dennoch ergriff Otto erstaunlicherweise nicht den auch vom Großvater ausgeübten Lehrerberuf, sondern entschied sich, inspiriert durch einen Freund seines Vaters, der als Eisenbahnbauer unter anderem an der Geislinger Steige mitarbeitete, für ein Studium zum Bauingenieur an der Polytechnischen Schule in Stuttgart.
 
Nachdem er erste Berufserfahrungen bei den Württembergischen Eisenbahnbauämtern Herrenberg und Dornstetten sowie beim Marinebauamt Wilhelmshaven gesammelt hatte, gelang es ihm, eine Stelle im Planungsbüro der Serbischen Bahnen, zunächst allerdings nur als technischer Zeichner zu bekommen. Bereits nach zwei Monaten war er Büroleiter. Aus finanziellen Schwierigkeiten wurde das Büro 1882 geschlossen. Dennoch erhielt er  1884 bei der französischen Baufirma Régie générale des chemins de fer et travaux publics, die für das serbische Eisenbahnnetz verantwortlich zeichnete, eine Stelle als Ingenieur. Weitere wichtige Projekte waren 1887/88 Bauarbeiten am Kanal von Korinth und die Bauausführung von Teilen der Bagdadbahn zwischen 1889 und 1899. Für seine erfolgreiche Arbeit wurde er 1901 von Kaiser Wilhelm II. zum Kaiserlichen Geheimen Baurat ernannt. Weitere Strecken plante Kapp in Syrien, China oder Chile, im Vorderen Orient und am Schwarzen Meer. Dazu kamen – nach politischen Angriffen deutscher Diplomaten beim Bau der Hedjazbahn – Wasserbauprojekte, unter anderem an der Drina im Grenzgebiet zwischen Montenegro und Albanien.
 
1905 erhielt er von König Wilhelm II. einen erblichen Adelstitel, wofür er sich aus Verbundenheit mit der Familie seines Vaters „von Gültstein“ aussuchte. 1907/08 ließ Kapp in Gültstein, das für ihn „zum schönsten Ort der Welt“ geworden war, eine Villa mit Torwarthaus im Stil des Historismus bauen und kaufte auch einen Begräbnisplatz direkt neben der Bahnlinie.
 
1912 starb in Gültstein sein Frau Olga, mit der er seit 1888 verheiratet war. Zwei der vier gemeinsamen Kinder waren ebenso früh verstorben, der jüngste Sohn kam im Mai 1918 in Frankreich ums Leben. Dies waren persönlich schwierige Jahre im Leben Otto Kapps und auch beruflich ging es ihm in dieser Zeit nicht gut, denn durch den Beginn des ersten Weltkriegs verlor er, der 30 Jahre als leitender Ingenieur in der französischen Firma „Régie générale“ tätig gewesen war, als Deutscher und damit Feind seine Arbeitsstelle und auch die Freundschaft von deren Besitzer Graf Vitali. All dies nahm ihn so schwer mit, dass sich sein Gesundheitszustand stark verschlechterte. Zudem musste ihm wohl aufgrund einer Diabeteserkrankung sein Bein amputiert werden. Die ihm verbleibende Zeit bis zu seinem Tod am 19. Oktober 1920 verbrachte er abwechselnd in Stuttgart und in der Sommerfrische in Gültstein, wo er auch in der für sich und seine Familie erbauten neuromanischen Grabkapelle – bezeichnenderweise direkt an der Bahnlinie gelegen – bestattet wurde. Otto Kapp von Gültstein starb im Alter von 67 Jahren.
 
Neben seinen großen Verdiensten um den Eisenbahnbau, engagierte sich Otto Kapp auch stark für Bildungsthemen. So stiftete er der Hochschule Stuttgart, an der er selbst studiert hatte, Geld, um dem Ingenieursnachwuchs Reisen zu ermöglichen. Dafür erhielt Otto Kapp den Ehrentitel eines Doktor-Ingenieurs. Während der Zeit seiner Arbeit in Konstantinopel unterstützte er unter anderem den Bau einer deutschen Schule. Zum Dank für die Förderung wohltätiger Einrichtungen in Gültstein erhielt er am 1. August 1913 die dortige Ehrenbürgerschaft. Und auch in Stuttgart – etwa für die Ludwigsspitalstiftung Charlottenhilfe – war er karitativ tätig. In Gültstein bleibt er unter anderem wegen des Baus seines „Schlössles“ unvergessen. Heute ist die ehemalige Kapp-Villa Teil des Tagungszentrums des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg.  

Abbildung der Ehrenbürgerurkunde für Otto Kapp
Abbildung der Ehrenbürgerurkunde für Otto Kapp von Gültstein aus dem Jahr 1913. In diesem Jahr jährt sich sein Todestag zum 100. Mal.