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Hilfe bei Gewalt in Partnerschaften


Die eigenen vier Wände sollen eigentlich Schutz und Geborgenheit bieten, doch oft ist dies nicht der Fall. AMILA, die Beratungsstelle bei Häuslicher Gewalt im Landkreis Böblingen, verzeichnet im Corona-Jahr einen markanten Anstieg an Anfragen. Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November weist die städtische Gleichstellungsbeauftragte Birgit Hamm auf Hilfsangebote in Stadt und Landkreis hin.
 
Nach dem Corona-Lockdown im März hat die Beratungsstelle AMILA im Landkreis Böblingen laut eigenen Angaben bis zu acht Neuanfragen wöchentlich von Frauen erhalten. Sonst waren es durchschnittlich drei pro Woche. Aber auch schon vor Corona musste die Beratungsstelle ihre Kapazitäten ausbauen: Zwischen 2014 und 2019 hat sich die Zahl der Beratungskontakte um 91 Prozent erhöht, also fast verdoppelt. Häusliche Gewalt gehört damit für viele Frauen zur Realität, aber auch Männer sind betroffen.
Laut einer neuen Statistik des Bundeskriminalamts hat die Gewalt in Partnerschaften 2019 leicht zugenommen: Polizeilich erfasst wurden bundesweit rund 141.800 Fälle. Zu 81 Prozent waren Frauen und zu 19 Prozent Männer Opfer von Partnerschaftsgewalt. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung sind die Opfer zu über 98 Prozent weiblich, bei Stalking und Bedrohung sind es knapp 90 Prozent. Der Anteil männlicher Opfer ist bei vorsätzlicher Körperverletzung mit 20,5 Prozent sowie bei Mord und Totschlag mit 23,6 Prozent vergleichsweise am höchsten, so die Zahlen, die am 10. November 2020 von Bundesfamilienministerium und Bundeskriminalamt vorgestellt wurden. Insgesamt starben im vergangenen Jahr 117 Frauen und 32 Männer durch Gewalt in Partnerschaften.
 

Wer schlägt, muss gehen

Seit der Einführung des Gewaltschutzgesetzes 2002 können Polizei und Ordnungsämter im akuten Notfall einen Wohnungsverweis aussprechen, um die Opfer zu schützen. Das heißt: Die gewalttätige Person muss die Wohnung sofort verlassen und darf sich dieser für eine bestimmte Zeit nicht mehr nähern. Sie muss den Wohnungs- oder Hausschlüssel abgeben. Dadurch soll das Opfer Schutz und Zeit bekommen, für sich eine Lösung aus der Gewaltspirale zu finden. „Gewalt in Partnerschaften ist keine Privatsache, sondern eine Straftat“, stellt Birgit Hamm, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Herrenberg, fest.
 
Wird die Polizei, beispielsweise am Wochenende, zu einem akuten Fall von häuslicher Gewalt in Herrenberg gerufen, kann sie einen Wohnungsverweis für maximal vier Tage aussprechen. Die Polizei informiert dann am nächsten Werktag das städtische Ordnungsamt, das die Betroffenen zeitnah - getrennt voneinander - anhört, auf mögliche Beratungsstellen hinweist und den Wohnungsverweis für maximal zwei Wochen aussprechen kann. „Es geht zuallererst um den unmittelbaren Schutz des Opfers, alle weiteren Schritte laufen dann über das Familiengericht in Böblingen“, erklärt Sabrina Eberhard, Abteilungsleiterin im Ordnungsamt. Je nach Einschätzung der aktuellen Gefährdungslage kann die Behörde den Platzverweis danach, nach nochmaliger Anhörung und wenn in dieser Zeit ein Antrag nach dem Gewaltschutzgesetz beim Amtsgericht gestellt worden ist, nochmals um weitere 14 Tage verlängern.
 
Obgleich im Corona-Jahr Fachleute von Beratungsstellen und Hilfetelefonen zu Gewalt von einer Zunahme an Anfragen berichten, fehlt es bislang an verlässlichen Zahlen für 2020. In Herrenberg hat das Ordnungsamt dieses Jahr noch keinen Wohnungsverweis wegen häuslicher Gewalt ausgesprochen. „Die soziale Distanz und die Unsicherheit im Corona-Lockdown macht es vermutlich noch schwieriger, diesen Schritt zu gehen und Hilfe in Anspruch zu nehmen“, vermutet die Gleichstellungsbeauftragte Birgit Hamm.
 

Kinder oft Leidtragende

Blickt man auf die zurückliegenden fünf Jahre, ergibt sich folgendes Bild: Seit 2015 hat das Herrenberger Ordnungsamt insgesamt 15 Mal einen Wohnungsverweis nach häuslicher Gewalt verfügt, die Zahl der gemeldeten Fälle, die keinen Platzverweis nach sich zogen, liegt mit 28 Fällen deutlich höher. Fachleute gehen davon aus, dass die polizeibekannten Fälle sowieso nur die „Spitze des Eisbergs“ sind und die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt weitaus höher liegt. Nicht vergessen werden darf auch, dass oft Kinder die Leidtragenden sind, als Opfer von Misshandlungen oder durch das Miterleben der Gewalt. Wichtig ist deshalb, dass die Opfer von Gewalt Hilfe und Unterstützung erfahren.
 
Ein Soforthilfe-Flyer unter www.herrenberg.de/gleichstellung gibt einen Überblick über Beratungsstellen und Hilfetelefone im Landkreis Böblingen.
 
Hintergrund: Der Soforthilfe-Flyer ist in Kooperation mit der Landesarbeitsgemeinschaft der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten Baden-Württemberg (LAG) und dem Landesfrauenrat Baden-Württemberg entstanden. 13 Städte und Landkreise in Baden-Württemberg haben den Flyer, jeweils mit den lokalen Beratungsstellen, bereits aufgelegt.