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Vor den Folgen des Klimawandels schützen


Die Gefahren und Schäden durch extreme Wetterereignisse nehmen zu. Die Anpassung an den Klimawandel und der Schutz vor der Zerstörungskraft extremer Regenmassen sind aktuelle Strategie-Schwerpunkte im Technischen Rathaus von Baubürgermeisterin Susanne Schreiber.

„Dabei geht es nicht um die Frage, ob und wann der Klimawandel bei uns ankommt, sondern darum, welche Schäden seine Folgen anrichten und welche Schutzmaßnahmen wir in den nächsten Jahren ergreifen können“, erläutert die Herrenberger Baudezernentin. Bei ihr und ihren Mitarbeitern melden sich derzeit viele besorgte Bürger und fragen, was die Stadt tut, um sie vor den Folgen des Klimawandels und extremen Wetterereignissen zu schützen. „Die Bilder aus den Hochwassergebieten erschrecken und führen mit großer Brutalität vor Augen, wie wichtig die Planungen und Maßnahmen sind, denen wir uns schon seit geraumer Zeit widmen“, sagt Schreiber. Aktuell hat sie eine Förderzusage für das kommunale Starkregen-Risikomanagement auf dem Schreibtisch.

Wie schnell aus einem unscheinbaren Flüsschen ein reißender Strom werden kann, der ungeahnte Ausmaße an Leid und Zerstörung bringt, zeigen nicht zuletzt die jüngsten Extremwetterereignisse mit der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. In Herrenberg würden bei einem extremen Hochwasser große Teile der Innenstadt entlang von Ammer und Aischbach überschwemmt, wie die amtliche Hochwassergefahrenkarte zeigt. Diese Gefahr kann man ein Stück weit mindern, in dem man den Gewässern Raum gibt, um über die Ufer treten zu können, ohne Gebäude und Infrastruktur zu zerstören. Jüngste Beispiele dafür sind das Rückhaltebecken im Bereich Affstätter Tal, der offengelegte Aischbach am Seeländer oder der renaturierte Gutleuthaustalgraben im Süden Herrenbergs. „Wir planen für die kommenden Jahre den Bau weiterer Rückhaltebecken, die bei Hochwasser einen Teil der Wassermassen abfangen können“, erläutert Schreiber. Zugleich weist sie darauf hin, dass bei Extremwetterlagen mit Starkregen noch weitere Schutzmaßnahmen nötig werden. „Während wir die Hochwassergefahren entlang der Gewässer kennen, sind wir bei Starkregen noch nicht in der Lage einzuschätzen, wo genau und wie stark Herrenberg betroffen wäre“, sagt Schreiber. „Wir werden durch eine Gefährdungs- und Risikoanalyse bis Frühjahr 2022 verschiedene Hotspots auf der Gemarkung Herrenbergs lokalisieren und Steckbriefe entwickeln, die uns die Möglichkeit geben, die Menschen in Herrenberg noch besser gegen die immer öfter und stärker auftretenden Starkniederschläge zu schützen“, kündigt Schreiber an.

Förderung für das kommunale Starkregen-Risiko-Management

Um die Überflutungsgefahren durch Starkregen bewerten zu können und die richtigen Schutzmaßnahmen abzuleiten, sind grundlegende Untersuchungen nötig, für die die Stadt Herrenberg ein geeignetes Ingenieurbüro beauftragen wird. Das kommunale Starkregenrisikomanagement wird mit 42.000 Euro Zuschuss durch das Land Baden-Württemberg gefördert. „Der Förderbescheid kommt genau zur richtigen Zeit“, freut sich Baubürgermeisterin Susanne Schreiber. „Damit können wir loslegen und ein Gesamtkonzept erstellen, das die Risiken für Herrenberg aufzeigt und daraus zusammen mit dem Gemeinderat wirkungsvolle Schutzmaßnahmen ableiten, die uns vor Starkregen-Schäden bewahren oder zumindest das Risiko deutlich senken können.“ Mit hydrogeologischen Fachverfahren wird dabei zunächst untersucht, wo das Regenwasser abfließt und wo sich daraus Gefahrenstellen ergeben. Die Arbeit an der Starkregen-Gefahrenkarte folgt einem Leitfaden und Berechnungsmodellen des Landes. Die Karte zeigt in Simulationen die Ergebnisse von seltenen, außergewöhnlichen und extremen Regenfällen auf. Anschließend können die Risiken bewertet und Schutzmaßnahmen priorisiert werden. In die Erarbeitung des Handlungskonzepts sollen verschiedene kommunale Akteure eingebunden werden.

Klimawandel zeigt Folgen vor Ort

Die durchschnittliche Jahrestemperatur in Deutschland ist stärker angestiegen als anderswo, seit der Aufzeichnung der Wetterdaten im Jahr 1881 bereits um 1,6 Grad, weiß der städtische Klimaschutzmanager und Diplom-Meteorologe Thomas Kleiser und erklärt: „Die Folgen dieser Erwärmung treffen unseren Alltag und unsere Umwelt – unter anderem wird das an den Wetterextremen der letzten Jahre deutlich. Während es in Dürrejahren zu wenig Wasser gibt, überfordern Starkregenereignisse zunehmend unsere Gräben und Bäche sowie unsere Infrastruktur.“ Daraus ergibt sich die Aufgabe für die Kommunen, diese Entwicklung in verschiedenen Bereichen von der Regenwassernutzung über die Kanalisation und die Land- und Forstwirtschaft bis zur künftigen Stadtplanung zu berücksichtigen. „Der Klimawandel ist real und gefährlich, Fachleute sind sich aber einig, dass wir einen übermäßigen Temperaturanstieg noch verhindern können, wenn wir jetzt handeln“, sagt Kleiser. „Wir müssen die aktuellen Signale dauerhaft ernst nehmen und nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Der Klimawandel wird sich über die Zeit überall bemerkbar machen, wo die Extremereignisse zuerst auftreten ist dabei zufällig“, so Kleiser.

Klimafahrplan für Herrenberg

Im Hinblick auf die neue Wetterdynamik stehen die Städte und Gemeinden vor neuen und großen Herausforderungen. Diese Herausforderung muss in Kooperation der Politik mit den lokalen Akteuren bewältig werden. Unter großer Bürgerbeteiligung wird derzeit der Herrenberger Klimafahrplan erstellt. Darin werden in verschiedenen Handlungsfeldern notwendige Maßnahmen zum Klimaschutz identifiziert und Handlungsziele erarbeitet, welche anschließend umgesetzt werden. Ein wichtiges Handlungsziel ist die Erstellung einer Klimawandelanpassungsstrategie. Das kommunale Starkregenrisikomanagement ist ein erster Baustein dieser Anpassungsstrategie. „Aktuell werden die spezifischen Maßnahmen für Herrenberg diskutiert und in den Klimafahrplan eingearbeitet. Der Klimafahrplan wird dabei ein lebendes Dokument sein, das uns über die kommenden Jahre stetig begleiten wird und an die sich ändernden Rahmenbedingungen angepasst wird, so Madeleine Schrezenmeir, die Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz.

Katastrophenschutz und Frühwarnsysteme

„Es ist wichtig, dass wir auch den Katastrophenschutz und ein modernes Frühwarnsystem im Hinblick auf die geänderte Situation diskutieren“, meint Susanne Schreiber. In Herrenberg gibt es schon seit den 1990er Jahren keine Sirenen mehr, die die Bevölkerung im Katastrophenfall warnen. Diese Aufgabe übernehmen heute die Warn-Apps Nina und KatWarn sowie Medieninformationen, in Einzelfällen ergänzt durch Lautsprecherdurchsagen aus Polizei- und Feuerwehrfahrzeugen. Im Herrenberger Rathaus gibt es einen Einsatzplan, der regelt wie die Alarmierung in welchem Fall läuft. Bei größeren Schadensereignissen übernimmt in der Regel das Innenministerium die Koordination. Die Herrenberger Feuerwehren sind in der Katastrophenbewältigung geschult, wie sie jüngst beim Einsatz in den Hochwassergebieten in Rheinland-Pfalz unter Beweis gestellt haben.

Kanäle und Rückstauklappen

Öffentliche Kanalnetze werden mit einem statistischen Regenereignis bemessen, das alle drei bis fünf Jahre auftritt. Mit ihren Durchmessern von 25 Zentimetern bis zu drei Metern sind die Kanalrohre auf das Gebiet, das sie entwässern sollen, abgestimmt. An den Knotenpunkten im Kanalnetz gibt es Überlaufbecken als Puffer für größere Wassermengen. Darüber hinaus können die Gräben und Bäche bei großen Niederschlägen zusätzlich Wasser aufnehmen. Niederschlagsmengen von bis zu 200 Litern pro Quadratmetern wie sie vor wenigen Wochen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen aufgetreten sind, können unsere Kanalsysteme aber nicht aufnehmen. Es kommt zu Rückstau im Abwassernetz und somit zu Kellerüberschwemmungen und Kanalentlastungen über die Einlaufschächte in den Straßen. Um der Gefahr einer Kellerüberflutung zu begegnen, müssen Hauseigentümer mit dem Einbau von sogenannten Rückstauklappen dafür Sorge tragen, dass die Gebäude gegen Rückstau gesichert sind.