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Der lange Weg zur Gleichberechtigung


Frauentag 1996

Frauentag 1996

Vieles ist heute kaum mehr vorstellbar: Bis 1958 dürfen Frauen unter 21 Jahren und verheiratete Frauen nicht arbeiten, kein Konto eröffnen und keinen Führerschein machen – ohne die Erlaubnis von Vater oder Ehemann. Erst 1977 wird die partnerschaftliche Ehe ohne die klassische Aufgabenverteilung gesetzlich verankert. Welche Meilensteine sind in den vergangenen 110 Jahren erreicht worden in Sachen Gleichberechtigung? Und wie haben sich diese Erfolge in Herrenberg ausgewirkt?

Der Internationale Frauentag am 8. März ist traditionell ein Tag, an dem Rückschau gehalten wird: So auch bei den Vorbereitungen zum 110. Frauentag 2021, an dem die Idee zur Serie „Meilensteine der Frauenrechte“ entstanden ist. Engagierte Frauen aus Herrenberg haben geforscht, recherchiert, Zeitzeuginnen befragt und Artikel verfasst. Herausgekommen ist eine Serie mit elf Folgen.

Politische und berufliche Beteiligung
Anfang des 20. Jahrhunderts kämpfen Arbeiterinnen und bürgerliche Frauen vor allem für das Wahlrecht. Im „Superwahljahr“ 1919 können sie erstmals wählen und auch gewählt werden. Noch im selben Jahr wird in Herrenberg Marie Gerlach in den Gemeinderat gewählt. Die zweite Folge widmet sich dem Thema „Frauen in der Politik“.

Um die Berufstätigkeit von Frauen im Wandel der Zeit dreht sich die dritte Folge: Ab 1900 können unverheiratete Frauen aller Schichten ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. In den beiden Kriegen, als die Männer an der Front sind, halten sie die Wirtschaft am Laufen: So führt etwa Mathilde Niethammer im Ersten Weltkrieg erfolgreich das heimische Weiß- und Bettwarengeschäft weiter.

Eng mit der Berufstätigkeit von Frauen hängt deren Bezahlung zusammen: Jedes Jahr erinnert am Equal Pay Day die Herrenberger Frauenliste daran, dass es hier „noch Luft nach oben“ gibt. Trotz Entgelttransparenzgesetz klafft nach wie vor eine Lücke beim Gehalt zwischen Männern und Frauen.

Unabhängigkeit und Vereinbarkeit
Die Jahre 1958 und 1977 sind maßgeblich hinsichtlich der rechtlichen Unabhängigkeit von Frauen, um die es in Folge 5 gehen wird. Zwar ist das Recht auf Gleichberechtigung im Grundgesetz verankert, die Reform des alten Familienrechts gestaltete sich jedoch zäh.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben steht im Mittelpunkt der Diskussion um Gleichberechtigung (Folge 6): Das gesetzliche Recht auf einen Betreuungsplatz markiert 1996 einen Meilenstein. Inzwischen gibt es in Herrenberg 30 Kindertagesstätten.

Die „MeToo“-Bewegung hat die Diskussion um sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen neu entfacht. Wie steht es aktuell um Gleichberechtigung und Sexismus in Deutschland, fragt Folge 7, auch mit Blick auf Prostitution, gleich geschlechtliche Liebe und Hass im Netz.

Um das Recht über den eigenen Körper zu entscheiden, geht es in der achten Folge: 1971 protestieren bei einer Aktion im „Stern“ Frauen gegen die Kontrolle weiblicher Sexualität und Gebärfähigkeit, im Mittelpunkt steht der Paragraph 218. Auch in Herrenberg gibt es eine Privatklinik, die Abtreibungen vornimmt.

Mit Frauen in Führungspositionen und Unternehmerinnen beschäftigt sich Folge 9. Wie haben Unternehmerinnen in Herrenberg die Pandemie gemeistert? Ganz unterschiedlich – zeigen vier Beispiele.

Blick in andere Länder
Der Austritt der Türkei aus der Instanbul-Konvention zum Schutz von Frauenrechten hat jüngst gezeigt, dass es in Sachen Gleichberechtigung nicht nur Fortschritte gibt. Auch in Deutschland gibt es konservative und religiöse Gruppierungen, die ein rückwärtsgewandtes Frauenbild propagieren (Folge 10).

Um die Frage, wie gleichberechtigt leben Frauen und Männer in anderen Ländern, wird es in Folge 11 gehen. So gehört in Herrenbergs Partnerstadt Tarare die Ganztagesschule längst zum Alltag und der Begriff der „Rabenmutter“ existiert in Frankreich nicht. Der Blick in andere fortschrittlichere Länder, wie Island und Schweden, zeigt, dass das Ziel der vollständigen Gleichberechtigung noch nicht erreicht ist.

Birgit Hamm ist ausgebildete Redakteurin und arbeitet seit 2014 bei der Stadt Herrenberg, zunächst in der Pressestelle, seit Oktober 2020 als Gleichstellungsbeauftragte.