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Vom Frauenwahlrecht zur Parität in den Parlamenten


Stadträte 1956 mit Lina Link

Stadträte mit Lina Link

1918 wird wahr, wofür bürgerliche und sozialdemokratische Frauenbewegungen gekämpft haben: Die Frauen in Deutschland dürfen wählen und gewählt werden. Das Wahlrecht ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen. Gut 100 Jahre später haben es Frauen in der Politik immer noch schwerer als Männer. Welche Möglichkeiten gibt es, die Geschlechterparität in den Parlamenten schneller zu erreichen?

„Frauen werbt, Frauen wählt, jede Stimme zählt. Jede Stimme wiegt, Frauenwille siegt.“ Dieser Slogan von Elly Heuss-Knapp spiegelt die Euphorie und die Hoffnungen wider, die sich mit dem neuen demokratischen Wahlrecht für beide Geschlechter verbanden. Frauen werden für die ersten Wahlen 1919 als Kandidatinnen umworben und auf aussichtsreiche Listenplätze gesetzt. 37 Frauen ziehen in den Reichstag ein, das entspricht einem Frauenanteil von 8,7 Prozent. 13 Frauen schaffen den Sprung ins württembergische Parlament, das 150 Abgeordnete umfasst. In Herrenberg wird 1919 Marie Gerlach als einzige Frau in den Gemeinderat gewählt.

Auf allen politischen Ebenen entwickelt sich die Zahl der weiblichen Abgeordneten leider nicht, wie erhofft, ständig nach oben. Selbst im Jahr 2021 ist ein Frauenanteil von 50 Prozent in vielen politischen Gremien bei Weitem nicht erreicht. Im Bundestag liegt der Frauenanteil aktuell bei 30,7 Prozent, im baden-württembergischen Landtag bei 29,2 Prozent.

Wege zur Geschlechterparität
Welche Möglichkeiten gibt es, die Geschlechterparität in den Parlamenten schneller zu erreichen? Die Grünen beschließen 1986 – sechs Jahre nach ihrer Gründung – eine Frauenquote von mindestens 50 Prozent bei der Besetzung von Gremien und der Aufstellung von Wahllisten. In der SPD gilt seit 1988 eine Frauenquote von 40 Prozent. Eine weitere Strategie, um den Frauenteil in kommunalen Gremien zu erhöhen, ist die Gründung von Frauenlisten. In mehreren Bundesländern entstehen in den 1980er und 1990er Jahren Wahllisten mit Kandidatinnen, mit dem Ziel, mehr Frauen aktiv an den politischen Prozessen zu beteiligen. In Herrenberg wird dieser Weg im Jahr 1994 erfolgreich erprobt.

Ein konkreter Anlass für die Gründung einer Frauenliste ist der Ärger über die geplante Kürzung bei der finanziellen Förderung der Familienbildungsstätte. Unter dem Motto „Mehr Frauen in den Gemeinderat“ tritt die Liste bei den Wahlen am 12. Juni 1994 zum ersten Mal an und erobert auf Anhieb drei Mandate: Elke Lang, Gabriele Hüttenberger und Brigitte Straßner sind die ersten Rätinnen der Frauenliste. Seither ist die Frauenliste fester Bestandteil des Gemeinderats.

Erinnerungen der ersten Rätinnen
Bei den konservativen Fraktionen und der Verwaltung habe der Erfolg der Frauenliste zunächst zu „einer Art Schockstarre“ geführt, erinnert sich eine der ersten Rätinnen anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Herrenberger Frauenliste. Man habe befürchtet, dass nun „die Emanzen“ das Ruder im Rathaus übernehmen würden. Gabriele Hüttenberger ist überzeugt, dass die Gründung der Frauenliste und ihr Einzug in den Gemeinderat auf lange Sicht ein Umdenken in allen Parteien bewirkt hat: „Auch die konservativen Fraktionen mussten sich nun mit dem Thema Frauen befassen und gelangten zu der Ansicht, dass Frauen nicht nur zur Zierde, sondern als politisch ernstzunehmende Personen auf der Liste stehen sollten.“

Dieser Bewusstseinswandel ist eine wichtige Voraussetzung, um Frauen wirklich an allen politischen Entscheidungen zu beteiligen. Es geht nicht nur um formale Gleichheit, sondern um gleichberechtigte Mitsprache bei allen politischen Themen und in allen Ressorts – nicht nur bei Sozial- und Gesundheitspolitik, sondern auch bei Wirtschaft, Verkehr und Finanzen. Bei der Frauenliste mussten sich die Rätinnen mit allen Themen befassen und bewiesen, dass Frauen diese auch beherrschen. Auf diese Weise hat die Frauenliste ebenso wie Bündnis 90/Die Grünen und SPD ihren Teil dazu beigetragen, dass sich der Frauenanteil im Herrenberger Gemeinderat seit 1994 stetig erhöht hat und das Erreichen der Parität auf einem guten Weg ist.

Susanne Geiger ist Kabarettistin und seit 2019 im Vorstand der Frauenliste.

Dr. Claudia Nowak-Walz ist Historikerin und Lektorin. Seit 2005 engagiert sie sich in der Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg.