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Von der Erwerbsarbeit als Tabu zur beruflichen Eigenständigkeit


Familie Niethammer

Familie Niethammer

Die Frau „ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“. Diese Regelung des Paragraphen 1356 BGB macht noch bis zur Reform des Familienrechts 1977 die Berufstätigkeit der Frau von der Erfüllung der Familien- und Ehepflichten und damit vom Einverständnis des Mannes abhängig. Danach dürfen beide Ehepartner gleichermaßen ohne Einschränkungen einen Beruf ausüben - ein Meilenstein in der Entwicklung der Erwerbstätigkeit von Frauen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gilt die Erwerbsarbeit der Frau insbesondere im Bürgertum als Tabu. In der gleichzeitig beginnenden Diskussion über bessere Bildungs- und Berufschancen geht es vor allem um die sinnvolle Überbrückung der Zeit zwischen Schule und Familiengründung und eine Vorbereitung der Frauen auf ihre „naturgegebene“ Rolle in Haus, Ehe und Familie. Die von der Frauenbewegung seit den 1840er Jahren geforderte Emanzipation durch ökonomische Eigenständigkeit war im bürgerlichen Milieu und auch bei Arbeitern und Bauern nicht vorgesehen.

Ein Beispiel für traditionelle Frauenbildung ist die bis 1964 im Bebenhäuser Klosterhof in Herrenberg untergebrachte „Frauenarbeitsschule“. Sie nimmt im November 1902 ihren Betrieb auf und hat zum Ziel „Töchter jeden Standes aus Stadt und Land durch geordneten Unterricht in weiblichen Handarbeiten jeder Art gründlich auszubilden“. Der Schwerpunkt liegt nicht auf dem Erlernen eines Berufs, sondern auf der Vermittlung von für das spätere Familienleben nützlichen Fähigkeiten. Ausnahmen sind Klara Eißler und Gertrud Krauß, die beide als Lehrerinnen an die „Städtische Haushaltungs- und Frauenarbeitsschule“ zurückkehren.

Ab 1900 gerät das bürgerliche Frauenbild zunehmend in Konflikt mit der Realität: Unverheiratete Frauen aller Schichten können ihren Lebensunterhalt nun selbst verdienen. Arbeiterfrauen sind trotz schlechterer Bezahlung immer mehr gezwungen, neben der vollen Last für Haushalt und Familie ihre Berufstätigkeit in der Fabrik oder als Heimarbeiterin nach der Eheschließung fortzusetzen. Ähnlich ist die Lage bei der großen Gruppe der weiblichen „mithelfenden Familienangehörigen“ in der Landwirtschaft und im Kleinbürgertum.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wird im Ersten und im Zweiten Weltkrieg die „stille Reserve“ der verheirateten Frauen immer dann für den Arbeitsmarkt mobilisiert, wenn „Not am Mann“ ist und diese als Soldaten an der Front sind. 1939 ist jede dritte Frau in Deutschland erwerbstätig, 1943 wird die allgemeine Arbeitspflicht für Frauen eingeführt. Frauen werden gebraucht und üben auch sogenannte Männerberufe aus. So führt Mathilde Niethammer in Abwesenheit ihres Ehemannes, des späteren Bürgermeisters Wilhelm Niethammer, während des Ersten Weltkriegs erfolgreich das heimische Weiß- und Bettwarengeschäft weiter. Die spätere Gemeinderätin Lina Link übernimmt nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1942 die Versorgerrolle für die Familie. Sie führt neben einer kleinen Landwirtschaft eine neugegründete Wäscherei für die in Herrenberg stationierten amerikanischen Soldaten.

Nach beiden Kriegen geht die Frauenerwerbstätigkeit deutlich zurück: 1950 ist in Westdeutschland nur noch jede vierte Frau berufstätig. Die Frauen sollen in ihre traditionelle Rolle in Haus und Familie zurückkehren und sehen bis in die 1960er Jahre ihre Erwerbsarbeit häufig nur als zweitrangig an. Seit der Reform des Familienrechts 1977 können Frauen auch ohne Zustimmung ihres Ehemannes berufstätig sein. Zudem gilt nun das Prinzip der Partnerschaft in der Ehe, was das formale Ende der alleinigen Zuständigkeit der Frauen für Kindererziehung und Hausarbeit bedeutete.

Faktisch wirken aber alte Rollenbilder bis heute nach: Der Anteil der in Teilzeit arbeitenden Frauen ist immer noch sehr hoch. Von insgesamt 18,1 Mio. Frauen, die 2018 einer Berufstätigkeit nachgingen, arbeiteten 9,4 Mio. in Vollzeit, 8,7 Mio. in Teilzeit, also fast die Hälfte (47,9 Prozent). Dies führt zu schlechterem Verdienst, schlechteren Karrierechancen und einer schlechteren Altersvorsorge. Im Vergleich: Bei den Männern waren lediglich 11,2 Prozent (2018) in Teilzeit tätig. Als Grund für ihre Teilzeitarbeit geben bei den Frauen 45,8 Prozent familiäre Verpflichtungen an, bei den Männern hingegen nur 10,3 Prozent.

Dr. Stefanie Albus-Kötz ist Leiterin des Stadtarchivs Herrenberg und Mitglied des Herrenberger Frauennetzwerks. Seit der Geburt ihrer beiden Söhne arbeitet sie aus familiären Gründen in Teilzeit.