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Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt erst 2073


Equal pay day

Equal Pay Day

“Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!” Unter diesem Slogan gehen auch in Herrenberg jedes Jahr Frauen auf die Straße, verteilen Informationsmaterial und kommen mit Interessierten ins Gespräch. Denn was banal klingt, ist leider noch immer Utopie: eine gerechte Bezahlung. Deutschland belegt europaweit den zweiten Platz im Ranking der ungerechtesten Bezahlung: Männer verdienen fast ein Fünftel mehr als Frauen.

Doch woran liegt es, dass in einem vermeintlich fortschrittlichen Land immer noch so große Ungerechtigkeit herrscht? Nach den beiden Weltkriegen, in denen Frauen oftmals die Arbeit der Männer übernommen haben, werden Frauen erneut in die Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt. Wenn Frauen in den 50er und 60er Jahren berufstätig sind, haben ihre Tätigkeiten häufig einen Bezug zur klassischen Frauenrolle: sie pflegen als Krankenschwestern, erziehen als Kindergärtnerinnen, assistieren als Sekretärinnen.

Inzwischen herrscht schon lange freie Berufswahl für alle Geschlechter, und doch sind veraltete Rollenbilder noch präsent. In den Gesundheits-, Reinigungs- und sozialen sowie kulturellen Dienstleistungsberufen machen Frauen immer noch zwischen 74 und 85 Prozent der Beschäftigten aus. Dass diese Berufe Pfeiler unserer Wirtschaft und Gesellschaft und gleichzeitig dennoch unangemessen vergütet sind, hat sich spätestens in der Pandemie deutlich gezeigt. Mit dieser sogenannten Segregation des Arbeitsmarktes, also der Aufteilung in klassische Männer- und Frauenberufe, geht eine erhebliche Ungerechtigkeit einher. Denn Berufe, in denen überwiegend Frauen tätig sind, sind im Durchschnitt schlechter bezahlt als von Männern dominierte Berufe.

Das Problem, dass Frauen über deutlich weniger Einkommen verfügen als Männer, hängt jedoch nicht nur mit der Berufswahl oder gar Qualifikation zusammen. In den zehn beliebtesten Studiengängen in Deutschland sind Studenten nur in den Wirtschaftswissenschaften stärker vertreten als Studentinnen. Aber: Akademikerinnen verdienen im Schnitt viel weniger. Das liegt zum einen daran, dass der Bruttostundenlohn für Frauen und Männer in den gleichen Berufen für Männer zirka sechs Prozent höher ist als der von Frauen, zum anderen daran, dass es immer noch meistens Frauen sind, die nach der Geburt der Kinder oder für die Pflege von Angehörigen in Teilzeit arbeiten oder gänzlich zu Hause bleiben. Dies wirkt sich natürlich auch negativ auf die Rente aus.

Diese sogenannte Care-Arbeit spielt eine große Rolle in der Verteilungs(un)gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern: Frauen wenden mehr als doppelt so viel Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer, durchschnittlich gut vier Stunden am Tag. Diese Arbeit wird vom Schweizer Bundesamt für Statistik allein für die Schweiz mit 360 Milliarden Euro als der größte Wirtschaftsbereich, noch vor Banken und Pharmaindustrie bewertet.

Also was tun angesichts der ungerechten Bezahlung? Ein Vorbild in Sachen Gleichberechtigung ist Island, das laut Weltwirtschaftsforum (WWF) seit über zehn Jahren auf Platz eins der Geschlechtergleichstellung steht. Hier müssen Firmen seit 2018 gleiche Bezahlung von gleichwertiger Arbeit nachweisen, ansonsten drohen Strafen.

In Deutschland gibt es seit 2017 das Entgelttransparenzgesetz. Es nehme die Unternehmen allerdings nicht ausreichend in die Pflicht und sei an vielen Stellen mangelhaft, kritisiert der Deutsche Juristinnenbund.

Darüber hinaus nehmen in Island dank des fortschrittlichen Elternzeitgesetzes 96 Prozent der Väter diese Zeit auch in Anspruch. Entgelttransparenz und Elternzeit für Väter; mit nachdrücklichen Mitteln soll in Island bis 2022 wirklich gerechte Entlohnung herrschen. Im Rest der Welt wird es laut WWF noch zwischen 52 und 195 Jahren dauern…

Xenia Zerweck studiert Psychologie an der Universität Tübingen und war bis 2021 Ortschaftsrätin in Kayh.