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Mehr Gleichberechtigung in der Ehe durch eigenes Konto, Führerschein und Namenswahl


Margret Hildebrand

Margret Hildebrand

Die Jahre 1958 und 1977 markieren Meilensteine in der rechtlichen Unabhängigkeit von Frauen. Zwar hatten die „Mütter des Grundgesetzes“, vor allem die Juristin Elisabeth Selbert, schon 1949 erkämpft, dass die Gleichberechtigung als Grundrecht festgeschrieben wird, aber die Reform des patriarchalisch geprägten Familienrechts dauert noch fast zwei Jahrzehnte.

Der schlichte Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ hat weitreichende Folgen: Viele Regelungen, die Ehe und Familie betreffen, waren im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1896 verankert und müssen in der Folge geändert werden. Mit dem ersten Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau 1958 fällt in Deutschland der sogenannte Gehorsamkeitsparagraph: „Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung.“ Der Ehemann hat damit nicht mehr in allen Eheangelegenheiten sowie in Erziehungsfragen das letzte Wort. Zum Beispiel kann er den Arbeitsvertrag der Ehefrau nicht mehr fristlos kündigen. Zudem können verheiratete Frauen endlich auch ein Konto eröffnen und über ihr eigenes Geld verfügen.

Allerdings gilt noch bis 1977, dass eine Frau nur dann berufstätig sein darf, wenn diese Tätigkeit „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“. Die Aufgaben im Haushalt und in der Kindererziehung bleiben klar der Frau zugeordnet. Erst die Reform des Ehe- und Familienrechts im Jahr 1977 ersetzt das Modell der „Hausfrauenehe“ durch das Modell der „Partnerschaft“: „Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung in gegenseitigem Einvernehmen.“ Die Aufgabenteilung innerhalb der Ehe ist nun nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben. Die Ehepartner müssen gleichermaßen aufeinander und auf die Familie Rücksicht nehmen.

Dass es in den 1950er Jahren auch anders geht, zeigt das Leben von Sofie Rauser-Dengler, die für viele Herrenberger Mädchen zum Vorbild in Sachen Emanzipation wird. Seit 1929 führt sie ihr eigenes Friseur- und Kosmetikgeschäft, das Schönheitsinstitut Rauser, in der Horber Straße. Während der kriegsbedingten Abwesenheit ihres Ehemannes leitet sie zusätzlich dessen Schreinerei und zieht zudem noch ihre zwei Töchter groß.

Die Industriedesignerin Margret Hildebrand verkörpert ein weiteres weibliches Lebensmodell. Zufällig oder gewollt bleibt sie ledig und widmet sich ganz ihrer künstlerischen Arbeit, wovon auch ihr Arbeitgeber, die Stuttgarter Gardinenfabrik an der Schießmauer, enorm profitiert. Sie ist so erfolgreich, dass sie sich einen Porsche leisten kann, mit dem sie zwischen Herrenberg und Hamburg, wo sie ab 1957 als Professorin an der Staatlichen Kunsthochschule lehrt, pendelt. Übrigens: Auch beim Erwerb des Führerscheins sind Töchter und Ehefrauen, die vor 1958 den Führerschein machen wollen, darauf angewiesen, dass Ehemann oder Vater dies gestatten. Leichter haben es ledige Frauen wie Margret Hildebrand oder die Gemeindeschwestern, die von Berufs wegen auf die Fahrerlaubnis angewiesen sind.

Schon ab 1957 haben Frauen das Recht nach der Heirat den eigenen Nachnamen zu behalten, allerdings nur als Anhängsel an zweiter Stelle im Doppelnamen. Der Name des Mannes als Familienname der Eheleute ist obligatorisch. Ab 1976/77 darf auch der Name der Frau als Familienname gewählt werden. Seit 1993 ist es möglich, keinen gemeinsamen Familiennamen festzulegen.

Trotz der Freiheit bei der Wahl des Familiennamens entscheiden sich die meisten Ehepaare auch heute noch ganz traditionell: Von den Paaren, die 2020 in Herrenberg heirateten, wählten 82 Prozent (132) einen gemeinsamen Namen als Ehenamen, bei 95 Prozent (125) den Namen des Mannes. Nur fünf Prozent der Paare (7) entschieden sich für den Namen der Frau als gemeinsamen Namen. Bei elf Paaren (9 Prozent) wählte ein Eheteil einen Doppelnamen, davon waren zehn Frauen. Bei der Wahl eines Doppelnamens kann die Reihenfolge der Namen heute frei gewählt werden. 29 Paare (18 Prozent) legten keinen gemeinsamen Ehenamen fest, beide Eheleute behielten ihren jeweiligen Nachnamen.

Über die Gründe für die traditionelle Namenswahl lässt sich nur spekulieren. Sie deutet aber darauf hin, dass zwischen rechtlich garantierter und gelebter Gleichberechtigung auch im Jahr 2021 noch eine große Kluft besteht.

Dr. Claudia Nowak-Walz ist Historikerin und engagiert sich seit 2005 in der Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg.

Birgit Hamm ist ausgebildete Redakteurin und arbeitet seit 2014 bei der Stadt Herrenberg, zunächst in der Pressestelle, seit Oktober 2020 als Gleichstellungsbeauftragte.