Nachricht

Kinderbetreuung als Schlüssel zur besseren Vereinbarkeit


Luise Schoeffel

Luise Schöffel

Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist seit vielen Jahren ein Schwerpunkt in der Diskussion um Gleichberechtigung. Seit dem Aufkommen der Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre begehren Frauen gegen das traditionelle Frauenbild der Ehefrau, Hausfrau und Mutter auf. Sie fordern Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt, eine stärkere Beteiligung der Männer an der unbezahlten Sorgearbeit und den Ausbau der Kinderbetreuung. Das 1996 verankerte Recht auf einen Betreuungsplatz war ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit.

Zwischen 1950 und 1980 hat sich der Anteil der erwerbstätigen Frauen zwischen 15 und 60 Jahren von 44,4 Prozent auf 52,9 Prozent erhöht. Bei den verheirateten Frauen ist der Zuwachs noch deutlicher: 1950 ist gut ein Viertel (26,4 Prozent) aller verheiraten Frauen erwerbstätig, 1980 fast die Hälfte (48,3 Prozent). Vor welchen Herausforderungen stehen Mütter, die berufstätig sein wollen oder müssen? Kinderbetreuungsplätze sind damals Mangelware: Es gibt nur für jedes dritte Kind im Alter von drei bis sechs Jahren einen Platz. Zu dieser Zeit werden häufig bis zu 30 Kinder von einer Fachkraft und einer Praktikantin betreut und die Betreuungszeiten der Einrichtungen sind wenig variabel. Daher arbeiten viele Frauen gar nicht, in Teilzeit oder nehmen zusätzlich private Hilfe in Anspruch. Alleinerziehende, in den 1960er Jahren größtenteils Frauen, sind von der lückenhaften Kinderbetreuung besonders stark betroffen.

Um deren rechtliche und soziale Situation zu verbessern, gründet die Herrenbergerin Luise Schöffel 1967 den "Verband lediger Mütter", 1976 umbenannt in „Verband alleinstehender Mütter und Väter“ (VAMV). Zu den ersten Erfolgen des Verbandes gehört die Reformierung des Nichtehelichenrechts (1970) und die Verbesserung der Sozialgesetzgebung für Alleinerziehende.  Existenzsichernde Erwerbsarbeit und gute Kinderbetreuung sind weitere Forderungen des VAMV, der heute noch besteht und nach eigenen Angaben inzwischen die Interessen von 1,6 Millionen Einelternfamilien vertritt.

Erst durch den außerparlamentarischen Druck der Frauenbewegung verbessert sich die Situation. Die Aktivistinnen bewirken langfristig einen Bewusstseinswandel in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Frauen wollen nicht mehr nur zu Hause auf die Kinder aufpassen, sondern auch berufstätig sein. Bei einer Umfrage 2012 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums geben 60 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren an, dass sie sich Berufs- und Familienarbeit partnerschaftlich teilen möchten. Aber nur 14 Prozent der Befragten können diesen Wunsch in die Praxis umsetzen. Eine wichtige Voraussetzung, um Beruf und Familie erfolgreich verknüpfen zu können, ist der Ausbau der Kinderbetreuung.

Mitte der 1990er Jahre beginnt die Politik, sich diesem Thema ernsthaft anzunehmen. Der erste Schritt ist 1996 die Verankerung des Rechtsanspruchs auf einen Kitaplatz für jedes Kind ab drei Jahren. Seit August 2013 gilt dieser Anspruch bereits für Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Die Ausweitung des Rechtsanspruchs steht in engem Zusammenhang mit der Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007.

Beide Gesetze zwingen Länder und Kommunen, die Zahl der Betreuungsplätze zu erhöhen und die Betreuungszeiten flexibler zu gestalten. Der Bund unterstützt den Bau von Kindertageseinrichtungen finanziell. In Herrenberg wurden in den vergangenen zehn Jahren 337 zusätzliche Betreuungsplätze geschaffen. Aktuell werden rund 1400 Kinder von ein bis sechs Jahren in 30 städtischen Kindertageseinrichtungen betreut. Private Träger und Tageseltern ergänzen das Angebot. Im Vergleich: 1985 gab es in Herrenberg nur 18 Kindertagesstätten. In einer Reihe weiterer Gesetze wird auch die Art der Betreuung und Förderung verändert: Der Personalschlüssel wird angehoben, die Gruppen werden verkleinert.

Unter den heutigen Bedingungen der Kinderbetreuung können Eltern mit Kindern bis sechs Jahren Beruf und Privatleben deutlich besser vereinbaren als früher. Weniger rosig ist die Situation von Eltern mit Grundschulkindern. Bis zur Einführung des Rechtsanspruchs auf Ganztagesbetreuung in der Grundschule (geplant für 2026) können die meisten nicht warten.

Heidi Maisch ist Gemeinderätin in Herrenberg und Leiterin einer Kindertagesstätte in Sindelfingen.