Nachricht

Geschlechtsspezifische Gewalt hat viele Facetten


Aktion gegen Gewalt

Aktion gegen Gewalt

Seit dem 1. Juli 2021 ist das Leben für Frauen in der Türkei gefährlicher geworden. Auf Befehl von Präsident Erdogan ist das Land aus der Istanbul Konvention ausgetreten, die Gewalt gegen Frauen generell und häusliche Gewalt im Besonderen ächtet und Gegenmaßnahmen fordert. Die Begründung lautet, sie schade der Einheit der Familie und fördere Scheidungen sowie Homosexualität. Wie notwendig die rechtsverbindliche Verankerung von staatlichen Maßnahmen gegen Gewalt ist, zeigt sich aber auch in Deutschland.

35 Prozent der Frauen in Deutschland haben in ihrem Leben schon einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt, 22 Prozent waren von körperlicher und/oder sexueller Gewalt durch einen Partner betroffen. Und jeden Tag versucht ein Mann, eine Frau zu töten – alle drei Tage gelingt es. Bundestagsabgeordnete verschiedener Fraktionen haben im November 2020 gefordert, Femizide, das heißt die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind, endlich als eigenständiges Delikt zu registrieren und zu untersuchen. Die Forschung sieht als eine Ursache den Kontroll- und Machtverlust, den die männlichen Partner bei einer Trennung nicht verwinden können. Auch der Landkreis Böblingen ist keine Ausnahme: Betrachtet man die alltägliche Gewalt, die für viele Frauen traurige Realität ist, so haben sich die Anfragen an die Kreisberatungsstelle AMILA seit dem Lockdown im März 2020 von drei auf acht Anfragen wöchentlich erhöht. Männer sind bundesweit nur zu 19 Prozent von Gewalt in Partnerschaften betroffen.

Geschlechtsspezifische Gewalt hat viele Facetten. Ohne Vollständigkeitsanspruch seien genannt: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, die zuletzt durch die „MeToo-Bewegung“ aus den USA deutlich wurde, Zwangsverheiratung, im Namen der sogenannten „Ehre“ begangene Verbrechen, Genitalverstümmelung, Stalking, Mobbing, Menschenhandel als Grundvoraussetzung für Prostitution sowie Vergewaltigung. Die jüngste, rasant steigende Ausprägung ist die digitale Gewalt, der Frauenhass im Netz. Dabei verbinden sich Frauenfeindlichkeit mit Gewaltfantasien.

In der sogenannten Queer Community (LSBTQ+), wie sich Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung selbst bezeichnen, werden verschiedene Frauenrollen gelebt, die von der heterosexuellen Norm abweichen und daher in vielen Ländern gewaltsam unterdrückt werden. Aber auch in Deutschland werden lesbische oder Transgender-Personen Opfer von Gewalt.

Echte Meilensteine zum Schutz von Frauen waren das Jahr 1997, als Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde, und das Gewaltschutzgesetz von 2002, das unter anderem den „Platzverweis“ regelt. Das Prinzip „Wer schlägt, muss gehen – das Opfer bleibt in der Wohnung“ bietet Betroffenen Sicherheit. Mit bislang nur einem Wohnungsverweis in diesem Jahr sieht es in Herrenberg dabei glücklicherweise gut aus. Auch Frauenhäuser sind ein wichtiger Baustein der Hilfen. Nach elf Jahren soll der Kreis Böblingen keiner der neun sogenannten „weißen Flecken“ im Land mehr bleiben: Der Kreistag hat kürzlich endlich den Bau eines Frauenhauses in Herrenberg beschlossen.

Um die vielfältigen Erscheinungsformen der geschlechtsspezifischen Gewalt weiter zu bekämpfen, sind neuartige Lösungsansätze nötig. Das betrifft bei der Prostitution die Einführung des Nordischen Modells der Freierbestrafung, denn „Prostitution ist weder Sex noch Arbeit, sondern bezahlte Vergewaltigung“, wie Karen Ehlers vom Stuttgarter Verein „Sisters“ es formuliert. Und das Motiv „Frauenhass“ muss, ebenso wie „Fremdenhass“, auf Bundesebene im Gesetz als juristische Kategorie verankert werden. Noch wichtiger als gesetzliche Regelungen sind aber Verhaltensänderungen. Wenn die Gesellschaft will, dass in der heranwachsenden Generation weniger Männer zu Tätern und Frauen zu Betroffenen werden, müssen wir heute mit Kindern und Jugendlichen an Rollenbildern, Konfliktlösungsstrategien und Selbstbehauptung arbeiten.

Maya Wulz ist Ortschaftsrätin in Gültstein und war bis 2018 Gemeinderätin in Herrenberg.