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Sexuelle Befreiung und Tabu


Frauentag 1996

Frauentag 1996

Seit genau 150 Jahren steht der Paragraph 218 im Strafgesetzbuch, seit 60 Jahren ist die Antibabypille auf dem Markt und seit 50 Jahren gibt es die Frauenbewegung in Deutschland. Doch auch 2021 gilt, dass Frauen in Deutschland, die ungewollt schwanger werden, nicht frei darüber entscheiden dürfen, ob sie das Kind behalten wollen oder nicht.

In den 60er Jahren befreien sich die Frauen von einer Sexualmoral, die in der Nachkriegszeit vorherrschend war: Sie ist geprägt von Tabus und Scham, über Sexualität wird nicht geredet.

Mit der Zulassung der Antibabypille 1960 in den USA und ein Jahr später auch in Deutschland eröffnen sich neue Wege für sexuelle Freiheiten. Zunächst wird die Pille jedoch nur verheirateten Frauen über 30 Jahren verschrieben - und das auch nur gegen Menstruationsbeschwerden und Akne. Als sie für alle Frauen freigegeben wird, sind sie erstmals in der Lage ungewollte Schwangerschaften durch die Einnahme eines Hormonpräparates mit hoher Sicherheit zu verhindern.

Die Kirchen protestieren gegen die Geburtenkontrolle durch künstliche Verhütungsmittel mit der Begründung, dadurch werde "zur allgemeinen Aufweichung der sittlichen Zucht" beigetragen.

Viele Frauen sehen in der Pille hingegen eine Befreiung. Endlich kann die Familienplanung selbst bestimmt werden, weil Sexualität und Fortpflanzung nicht weiter miteinander verknüpft sind. Durch die Einführung der Pille werden Frauen insgesamt unabhängiger. Sie können sich für eine spätere Mutterschaft und damit für einen höheren Schulabschluss und für eine bessere Berufsausbildung entscheiden.

Proteste gegen Paragraph 218 haben Tradition
Trotz vieler Proteste und Reformen im Laufe der Jahre, die immer wieder durch einstweilige Anordnungen und Urteile der Gerichte revidiert werden, steht der Paragraph 218 auch heute noch im Strafgesetzbuch.

Vor genau 150 Jahren, am 15. Mai 1871, wurde er ins Reichsstrafgesetzbuch eingefügt. Demnach wird eine Schwangere mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus bestraft, die „ihre Frucht abtreibt oder im Leib tötet“. Der wichtigste Grund für das Gesetz ist es damals, die Bevölkerung zu vergrößern. Schon in der Weimarer Republik gibt es Proteste gegen den Paragraphen 218. Es kommt zur ersten Selbstbezichtigungsanzeige von Ärztinnen und Ärzten: „Ich habe abgetrieben, ich habe geholfen abzutreiben“.

Eine der größten Protestaktionen von Frauen ist die „Stern“-Aktion 1971, die von Alice Schwarzer initiiert wird. 374 Frauen bekennen sich in der Zeitschrift „Stern“ dazu „Ich habe abgetrieben“. Das hat weitreichende Folgen, denn diese Aktion gilt gleichzeitig auch als Anfang der Frauenbewegung in Deutschland.

Als Mitte der 70er Jahre die Fristenlösung in der Bundesrepublik eingeführt werden soll, die den Abbruch einer Schwangerschaft in den ersten zwölf Wochen straffrei lässt, bremst dies ein Antrag des Landes Baden-Württemberg aus. Im Februar 1975 fällt das Bundesverfassungsgericht ein Urteil und stellt fest, dass die Fristenlösung nicht das geeignete Instrument sei, um das werdende Leben zu schützen.

Nach der Wiedervereinigung 1990 muss eine neue gesetzliche Regelung gefunden werden, denn in der DDR ist die Fristenlösung erlaubt gewesen.

Im Jahr 1995 beschließt der Bundestag schließlich das Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz (SFHÄndG), das Schwangerschaftsabbruch für rechtswidrig, aber in bestimmten Fällen für straffrei erklärt. Der Schwerpunkt dieser gesetzlichen Fristenregelung mit vorgeschriebener Beratung bei einer anerkannten Beratungsstelle liegt auf dem Schutz des ungeborenen Lebens in der Frühphase der Schwangerschaft. Der aktuelle Paragraph 218a StGB verpflichtet die schwangere Frau zur Beratung, danach zu einer dreitägigen Bedenkzeit und verzichtet in diesen Fällen auf eine Strafandrohung.

Trotzdem ist der Abbruch einer Schwangerschaft immer noch ein Tabu-Thema. Betroffene Frauen trauen sich nicht, darüber zu reden. Sie schämen sich und haben Angst vor Anfeindungen.

Privatpraxis in Herrenberg
Ein Problem ist die Tatsache, dass es immer weniger Ärztinnen und Ärzte gibt, die Abbrüche vornehmen. Viele gehen aktuell in Rente und finden keine Nachfolge. Und nicht alle Kliniken mit gynäkologischen Abteilungen, zum Beispiel die Klinik in Herrenberg, bieten Schwangerschaftsabbrüche an. Denn laut Paragraph 12 Abs.1 des Gesetzes zur Vermeidung und Bewältigung von Schwangerschaftskonflikten darf niemand gezwungen werden daran mitzuwirken. Dieses Recht steht nicht nur dem Arzt oder der Ärztin, sondern auch anderen direkt Beteiligten zu, wie etwa Krankenschwestern.

In Herrenberg gab es ab Mitte der 60er Jahre bis in die 90er Jahre eine „Gynäkologische und geburtshilfliche Privatkrankenanstalt“ im Schießtäle, in der Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden. Die Praxis von Dr. Plenefisch war über die Region hinaus bekannt. Bis heute wird hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen.

Brigitte Binder-Kirn, Gemeinde- und Ortschaftsrätin, Sozialpädagogin