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Nachholbedarf bei Frauen in Führungspositionen


Weronika Rother Gluecksklee

Weronika Rother

„Frauen haben entscheidenden Anteil am Unternehmenserfolg. Es liegt daher im ureigenen Interesse der Unternehmen, diese Kompetenz auch in die Führungsgremien einzubeziehen“, bringt es Christine Lambrecht, Bundesministerin für Justiz, Verbraucherschutz und Familie, auf den Punkt. Das am 1. Mai 2015 in Kraft getretene „Erste Führungspositionen-Gesetz“ (FüPoG) schreibt eine feste Geschlechterquote von 30 Prozent für Aufsichtsräte in börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen vor. Außerdem müssen sich Unternehmen Zielgrößen für mehr Frauen in Führungspositionen setzen.

Doch die Realität sieht anders aus: In den 200 umsatzstärksten deutschen Unternehmen liegt der Frauenanteil in Vorständen aktuell bei 11,5 Prozent. Im internationalen Vergleich ist Deutschland Schlusslicht bei der Besetzung von Führungspositionen mit Frauen. Im August 2021 wird deshalb das „zweite Führungspositionen-Gesetz (FüPoG II)“ im Bundestag verabschiedet, dass Unternehmen verpflichtet, mindestens eine Frau in den Vorstand zu berufen, wenn der Vorstand aus mehr als drei Personen besteht.

In Baden-Württemberg hat sich der Anteil von Frauen in der zweiten Führungsebene (Ebene unterhalb des Vorstands und der Geschäftsführung/Betriebsleitung) von 33 Prozent im Jahr 2012 auf gut 40 Prozent im Jahr 2018 erhöht. Der Frauenanteil in der ersten Führungsebene blieb in dieser Zeit allerdings unverändert bei 25 Prozent. Frauen gelangen leichter in Führungspositionen, wenn sie in kleineren und mittleren Unternehmen tätig sind, bevorzugt in Teilen des Dienstleistungsbereichs oder im Handel. Weitere Faktoren, die weibliche Führung begünstigen, sind ausreichende bedarfsgerechte öffentliche Kinderbetreuung, das im jeweiligen Unternehmen vorherrschende Familien- und Frauenbild, innovative Führungs- und Arbeitszeitmodelle sowie weibliche Rollenvorbilder.

Herrenberger Unternehmerinnen
In Herrenberg gibt es zahlreiche Frauen, die sich selbstständig gemacht und ihre eigenen Unternehmen gegründet haben. Dies ist immer noch ein ungewöhnlicher Weg, denn nur neun Prozent der erwerbstätigen Frauen in Baden-Württemberg arbeiten selbstständig oder freiberuflich. Welche Meinung haben sie zum Thema Frauen in Führungspositionen?

Weronika Rother ist seit 2007 Inhaberin des Blumenfachgeschäfts „Glücksklee“ mit vier Beschäftigten. Um das Überleben des Geschäfts in der Pandemie zu sichern, baut sie einen Lieferservice auf und erweitert das Sortiment um branchenverwandte Produkte. Auf die neue Herausforderung einer Baustelle vor ihrem Laden antwortet sie mit der Verschönerung des Hinterhofs und schafft dadurch weitere Verkaufs- und Präsentationsflächen.

Natascha Neuffer führt seit 13 Jahren ihr Kosmetikstudio in Kuppingen. Sie ist der Meinung, dass gute Führung - unabhängig vom Geschlecht - über gemeinsame Ziele, viel Lob, Anerkennung und Wertschätzung funktioniert.

Weronika Rother beschreibt ihren Führungsstil als kooperativ, geprägt von einer freundschaftlichen Beziehung zu ihren Angestellten. Für beide Chefinnen ist die Vernetzung und der Austausch mit anderen Unternehmerinnen wichtig und hilfreich.

Esther Holzapfel, bis Frühjahr 2020 Inhaberin der Tagespflege und -betreuung „Dahoim am Seele“, meint dagegen: „Im sozialen Bereich fehlt die Akzeptanz und Anerkennung durch die Männer- und Wirtschaftswelt“. Für Frauen sei es daher in einer Führungsposition um einiges anstrengender. Frauen, die Care-Arbeit für die Gesellschaft leisten, müssten besser sichtbar gemacht und angemessener bezahlt werden, fordert sie. Im Mai 2020 musste Esther Holzapfel ihr Unternehmen in andere Hände übergeben. Die finanziellen Mittel vom Staat reichten nicht aus, um die Kosten zu decken. Nur so konnte sie eine Insolvenz verhindern. Das kann die „bittere Seite“ von Führung und Verantwortung sein. Immerhin konnten vier der sechs Mitarbeitenden ins neue Unternehmen wechseln.

Tanja Erbele-Wiest startete als Betriebswirtin und Künstlerin zunächst mit dem Verkauf ihrer eigenen Kunstwerke, 2004 und 2005 dann mit einem Online-Shop. 2007 öffnet sie den Concept-Store „Pigmento“ mit Geschenken und Kleidung in der Spitalgasse, der sich mittlerweile im Bronntor befindet. Um den Umsatz in der Corona-Zeit anzukurbeln, dreht sie witzige Videos und erhöht damit ihre Präsenz bei Facebook und Instagram.

Fazit: Die Akzeptanz von Frauen in Führungspositionen muss weiter gestärkt werden. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Männer und Frauen ist eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg als Führungskräfte, Gründerinnen und Unternehmerinnen.

Beatrix Jacobsen ist Projektmanagerin bei Hewlett Packard Enterprise (HPE) und seit 2019 Teil des Vorsitzendenteams der Frauenliste Herrenberg.