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Gleiche Rechte – gleiche Chancen?


EU Flagge

EU Flagge

Der Weg zum Wahlrecht für Frauen in Europa begann 1906 mit dem Wahlrecht für Frauen in Finnland. 1913 bis 1919 folgten elf Länder, darunter auch das Deutsche Reich. Zwischen 1920 und 1944 kamen weitere sechs Staaten hinzu und nach dem Ende des zweiten Weltkriegs bis 1962 erhöhte sich die Zahl der Länder mit Frauenwahlrecht in Europa auf 26. Schlusslichter waren die Schweiz (1971), Portugal (1974) und Liechtenstein (1984). In der aktiven Politik sind Frauen aber immer noch unterrepräsentiert, obwohl sie reichlich Gründe haben, sich einzumischen.

Europäischer Index für Chancengleichheit
Seit 2010 veröffentlich das European Institute for Gender Equality (EIGE) einen jährlichen Bericht zur Chancengleichheit in Europa. Anhand von Daten zu Arbeit, Entlohnung, Geldvermögen, Bildung, Zeitbudgets, politische Macht, Gesundheit, Sicherheit vor Gewalt und Digitalisierung werden einzelne Sektoren beleuchtet, die für die Chancengleichheit bedeutsam sind. Die Einzelergebnisse machen die Entwicklungen des letzten Jahrzehnts sichtbar. Als Gesamtergebnis zeigen sie auf einer Skala von 0 bis 100 eine Rangfolge der europäischen Staaten in Bezug auf die Chancengleichheit von Frauen. Der Index liegt im Jahr 2020 im europäischen Durchschnitt bei 67,9 von 100 Punkten. Deutschland ist mit 67,5 Punkten „Mittelklasse“. Spitzenreiter sind Schweden (83,8 Punkte), Dänemark (77,4 Punkte) und Frankreich (75,1 Punkte). Schlusslichter sind Ungarn (53,0 Punkte) und Griechenland (52,2 Punkte).

Was die Zahlen aussagen
Die volle Chancengleichheit in allen Ländern wäre, wenn das Tempo so bleibt, in 60 Jahren erreicht. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Frauenanteil in der Politik am meisten verbessert, auch wenn es hier immer noch Luft nach oben gibt. Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin der EU, Christine Lagarde als Chefin der Europäischen Zentralbank, ein Frauenanteil von 40 Prozent im Europaparlament und weibliche Regierungschefs in Litauen, Island, Deutschland, Dänemark, Norwegen und Finnland stehen für diese Entwicklung. Auch die Einführung der Parité in Frankreich, Belgien, Spanien, Portugal und Slowenien, die vorgibt, dass alle Parlamente von der nationalen und regionalen bis zur kommunale Ebene paritätisch von Männern und Frauen besetzt werden sollen, hat für einen Schub gesorgt.

Defizite bestehen weiterhin in einer ungleichen Verteilung der Sorgearbeit und einem überdurchschnittlichen Anteil von Frauen in sozialen Berufen. Trotz steigender Berufstätigkeit von Frauen hat sich dieses Ungleichgewicht nicht verändert. Frauen sind in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen europaweit immer noch wenig vertreten und der Anteil der Frauen mit Abschlüssen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik liegt bei niedrigen 20 Prozent. Der Index für den Gender Pay Gap hat sich seit 2010 nur um 2,2 Punkte verbessert. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist damit immer noch nicht Realität.

Fazit
Die Zahlen sind ernüchternd. Am deutlichsten wird das Ungleichgewicht bei der Betrachtung der freien Zeit, über die Männer und Frauen verfügen, um ihren Interessen und Ambitionen nachzugehen. Die Corona-Pandemie hat die Doppelbelastung der Frauen noch sichtbarer gemacht. Beruf, Familienarbeit, soziale Kontakte und die Verantwortung dafür, dass in allen Bereichen tagtäglich „der Laden läuft“ sind Sache der Frauen. Den Rücken hält ihnen dafür nur selten jemand frei. Der Vorsprung in Sachen Gleichberechtigung in den skandinavischen Ländern beruht insbesondere auf einer guten staatlichen Kinderbetreuung, Ganztagesschulen und breitgefächerten Betreuungsangeboten für ältere Menschen.

Der Bericht zum Index für Chancengleichheit schließt mit dem Fazit, dass der Zuwachs an Frauen in Führungspositionen der Politik und in den Parlamenten Hoffnung auf bessere Rahmenbedingungen für Chancengleichheit in Europa macht. Wie für ihr Wahlrecht werden die Frauen auch dafür selbst kämpfen müssen.

Quelle: Gender Equality Index 2020. Herausgegeben vom European Institute for Gender Equality (EIGE). www.eige.europa.eu

Petra Menzel ist Gemeinderätin in Herrenberg.