Herrenberg im Nationalsozialimus

2015 hatte der Gemeinderat der Stadt Herrenberg Dr. Marcel vom Lehn beauftragt, die Zeit zwischen 1933 und 1945 für Herrenberg wissenschaftlich aufzuarbeiten. Nach zwei Jahren intensiver Recherchen, in denen Dr. Marcel vom Lehn in Archiven recherchiert, Quellenmaterial gesichtet und mit Zeitzeugen gesprochen hat, ist im November 2017 das Buch „Herrenberg im Nationalsozialismus. Stadt und Gesellschaft (1933–1945)“ erschienen.

Ergänzend hat Dr. Marcel vom Lehn in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv eine Ausstellung konzipiert, die die wesentlichen Ergebnisse seiner Forschungen anhand zahlreicher Bilder, Originaldokumente und zeitgenössischer Objekte veranschaulicht. Die Ausstellung ist seit November 2017 im Stadtarchiv zu sehen.

Während der zweijährigen Laufzeit des Projekts informierte Dr. Marcel vom Lehn immer wieder unter großem Interesse der Bevölkerung über den Stand seiner Forschungen. Auch im Verwaltungsausschuss des Gemeinderats gab er am 10. Juli 2017 einen inhaltlichen Abschlussbericht.

Ausstellung in die Schule holen

Lehrkräfte, die die Ausstellung zur Geschichte Herrenbergs im Nationalsozialismus an ihrer Schule zeigen möchten, können sich gerne an das Stadtarchiv wenden.

Übrigens: Am Schickhardt-Gymnasium Herrenberg hat die Ausstellung bereits Station gemacht.
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Herrenberg im Nationalsozialismus. Stadt und Gesellschaft (1933-1945)

In seinem Buch „Herrenberg im Nationalsozialismus. Stadt und Gesellschaft (1933-1945)“ kommt der Historiker Dr. Marcel vom Lehn zu dem Schluss, dass der Nationalsozialismus in Herrenberg relativ leicht Fuß fassen konnte, weil sich vor 1933 weder die Mehrheit der Bevölkerung noch die Honoratioren, die Evangelische Kirche oder der Gäubote als Lokalzeitung mit der Demokratie identifizierten.

In der politisch-ökonomischen Krise nach der Weltwirtschaftskrise 1929 konnte die NSDAP deshalb das in Herrenberg erheblich vorhandene Protestpotenzial mobilisieren und erreichte bei den letzten weitgehend freien Wahlen im März 1933 in der Stadt und in fast allen heutigen Stadtteilen absolute Mehrheiten.

Die Gleichschaltung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft 1933/34 verlief vielfach freiwillig. Etliche frühere NS-Gegner, wie Bürgermeister Reinhold Schick, versuchten sich dem neuen System anzupassen.
Auch in Herrenberg zeigte sich die Menschenverachtung des Nationalsozialismus. Im Zuge der NS-Machtübernahme wurden beispielsweise acht hauptsächlich kommunistische Einwohner in das KZ Heuberg gebracht und dort mit hoher Wahrscheinlichkeit schwer misshandelt.

Mindestens 44 als „erbkrank“ eingestufte Menschen aus dem heutigen Stadtgebiet wurden gegen ihren Willen sterilisiert und mindestens 14 weitere Menschen im Zuge der „Euthanasie“-Verbrechen ermordet, haben die Forschungsarbeiten ergeben. Die Verantwortlichen für diese Verbrechen waren überwiegend selbst Herrenberger, die ihren Handlungsspielraum anders hätten nutzen können, so vom Lehn.

Im Zweiten Weltkrieg wurden Hunderte Männer, Frauen und Jugendliche aus ganz Europa im Stadtgebiet als Zwangsarbeiter eingesetzt. Manche Zwangsarbeiter wurden wie Familienangehörige behandelt, andere hingegen misshandelt, vor allem in der Rüstungsproduktion, die zu Kriegsende bei der Firma Walter Knoll eingerichtet wurde
Terror und Verfolgung richteten sich bis in die Kriegszeit hinein vor allem gegen ausgegrenzte Minderheiten. Allerdings denunzierten Einwohner nicht selten ihre Nachbarn und Kollegen.

Funktionsträger wie Ortsgruppenleiter Wilhelm Gauger oder der Kuppinger Bürgermeister Martin Reinhardt leiteten solche Denunziationen häufig an vorgesetzte Stellen weiter, was vor allem nach Kriegsbeginn für die Betroffenen zu unkalkulierbaren Folgen wie KZ-Haft führen konnte.

Ein seltenes Beispiel für Opposition war die Rettung des jüdischen Ehepaars Krakauer, das zeitweise von dem Kuppinger Pfarrer Erhard Eisenmann versteckt wurde. Zu erwähnen ist auch der Herrenberger Stadtpfarrer Rudolf Richter, der nicht nur gegen die kirchenfeindliche Politik, sondern auch gegen den Antisemitismus und Rassismus des Nationalsozialismus predigte.
Die Kriegsendphase unterschied sich deutlich von der Zeit davor. Im KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen fand 1944/45 der Holocaust in unmittelbarer Nähe der Gemeindegrenzen statt. Herrenberg selbst wurde seit Sommer 1944 stärker in die Kriegshandlungen einbezogen und war Ziel von etlichen Luftangriffen. Nicht nur wehrfähige Männer, sondern auch Ältere und Jugendliche wurden zum Kriegseinsatz eingezogen.

Das NS-System funktionierte in Herrenberg bis zum Schluss. Die Stadt selbst wurde noch im April 1945 von Wehrmacht und einheimischen NS-Aktivisten blutig und sinnlos gegen die Alliierten verteidigt. Um Kuppingen, Oberjesingen und Affstätt gab es tagelange Kämpfe. Dabei kam es zu zahlreichen Toten und auch zu Verbrechen der alliierten Kampftruppen gegen die Zivilbevölkerung. In den übrigen heutigen Stadtteilen, die kampflos übergeben wurden, waren die Folgen glimpflicher.
Da in Herrenberg der Wohnungsbestand insgesamt erhalten geblieben und die Lebensmittelversorgung gesichert war, wurden überproportional viele Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten und Osteuropa im Gäu untergebracht. Dies führte zu einem Bevölkerungswachstum und strukturellen Veränderungen durch die neuen Einwohner, die als Katholiken in ein fast geschlossen evangelisches Siedlungsgebiet kamen und vor allem Beschäftigung in der Industrie fanden.

Die Integration ging in den ersten Jahren mit erheblichen Spannungen einher. Unmittelbar nach dem Krieg versuchte die US-amerikanische Besatzungsmacht eine umfassende politische Säuberung durchzuführen. NS-Funktionäre wurden interniert, Aktivisten aus Verantwortungspositionen entfernt. Spätestens seit Beginn des Kalten Krieges scheiterte aber die Entnazifizierung. Fast alle früheren Nationalsozialisten wurden rehabilitiert und passten sich dem Nachkriegssystem an. Ehemalige NS-Gegner fanden in Herrenberg kaum Berücksichtigung.