Geschichten aus dem Gedächtnis der Stadt

Das Stadtarchiv als historisches Gedächtnis der Stadt hat es sich zur Aufgabe gemacht, in regelmäßigen Abständen interessante Unterlagen aus seinen Beständen vorzustellen und dabei spannende Geschichten aus der Geschichte der Stadt zu erzählen.

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Neues aus dem Stadtarchiv

Werke von Karl-Kühnle in Kuppingen zu sehen


Die Vereinsgemeinschaft Kuppingen und das Stadtarchiv präsentieren vom 25. Mai bis 12. Juni in der Kuppinger Karl-Bissinger-Gemeindehalle, Raiffeisenstraße 40, eine Ausstellung über den Kuppinger Maler Karl Ludwig Kühnle. Die Schau trägt den Titel „Karl Ludwig Kühnle – ein Malerleben“. Die Veranstalter haben ein umfangreiches Begleitprogramm organisiert. 

„Schon seit langem bestand in Kuppingen der Wunsch, eine Ausstellung über unseren Maler Karl Ludwig Kühnle zu zeigen“, so Kuppingens Ortsvorsteher Markus Speer. Kühnle kam im Jahr 1900 in Kuppingen zur Welt und fand nach verschiedenen Abstechern dort auch seinen Lebensmittelpunkt. Er starb im Alter von 81 Jahren im Jahr 1981 in seinem Kuppinger Atelier. „Unter den rund 60 präsentierten Bildern und zahlreichen Objekten - vor allem Leihgaben der Familie Kühnle und von privaten Sammlern, aber auch Werken aus dem Gemäldebestand des Stadtarchivs – befinden sich auch Neuentdeckungen, Neuerwerbungen und noch nie der Öffentlichkeit gezeigte Werke und Werkkomplexe“, lädt Archivleiterin Dr. Stefanie Albus-Kötz zum Besuch ein. „Mit dieser Ausstellung möchten wir das Leben Karl Ludwig Kühnles nachzeichnen, das vor allem während seiner Ausbildung, aber auch danach, viele Aspekte eines typischen Künstler- und Malerlebens zeigt“, erklärt Elena Hocke, stellvertretende Leiterin der Herrenberger Volkshochschule, dazu. Die beiden städtischen Mitarbeiterinnen haben die Ausstellung konzipiert. Dabei standen die vier Kinder von Kühnle sowie Professor Dr. Roland Deines von der Internationalen Hochschule Liebenzell beratend zur Seite.

Stationen aus dem Leben des Künstlers
In einzelnen Rubriken zeigt die Schau die Lebensstationen Kühnles von seinen familiären Wurzeln bis zu seiner Rezeption auf. Dadurch entsteht das Bild eines vielseitigen Künstlers, der unterschiedliche Gattungen in unterschiedlichen Stilen bedient: von Druckgraphiken, Zeichnungen, Karikaturen, Illustrationen in Büchern, kirchlichen Blättern, Kalendern und Postkarten, über seine bekannte und beliebte Öl- und Acrylmalerei bis hin zu seinen weniger bekannten Fotografien und gesellschaftskritischen Arbeiten. Die Überblicksschau zeichnet das Lebenswerk Kühnles nach und präsentiert die Entwicklung seines künstlerischen Schaffens von seinen frühen Arbeiten, vor allem derjenigen auf Papier, die Anleihen des Jugendstils, Art déco und Symbolismus aufweisen, über seine „Brot und Butter-Kunst“ und seine romantisch-realistische Malerei bis hin zu seinen expressiven und abstrahierenden Werkkomplexen. Erstmals werden seine künstlerischen Vorbilder oder Lehrer, etwa Hans Thoma (1839–1924), Prof. Curt Liebich (1868–1937), Erich Rein (1899–1960), Prof. Wilhelm Hasemann (1850–1913), Moritz Heymann (1870–1937) und Prof. Heinrich Seufferheld (1866–1940) im Zusammenhang mit einer Ausstellung aufgearbeitet.

Karl Kühnles Werk Die große Eiche, 1924Die große Eiche, Karl Ludwig Kühnle, 1924

Herkunft der gezeigten Objekte
Die gezeigten Bilder und Exponate stammen zum großen Teil aus dem Nachlass der Familie Kühnle und werden für die Ausstellung durch seine Kinder Christel Koch, Adalbert Kühnle, Irmintraut Class und Monika Kühnle zur Verfügung gestellt. „Unser besonderer Dank gilt daher der Familie Kühnle, die diese Schau umfassend unterstützt“, so Albus-Kötz. Diese Objekte werden durch den Bestand des Stadtarchivs und privater Leihgeber sowie durch Arbeiten der Kinder der Kuppinger Karl-Kühnle-Grundschule ergänzt. Daneben bereichern Leihgaben des Kunstmuseums Hasemann-Liebich in Gutach und des Stadtmuseums Hornberg sowie der Graphischen Sammlung des Kunsthistorischen Instituts der Eberhard-Karls-Universität Tübingen die Ausstellung.

Öffnungszeiten der Ausstellung
Die Ausstellung ist von montags bis freitags von 14 bis 17 Uhr geöffnet; samstags, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Um 17 Uhr ist jeweils letzter Einlass. Der Eintritt ist frei.

Begleitprogramm
Ein umfangreiches Programm begleitet die Ausstellung. Zwei Vorträge, ein thematischer Abend „Kunst und Wein“ sowie zahlreiche Führungen stehen auf der Agenda. Wer sich für ein Kühnle-Werk im eigenen Heim interessiert, hat die Möglichkeit, bei einer Versteigerung eines von drei Werken zu erwerben.

Weitere Infos unter herrenberg.de/karl_kühnle

Portätfoto von Karl Kühnle, 1968

Porträtfoto von Karl Ludwig Kühnle, 1968. Foto: Monika Kühnle

Herrenberger Stadtansichten von damals und heute


Mitglieder des Herrenberger Fotoclubs Objektiv haben die Stellen früherer Stadtansichten des Fotografen Julius Krayl neu fotografiert. In einer Ausstellung mit dem Titel „Fotoclub meets Krayl“ im Stadtarchiv ist ab 9. Mai eine Gegenüberstellung damals und heute zu sehen. Die Vernissage findet am Montag, 9. Mai, um 18 Uhr, statt.

Im März 2020 zeigte das Herrenberger Stadtarchiv eine Ausstellung zu Ehren des Herrenberger Fotografen Julius Krayl, der um die Jahrhundertwende für die Dokumentation der Herrenberger Stadtansichten verantwortlich zeichnete. Zugleich war er in Herrenberg die einzige Adresse für Porträt- und Gruppenfotos. Angeregt durch diese Schau haben sich im letzten Jahr die Mitglieder des Herrenberger Fotoclubs „Objektiv“ auf der Suche nach Wandel und Konstanz im Herrenberger Stadtbild auf die Spuren Krayls begeben, um vom selben Standort und aus demselben Blickwinkel Veränderungen im Stadtbild sichtbar zu machen. Entstanden sind aktuelle Aufnahmen die in einer beeindruckenden Gegenüberstellung die Entwicklung von Herrenberg aufzeigen. Gezeigt werden diese Werke nun in der Ausstellung „Fotoclub meets Krayl“.

Infos
Alle Interessierten sind zur Vernissage am Montag, 9. Mai, um 18 Uhr eingeladen. Auf dem Programm des Abends steht eine kurze Einführung die Ausstellung durch den 1. Vorsitzenden des Fotoclubs Jean-Marie Will und Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz. Um Anmeldung zur Vernissage wird gebeten per E-Mail an archiv@herrenberg.de oder Telefon 07032 954 633 0.
Die Ausstellung ist zu den Öffnungszeiten des Stadtarchivs Herrenberg, Marienstraße 21, 71083 Herrenberg, zugänglich. Diese sind: Montag von 8:30 bis 12:30 Uhr und 13:30 bis 17:00; Dienstag von 8:30 bis 12:30 Uhr; Mittwoch von 8:30 bis 12:30 Uhr sowie Donnerstag von 8:30 bis 12:30 Uhr.

Karl-Kühnle-Ausstellung in Kuppingen


Die Vereinsgemeinschaft Kuppingen und das Stadtarchiv präsentieren vom 25. Mai bis 12. Juni in der Kuppinger Karl-Bissinger-Gemeindehalle, Raiffeisenstraße 40, eine Ausstellung über den Kuppinger Maler Karl Ludwig Kühnle. Die Schau trägt den Titel „Karl Ludwig Kühnle – ein Malerleben“.

Anhand von rund 60 Bildern und zahlreichen Objekten - vor allem Leihgaben der Familie Kühnle und von privaten Sammlern, aber auch Werken aus dem Gemäldebestand des Stadtarchivs - worunter sich Neuentdeckungen, Neuerwerbungen und noch nie der Öffentlichkeit gezeigte Werke und Werkkomplexe befinden, will die Ausstellung das Leben Karl Ludwig Kühnles nachzeichnen, das vor allem während seiner Ausbildung, aber auch danach, viele Aspekte eines typischen Künstler- und Malerlebens zeigt.

Dabei zeigen die einzelnen Ausstellungsrubriken die Lebensstationen Karl Ludwig Kühnles von seinen familiären Wurzeln bis zu seiner Rezeption auf. So entsteht ein Bild eines vielseitigen Künstlers, der unterschiedliche Gattungen von der Druckgraphik, Zeichnung, Karikatur, Illustration in Büchern, kirchlichen Blättern, Kalendern und auf Postkarten, über seine bekannte und beliebte Öl- und Acrylmalerei bis hin zu seinen weniger bekannten Fotografien und gesellschaftskritischen Arbeiten in den unterschiedlichen Stilen bedient.

Stadtteil Oberjesingen: „Machen soll im Vordergrund stehen“


Der heutige Stadtteil Oberjesingen kam am 1. März 1972 zu Herrenberg. Bereits im Dezember 1971 hatten sich Haslach, Kayh, Kuppingen und Mönchberg ihrer Nachbarstadt angeschlossen. Zu diesem 50jährigen Jubiläum der Eingemeindungen berichtet die Stadt Herrenberg in einer Reihe. In diesem letzten Beitrag geht es um Oberjesingen. Ortsvorsteher Tobias Pfander gibt einen Einblick in die heutige Situation vor Ort.

Oberjesingen liegt am nördlichen Rand der Stadt Herrenberg und ist der am weitesten vom Stadtkern entfernte Stadtteil. „Wir sind umgeben von einer wunderschönen und abwechslungsreichen Natur- und Kulturlandschaft”, schwärmt Ortsvorsteher Tobias Pfander und denkt dabei an Felder, Streuobstwiesen, Feuchtbiotope oder Wald. „Von diesen Naherholungsgebieten machen die Oberjesingerinnen und Oberjesinger intensiven Gebrauch, zu Fuß oder mit dem Rad”, weiß der 44-Jährige, der als Vertriebsleiter bei einem Möbelhersteller in Böblingen arbeitet. Laut dem Ortsvorsteher ist der Oberjesinger Menschenschlag ein „ganz besonders wertvoller“: „Wir sind fleißig, umtriebig und geschäftstüchtig. Dies zeigt sich am aktiven Vereinsleben und dem großen ehrenamtlichen Engagement.“ Augenzwinkernd fügt er hinzu: „Nicht zuletzt lässt der Ortsneckname ‚Klein-London‘ auf diese Umtriebigkeit bereits in früheren Tagen schließen.“

Infrastruktur
Oberjesingen verfügt heute über eine zeitgemäße, öffentliche Infrastruktur wie Grundschule, zwei Kindertageseinrichtungen, eine Sport- und Gemeindehalle, ein Bezirksamt und eine starke freiwillige Feuerwehr. „Das Nahversorgungs- und Dienstleistungsangebot ist wie in anderen Teilorten leider nur noch sehr schlecht ausgeprägt,“ bedauert Pfander. Der Erhalt von kulturhistorischen Einrichtungen hat einen hohen Stellenwert. So gibt es im Ort einheitlich gestaltete Infotafeln, die historische Bilder von Straßen und Gebäuden zeigen und jeweils eine Geschichte dazu erhalten. Im Ortskern befindet sich mit der Alten Schmiede und dem denkmalgeschützten Backhaus ein einzigartiges Gebäudeensemble, für dessen Erhalt und Sanierung sich die Gruppe „Kulturorte“ engagiert.

Stimmen zur Eingemeindung 1972
„Für viele Oberjesingerinnen und Oberjesinger ist das heute kein Thema mehr. Die Zugehörigkeit zu Herrenberg ist einfach Fakt“, erzählt Pfander anlässlich des Jubiläums der Eingemeindung von Oberjesingen nach Herrenberg vor nunmehr 50 Jahren. „In den 1960er Jahren hatte die damals selbstständige Gemeinde Oberjesingen extrem ambitionierte Entwicklungspläne. Nach der Eingemeindung musste Herrenberg sehr viele Versprechungen aus den Eingemeindungsverträgen in allen Teilorten abarbeiten. Oberjesingen, das damals mit einem hohen Schuldenstand dazu kam, wurde bei vielen dieser Projekte erst spät bedacht. Das hat bei vielen sicherlich zu Enttäuschung geführt. Heute fühlen wir uns als eines von sieben gut geratenen Kindern der Stadt Herrenberg. Wir haben es selbst in der Hand, was wir aus unserer Heimat machen”, erklärt Pfander weiter.

Oberjesingen - Lufaufnahme von Gelände um den Farrenstall

Luftaufnahme des Farrenstalls mit Umgebung: Fläche mit Zukunftspotential für Oberjesingen.

Visionen für Oberjesingen
Die bestehende Lücke bei der Nahversorgung soll durch die Ansiedlung eines Dorfladens geschlossen werden. „Konkrete Pläne für die Eröffnung eines Tante-M Ladens in den Räumen der Kreissparkasse gibt es für September 2022”, teilt Pfander mit. Langfristig arbeiten Ortschaftsrat, Kirchengemeinde und die örtlichen Vereine in einer Perspektivwerkstatt an einem Nutzungskonzept für das Evangelische Gemeindezentrum und für die Fläche rund um den Farrenstall. „Wir möchten in der Ortsmitte Vereins- und Veranstaltungsräume, Räume für kirchliche Gruppen, Besprechungen und Sitzungen, das Bezirksamt, den Dorfladen und vielleicht weitere Einrichtungen zentral bündeln”, erklärt der Ortsvorsteher dazu. Das Gelände des heutigen Gemeindezentrums könnte dann für die Ganztagesbetreuung der nebenan befindlichen Grundschule und zudem für Wohnformen fürs Alter genutzt werden. „Wir arbeiten an einem Gesamtkonzept, das unseren Ort zu einem attraktiven Quartier macht und öffentliche Gebäude optimal und mehrfach nutzt. Manchmal muss man für eine gute Zukunft auch Liebgewonnenes aufgeben.” Und Pfander schließt: „Wir wollen nicht nur ein Teil der Mitmachstadt Herrenberg sein. In Oberjesingen soll ‚machen‘ im Vordergrund stehen. Unter dem Motto ‚Oberjesingen packt an‘, kann jede und jeder bei uns an der Gestaltung seiner Heimat mitarbeiten.”

Oberjesingen Luftaufnahme vom Evangelischen Gemeindezentrum mit Umgebung

Die Zukunft des Evangelischen Gemeindezentrums steht auf der Agenda in Oberjesingen ganz oben.

Bericht aus dem Herrenberger Stadtarchiv

Hohe Zustimmung in Oberjesingen
Herrenberger Stadtarchiv hat in den Akten recherchiert

Zur Eingemeindung von Oberjesingen nach Herrenberg hat das Stadtarchiv einen Blick in die Akten geworfen und interessante Details zutage gefördert. In Oberjesingen stimmten im Jahr 1972 bei der Bürgerabstimmung 84 Prozent der Stimmberechtigten für den Anschluss an Herrenberg.  

„Im Vergleich zu den anderen Stadtteilen war die Situation in Oberjesingen etwas anders,“ blickt Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz zurück. Oberjesingen wurde damals seit Juli 1970 zunächst von Beamten des Böblinger Landratsamts und dann durch den Deckenpfronner Bürgermeister Winfried Kuppler kommissarisch geleitet. In einem Telefonat mit Bürgermeister Schroth im April 1971 stellte Kuppler dabei fest, dass Oberjesingen eher den Zug nach Kuppingen und damit nach Herrenberg habe. Deckenpfronn dagegen strebe lediglich eine Verwaltungsgemeinschaft an. Folgerichtig beauftragte der Oberjesinger Gemeinderat Bürgermeister Kuppler, in Herrenberg anzufragen, ob eine Eingliederung oder eine Verwaltungsgemeinschaft möglich sei. Es waren vor allem finanzielle Argumente, die den Oberjesinger Gemeinderat zu einem Zusammenschluss mit Herrenberg bewogen. So war im Fall einer Eingliederung von Oberjesingen mit Mehrfinanzzuweisungen in Höhe von 1 Million DM zu rechnen.

Auf dem Weg zur Eingemeindung
Demzufolge beantragte auch Oberjesingen im Juni 1971 seine Eingemeindung zur Stadt Herrenberg. Gleichzeitig wurde im Juni 1971 eine Bürgerversammlung abgehalten, bei der jedoch Stimmen laut wurden, doch zunächst eine Verwaltungsgemeinschaft abzuschließen und erst dann über eine Eingliederung nachzudenken. In der Folgezeit wurden bis Januar 1972 einzelne Formulierungen des möglichen Eingliederungsvertrags zwischen beiden Parteien beraten, wobei es auch um die Gewichtung der Herrenberger Investitionen in Oberjesingen ging. Dies führte so weit, dass der Oberjesinger Gemeinderat einen eigenen Vertragsentwurf an die Herrenberger Verwaltung übergab. Am 24. Januar 1972 arbeitete man schließlich doch einen gemeinsamen Entwurf eines Eingliederungsvertrags aus. Um sich zusätzliche Finanzzuweisungen zu sichern, musste die Eingemeindung bis zum 1. März 1972 wirksam werden. So plante man für den 19. Februar eine informative Bürgerversammlung und am 27. Februar das vorgeschriebene Bürgervotum. Der Gemeinderat sollte ebenfalls am selben Tag noch zustimmen, so dass die Bürgermeister schließlich den Vertrag am 27. Februar 1972 um 20.45 Uhr im Herrenberger Ratssaal auch noch besiegeln konnten. Die Bürgerabstimmung fiel folgendermaßen aus: 44 Prozent der Oberjesinger Bürger stimmten ab, von diesen waren 84 Prozent für eine Eingemeindung nach Herrenberg, 16 Prozent dagegen.

Verwaltung des Stadtteils Oberjesingen
Die Eingemeindung Oberjesingens wurde mit Wirkung zum 1. März 1972 wirksam. An dem Tag standen zunächst eine Bestandsaufnahme und die Regelung des künftigen Verwaltungsablaufs an. „In Oberjesingen konnte durch die besondere Situation nicht - wie in den anderen eingemeindeten Orten - der bisherige Bürgermeister die Funktion des Ortsvorstehers übernehmen,“ berichtet Albus-Kötz weiter. Die laufende Verwaltung übernahm der Kuppinger Ortsvorsteher und frühere dortige Bürgermeister, Karl Bissinger. Die Grundlagenarbeit, insbesondere eine Bestandsaufnahme im Bereich des Abgabenwesens übernahm der Mönchberger und Kayher Ortsvorsteher Willi Hirth. Vier Oberjesinger sollten zukünftig dem neuen Herrenberger Gemeinderat angehören.

Eingliederungsvertrag
Im Bereich der Weiterentwicklung von Oberjesingen erscheinen im Eingliederungsvertrag die Deckung der Fehlbeträge aus den Rechnungsjahren 1969 bis 1971, der Anschluss an die Kläranlage Herrenberg, die restliche Finanzierung der Nachbarschaftshauptschule Kuppingen-Oberjesingen-Deckenpfronn, der Bau einer Turn- und Versammlungshalle, eines Kindergartens sowie die Ortssanierung, wobei die erste Gruppe der Aufgaben einschließlich der Refinanzierung der Nachbarschaftshauptschule als zwangsläufige und unaufschiebbare Aufgaben definiert werden und deshalb prioritär behandelt werden sollten.

herrenberg.de/eingemeindungen

Stadtteile sind Ortschaften mit Ortsvorsteher und Ortschaftsräten


Im vergangenen Dezember konnten die vier Herrenberger Stadtteile Haslach, Kayh, Kuppingen und Mönchberg auf 50 Jahre Zugehörigkeit zur Stadt Herrenberg zurückblicken. Am 1. März 2022 ist Oberjesingen seit 50 Jahren Teil von Herrenberg. In einer Reihe berichtet die Stadt Herrenberg zu diesen Jubiläen. In diesem Beitrag geht es um die Verwaltung der Stadtteile.

In Herrenberg gilt die sogenannte Ortschaftsverfassung, die in der Zeit der Gemeindereform in den 1970er Jahren eingeführt wurde. Die Ortschaftsverfassung ist in Gemeinden mit räumlich getrennten Ortsteilen – wie Herrenberg und den sieben früheren selbstständigen Gemeinden – möglich. Heute haben alle Stadtteile haben mit dem Ortschaftsrat eine eigene politische Vertretung vor Ort. Der jeweilige Ortsvorsteher sitzt diesem Gremium vor. Aktuell wird in einem Prozess die Möglichkeit eines Beteiligungsformats für die Kernstadt geprüft. Für die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadtteile gibt es mit den Bezirksämtern eine Anlaufstelle vor Ort. Ein aktueller Gemeinderatsbeschluss sieht vor, an dieser Präsenz grundsätzlich festzuhalten.

Ortschaftsräte
Die Anzahl der ehrenamtlichen Mitglieder im Ortschaftsrat als Vertretungen des Stadtteils hängt von der Einwohnerzahl ab. Aktuell haben die Ortschaftsräte von Affstätt, Haslach und Mönchberg acht Mitglieder, während die Gremien von Gültstein, Kayh, Kuppingen und Oberjesingen zehn Mitglieder stellen. Dabei ist der Stadtteil Kayh eine Besonderheit: Nach der Einwohnerzahl hätte auch Kayh nur acht Mitglieder. Aufgrund alter Vereinbarungen sind es hier jedoch ausnahmsweise zehn. Die Wahl der Ortschaftsräte findet im Rahmen der alle fünf Jahre stattfindenden Kommunalwahl statt – zuletzt am 26. Mai 2019. Die nächste Wahl ist voraussichtlich im Frühsommer 2024.

Die Aufgaben der Ortschaftsräte sind die Beratung von wichtigen Angelegenheiten, die den Stadtteil betreffen. Weiter hat das Gremium ein Vorschlagsrecht zu allen Stadtteil-Themen. Hierfür haben die Ortschaftsräte dieselben Befugnisse und Zuständigkeiten wie ein beschließender Ausschuss des Gemeinderats. Das bedeutet, dass hierzu die Vorberatungen im Ortschaftsrat stattfinden anstatt im Technischen Ausschuss oder Finanzausschuss. In verschiedenen Ortschaftsräten gibt es Personen, die darüber hinaus auch einen Sitz im Herrenberger Gemeinderat haben.

Abschaffung der unechten Teilortswahl
Beim ersten Bürgerentscheid in der Geschichte der Stadt Herrenberg am 22. September 2013 ging es um das Wahlsystem für den Gemeinderat. Bis dahin hatten die Stadtteile durch die so genannte unechte Teilortswahl eine festgelegte garantierte Anzahl an Sitzen im Gemeinderat. Aber das Wahlsystem der unechten Teilortswahl ist insbesondere für die Wählerinnen und Wähler kompliziert und dadurch gab es regelmäßig eine hohe Anzahl an ungültigen Stimmen. Weiteres Argument zur Abschaffung war, dass die Stadt Herrenberg mit ihren Stadtteilen einige Jahrzehnte nach den Eingemeindungen mehr und mehr zu einer Einheit geworden ist.

Der Bürgerentscheid 2013 wurde mit dem Tag der Bundestagswahl zusammengelegt. Es beteiligten sich damals 71 Prozent aller Wahlberechtigten am Bürgerentscheid. Somit wurde das notwendige Quorum von einem Viertel aller Wahlberechtigten deutlich erreicht. Die Mehrheit – 58,35 Prozent – sprach sich für die Abschaffung aus. Bei der Kommunalwahl 2014 wurde erstmals das neue Wahlsystem angewandt.

Als Stärkung der Ortschaftsräte wurde im Anschluss an die Abschaffung der unechten Teilortswahl ein so genannter Vermittlungsbeirat eingerichtet. Dieser kann laut Hauptsatzung einberufen werden, wenn zwischen Gemeinderat und einem Ortschaftsrat keine Einigkeit hergestellt werden kann. Bisher wurde einmal ein Vermittlungsbeirat einberufen: Im Jahr 2017 zum Thema Gewerbegebietserweiterung in Gültstein.

Ortsvorsteher
Den Vorsitz im Ortschaftsrat hat der Ortsvorsteher oder die Ortsvorsteherin. Aktuell ist diese Position in allen Herrenberger Stadtteilen männlich besetzt. Dabei gibt es Unterschiede: Wenn der Ortsvorsteher zugleich gewähltes, ehrenamtliches Ortschaftsratsmitglied ist, hat er Stimmrecht. Dies ist aktuell in Gültstein (Gerhard Kauffeldt), Haslach (Dieter Ulmer), Kayh (Hermann Horrer), Kuppingen (Markus Speer) und Oberjesingen (Tobias Pfander) der Fall. Auch sonstige Personen können das Amt des Ortsvorstehers ehrenamtlich übernehmen, allerdings dann ohne Stimmrecht – so in Affstätt (Timo Petersen). Eine weitere Besonderheit gibt es in Mönchberg: Dort ist der städtische Beamte Nicolai Reith hauptamtlicher Ortsvorsteher ohne Stimmrecht. Alle Ortsvorsteher üben ihr Amt neben einem Hauptberuf in ihrer Freizeit aus. Sie erhalten dafür eine Aufwandsentschädigung.

Bezirksämter
In allen sieben Stadtteilen gibt es Bezirksämter – untergebracht in den ehemaligen Rathäusern – bei denen die Bürgerinnen und Bürger Pass- und Meldeangelegenheiten und Sonstiges erledigen können. Die Verwaltung der in den Stadtteilen vorhandenen Hallen und weiterer Veranstaltungsräume läuft ebenfalls über die Bezirksämter. In vielen Fällen, in denen das Bezirksamt nicht zuständig ist, werden die notwendigen Formulare bereitgehalten oder die Mitarbeitenden vermitteln die Bürgerinnen und Bürger an die zuständigen Stellen in der Stadtverwaltung. Sind die Bezirksämter geschlossen, können sich Bürgerinnen und Bürger der Stadtteile an die Bürgerdienste in Herrenberg oder ein anderes Bezirksamt wenden. In der Regel finden die Sitzungen der Ortschaftsräte in den Räumen der Bezirksämter statt.Bezirksamt Affstätt

Auch künftig soll es in jedem Stadtteil eine Anlaufstelle für die Bürgerinnen und Bürger geben, hier das Bezirksamt in Affstätt.

Stadtteil-Struktur auf dem Prüfstand
Im Rahmen des Konsolidierungspakets des durch die Corona-Pandemie gebeutelten Haushalts 2021 wurde im vergangenen Jahr in Herrenberg die Struktur der Stadtteile unter die Lupe genommen. Das Ergebnis dieser Untersuchung wurde dem Gemeinderat im Dezember 2021 präsentiert: Demnach hält die Stadt Herrenberg an der Ortschaftsverfassung fest und auch künftig soll es in jedem Stadtteil ein Bezirksamt geben. Bei dieser Prüfung hat sich jedoch gezeigt, dass es bei den Strukturen der Bezirksämter und der Aufgabenverteilung Optimierungspotenzial gibt: organisatorische Gesichtspunkte, unterschiedliche Sprechzeiten oder die Rollen und Zuständigkeiten der beteiligten Mitarbeitenden. Dieser Aspekt wird nun in einer vertiefenden Untersuchung beleuchtet und im Anschluss in den Gremien beraten.

Herrenberg und seine sieben Stadtteile
Zum Jahresende 2021 konnte die Stadt Herrenberg auf 50 gemeinsame Jahre mit fünf ihrer heutigen Stadtteile zurückblicken.

Affstätt war bereits 1965 und damit vor der Kommunalreform Stadtteil von Herrenberg geworden. In Affstätt gab es bis 2004 einen so genannten Bezirksbeirat, der keine eigenen Beschlüsse fassen konnte und dessen Vorsitzende der jeweilige Oberbürgermeister war. Dies und auch das Fehlen eines Ortsvorstehers hatte in Affstätt schon in den 1990er Jahren Sorgen um die angemessene Vertretung der eigenen Interessen ausgelöst. Im Jahr 2004 wurde auch in Affstätt die Ortschaftsverfassung mit Ortschaftrat und Ortsvorsteher eingeführt.

Am 1. Dezember 1971 wurden Haslach, Kayh, Mönchberg und Kuppingen Teil von Herrenberg. Die Eingemeindung von Oberjesingen folgte zum 1. März 1972.

Mönchberg umgeben von StreuobstwiesenDer Herrenberg Stadtteil Mönchberg ist umgeben von Streuobstwiesen, die viel Pflege benötigen.

Im Jahr 1975 machte Gültstein das Septett der Herrenberger Stadtteile komplett. In Gültstein gab deutlichen Widerstand gegen den Anschluss an Herrenberg. Bei einer Bürgerabstimmung im Jahr 1974 gab es eine Wahlbeteiligung von 93 Prozent. 84 Prozent der Teilnehmenden sprachen sich gegen den Zusammenschluss aus. Der Gültsteiner Gemeinderat reichte Klage ein. Kurz danach hat aber der Baden-Württembergischen Landtag ein neues Gesetz beschlossen und der Staatsgerichtshof Baden-Württemberg hat die Klage abgewiesen. Am 5. Juli 1975 wurde die Eingemeindung rechtskräftig. Einen Tag zuvor, am 4. Juli 1975, hatte der Gültsteiner Gemeinderat seine letzte Sitzung. Die damals auf einer Scheune im Ortskern angebrachte Aufschrift „769 – 1975. 1206 Jahre Gültstein, „Herrenberger“ verrieten uns, MDL Decker verkaufte uns, der Landtag verplante uns, der Staatsgerichtshof beschiß uns, was bleibt uns?“ wird immer noch gepflegt und hält die Erinnerung an diese turbulente Zeit wach. Im Jahr 2025 jährt sich der Anschluss Gültsteins an Herrenberg zum 50. Mal und die Eingemeindung von Affstätt liegt dann 60 Jahre zurück.

Aktuelle Einwohnerzahlen (Stand: Dezember 2021)
Herrenberg – gesamt: 33.117 Personen
Herrenberg – Kernstadt: 15.619 Personen
Affstätt – 2.242 Personen
Gültstein – 3.386 Personen
Haslach – 1.733 Personen
Kayh – 1.662 Personen
Kuppingen – 4.149 Personen
Mönchberg – 1.186 Personen
Oberjesingen – 3.140 Personen

Stadtteil Mönchberg: "Sehr hohes Engagement im Stadtteil"


Zum Jahresende 2021 konnte die Stadt Herrenberg auf 50 gemeinsame Jahre mit fünf ihrer heutigen Stadtteile zurückblicken. In einer Reihe berichtet die Stadt Herrenberg dazu. In diesem Beitrag geht es um den Stadtteil Mönchberg. Ortsvorsteher Nicolai Reith gibt einen Einblick in die heutige Situation vor Ort.

Mönchberg liegt am Schönbuchhang und ist umgeben von zahlreichen Streuobstwiesen: „Unser Stadtteil befindet sich in einer einmaligen Kulturlandschaft“, schwärmt Ortsvorsteher Nicolai Reith. Viele Mönchberger bewirtschaften diese Streuobstbäume und verkaufen Produkte: Obst, Schaumweine und Seccos, Schnäpse, Säfte, Öle oder Essig. Als weiteren Vorteil nennt Reith die Lage: „Mönchberg liegt direkt in der Natur, aber auch in der Nähe der Autobahn. Herrenberg und weitere Städte wie Tübingen, Böblingen oder Stuttgart sind schnell erreichbar.“ Die Einsatzbereitschaft im Stadtteil ist sehr hoch: „Fast jede und jeder ist irgendwo engagiert, bringt sich in Vereinen, Organisationen oder auf den Streuobstwiesen ein – das habe ich selten so erlebt. Dies trägt zu einem großen Zusammenhalt vor Ort bei,” berichtet der 30-Jährige Master-Absolvent der Ludwigsburger Hochschule für öffentliche Verwaltung. Im Hauptamt arbeitet Reith als Persönlicher Referent von Oberbürgermeister Thomas Sprißler und ist Leiter der städtischen Stabsstelle für Steuerung und Kommunikation. Gemeinsam mehr erreichen als alleine: Das war für Mönchberg als kleine und immer schon landwirtschaftlich geprägte Gemeinde klar und so kennt Reith heute keine negativen Stimmen zur damaligen Eingemeindung.

Pläne und Visionen für Mönchberg
Aktuell wird der Mönchberger Dorfplatz neugestaltet, die Bauarbeiten dazu sind im Jahr 2022 vorgesehen. „Unsere gemeinsame Vision ist es, im Rahmen der Ortskernsanierung auch eine attraktive Ortsmitte zu schaffen. Mit diesem neugestalteten Zentrum soll der Ortskern aufgewertet und von unseren Vereinen für Feste, Hocketsen und mehr genutzt werden können“, freut sich Reith darauf. Aktuell gibt es viele Kinder in Mönchberg. Dies führt dazu, dass am bestehenden Schulstandort der Platz in den nächsten Jahren nicht mehr ausreichen wird. „Daher streben wir eine gemeinsame neue Grundschule mit Kayh am Standort bei der Grafenberghalle an“, berichtet Reith. Die Grundschule ist eine wichtige Einrichtung in Mönchberg. „Dadurch, dass es bei uns vor Ort derzeit keine Nahversorgung gibt, sind Schule und Schulgemeinschaft eine wichtige Plattform, um sich zu treffen und sich auszutauschen“, erklärt Reith. Der Ortsvorsteher möchte zudem die örtlichen Vereine weiter unterstützen, um die aktive und lebendige Ortsgemeinschaft zu stärken. Auch für den Erhalt des Streuobstparadieses setzt er sich mit dem Ortschaftsrat ein: „Diese Landschaft ist prägend für Mönchberg, Herrenberg und die gesamte Region und sollte unbedingt erhalten werden, auch wenn die Rahmenbedingungen nicht einfacher werden.“

Luftbild Herrenberg Mönchberg / Foto: HolomMönchberg aus der Luft.

Die Schönheit des heutigen Stadtteils Mönchberg hat der ehemalige Mönchberger Pfarrer Ernst Oberdörfer in folgendem Gedicht beschrieben:

M Ö N C H B E R G

Kennt ihr das Land,
wo noch die Kirsche blüht?
Wo man von Hand noch
das Gemüse aus dem Boden zieht?
 
Kennt ihr das Land,
wo man die Kirche noch gebührend schätzt,
weil man den höchsten Platz im Ort
mit ihr besetzt?
 
Kennt ihr das Land,
wo man die Luft noch atmen kann?
Und auf der Straße schwätzen dann und wann?
 
Kennt ihr das Land,
wo man in Wald und Feld
sich gönnt, ein wenig auszuruhn,
dazu die Arbeit und die ganz Last
auch einmal auf die Seit zu tun?
 
Glücklich das Land, wo Menschen
noch zusammenstehn
und miteinander ihre Wege gehn!
 
Wo ist das Land, wo solche Zuständ sind?
Ich glaub, dass man dies alles
nur in Mönchberg findt.

Bericht aus dem Stadtarchiv

Sehr hohe Zustimmung in Mönchberg
Herrenberger Stadtarchiv hat in den Akten recherchiert

Zur Eingemeindung von Mönchberg nach Herrenberg hat das Stadtarchiv einen Blick in die Akten geworfen und interessante Details zutage gefördert. In Mönchberg stimmten im Jahr 1971 fast 96 Prozent der Stimmberechtigten für den Anschluss an Herrenberg.  

Mönchberg und Kayh hatten mit Willi Hirth damals einen gemeinsamen Bürgermeister und waren auch sonst sehr stark miteinander verflochten. „In den beiden damals selbstständigen Gemeinden stand man einer Eingemeindung nach Herrenberg sehr positiv gegenüber“, erklärt Dr. Stefanie Albus-Kötz, Herrenberger Stadtarchivarin. Wie in den anderen Gemeinden auch, hatten die Gemeinderäte von Kayh und Mönchberg in einer gemeinsamen Sitzung mit dem Herrenberger Gemeinderat am 30. Juni 1971 einstimmig beschlossen, ihrer Bevölkerung die Eingliederung in die Stadt Herrenberg zum 1. Dezember 1971 zu empfehlen.

In Mönchberg wurden als Projekte zur Weiterentwicklung des Ortes der Ausbau der Wasserversorgung mit Kayh, der Bau einer Kanalisation in Obermönchberg und der Bau einer Turn- und Festhalle in der Eingliederungsvereinbarung festgeschrieben. Wichtig war für die Mönchbergerinnen und Mönchberger auch eine bessere Anbindung nach Herrenberg und der Unterhalt einer Grundschule, solange es die örtlichen Gegebenheiten zulassen.

In Mönchberg nahmen bei 455 Stimmberechtigten 273 Bürgerinnen und Bürger an der Abstimmung teil. 261 Personen, das sind 95,6 Prozent stimmten für die Eingemeindung. „In Mönchberg war also die Zustimmung sehr hoch und das Ganze lief ohne große Proteste ab, auch wenn es durchaus kritische Stimmen gab“, bilanziert Albus-Kötz.

Nachdem der Beschluss zur Eingemeindung auf der Grundlage des Bürgervotums dann auch in den Gemeinderäten von Kayh und Mönchberg am 11. und am 12. Oktober 1971 gefasst worden war und der Herrenberger Gemeinderat am 19. Oktober im Ratssaal die Vertragsunterzeichnung bei 17 Anwesenden einstimmig beschlossen hatte, unterzeichneten alle Bürgermeister am Dienstag, 19. Oktober 1971, die jeweiligen Eingemeindungsvereinbarungen. Zum 1. Dezember 1971 wurde Mönchberg offiziell Teil von Herrenberg.

Stadtteil Kuppingen: „Bereitschaft der Stadt, in Kuppingen zu investieren"


Zum Jahresende 2021 kann die Stadt Herrenberg auf 50 gemeinsame Jahre mit fünf ihrer heutigen Stadtteile zurückblicken. In einer Reihe berichtet die Stadt Herrenberg dazu. In diesem Beitrag geht es um Kuppingen. Ortsvorsteher Markus Speer gibt einen Einblick in die heutige Situation vor Ort.

Mit rund 4.100 Einwohnerinnen und Einwohnern ist Kuppingen der größte Stadtteil von Herrenberg. „Heute blickt Kuppingen mit Stolz auf eine gute Ortsgemeinschaft, ein aktives und attraktives Vereinsleben, das von 15 Vereinen und drei Kirchengemeinden geprägt wird, sowie auf eine gute Infrastruktur, eingebettet in eine professionelle Verwaltung und ein gutes Netzwerk“, stellt Ortsvorsteher Markus Speer fest. „Es ist über die Jahre gelungen, den Stadtteil zu einem attraktiven Wohnort weiterzuentwickeln, die Verbindung mit Herrenberg zu stärken, ein gutes Netzwerk zwischen der Kernstadt und allen Teilorten zu schaffen und trotzdem die eigene Identität zu bewahren“, so Speer weiter. Dabei war die Eingemeindung 1971 keine „Liebe auf den ersten Blick“, berichtet Speer im Rückblick: „Damals war Herrenberg nicht die erste Wahl.“ Zunächst standen Überlegungen für einen Zusammenschluss mit Oberjesingen, Deckenpfronn und Sulz am Eck im Raum.

Partnerschaftliches Miteinander
Nachdem sich dies nicht realisieren ließ, hat Kuppingen schnell und selbstbewusst Gespräche mit Herrenberg aufgenommen. „Dem Kuppinger Gemeinderat war die Weiterentwicklung der Gemeinde immer schon sehr wichtig. Kuppingen sollte so aufgestellt werden, dass der Ort für zukünftige Herausforderungen bestens gerüstet ist und die Bürgerinnen und Bürger von einer intakten Infrastruktur profitieren können“, weiß der 57-Jährige, der bei der Volksbank-Herrenberg-Nagold-Rottenburg als Geschäftsführer im Immobiliengeschäft tätig ist. Um diese Ziele zu erreichen, ist ein starker Partner erforderlich: „Diesen Partner hat Kuppingen mit der Stadt Herrenberg gefunden“. In gutem partnerschaftlichen Miteinander wurden und werden Themen angegangen. Als Beispiele nennt Speer die Abwasserentsorgung durch Anbindung an das städtische Abwassernetz oder die Einbindung der Stadt in den Schulverband der früheren Nachbarschaftshauptschule. „Damit konnten notwendige Investitionen in das Schulgebäude getätigt werden, so dass wir heute - ein aktuell zwar leerstehendes - aber funktionierendes Schulgebäude haben“, erklärt Speer. Weitere Projekte waren zum Beispiel das Baugebiet „Hintere Breite“, die Erweiterung des Friedhofes, der Bau der Nordumfahrung, die Ortskernsanierung, die Anbindung an die weiterführenden Schulen, die gute Ausstattung bei der Kinderbetreuung, der Bau des Stephanusstifts oder die Sanierung der Karl-Bissinger-Gemeindehalle. „Alle diese Projekte zeigen nicht nur die gute Zusammenarbeit, sondern auch die Bereitschaft der Stadt Herrenberg in Kuppingen zu investieren und unseren Stadtteil weiterzuentwickeln”, bilanziert Speer.

Blick nach vorne
Weitere wichtige Zukunftsthemen stehen auf der Agenda: In den nächsten Monaten sollen die Sanierungsarbeiten der L 1358 zwischen Kuppingen und Sulz am Eck sowie die Jettinger Straße fertiggestellt werden. Die Realisierung des Gewerbegebiets Binsenkolben soll zeitnah erfolgen. „Dringend erforderlich ist der Bau eines neuen Feuerwehrgerätehauses, die Weiterentwicklung der Kuppinger Schulgebäude sowie die Entwicklung von Wohnbauflächen, um den bei uns bestehenden Wohnungsmangel zu befriedigen“, blickt Speer nach vorne.

Foto von der Evangelischen Kirche Kuppingen mit dem alten Schulhaus.

Kuppingen: Evangelische Kirche mit altem Schulhaus, 2020.

Bericht aus dem Stadtarchiv

Zur Eingemeindung von Kuppingen nach Herrenberg hat das Stadtarchiv einen Blick in die Akten geworfen und interessante Details zutage gefördert. In Kuppingen war damals die Zustimmung zum Anschluss an Herrenberg mit knapp 80 Prozent vergleichsweise gering.

Anlässlich der Besprechung über die Zielplanung im Kernbereich Herrenbergs am 10. Mai 1971 war offenbar laut Aussage von Bürgermeister Winfried Kuppler von Deckenpfronn, der kommissarisch auch die Geschäfte in Oberjesingen führte, noch eine Dreierlösung zwischen Kuppingen, Deckenpfronn und Oberjesingen im Gespräch. „Am 9. Juli 1971 stimmte der Kuppinger Gemeinderat bereits einstimmig dafür, seiner Bevölkerung die Eingliederung nach Herrenberg zu empfehlen“, so Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz.

Bürgerinformation
Auch in Kuppingen kam es nach der Information der Bürger durch eine Broschüre zu einer Bürgerversammlung. Am 26. September 1971 fand die Bürgerabstimmung statt, bei der von 1263 Stimmberechtigten 648 Bürgerinnen und Bürger ihr Votum abgaben. Für die Eingliederung waren 78,08 Prozent, dagegen 21,6 Prozent. „Damit war Kuppingen mit nur knapp 80 Prozent Zustimmung der Herrenberger Stadtteil, bei dem die Zustimmung am geringsten ausfiel“, erklärt Albus-Kötz. Warum war dies so? In der nichtöffentlichen Gemeinderatsitzung am 21. September 1971, also direkt nach den Bürgerversammlungen, erklärte Bürgermeister Schroth, aufgrund des „größeren Selbstbewusstseins der Gemeinde Kuppingen“ sei dort zirka ein Drittel der Bevölkerung gegen die Eingliederung. In den anderen drei Gemeinden sei dagegen ein Gefühl der Dankbarkeit zu spüren.

Beschlüsse zum Zusammenschluss
Aufgrund dieser Entscheidung der Bürgerschaft fasste der Kuppinger Gemeinderat am 15. Oktober 1971 den Beschluss, eine Vereinbarung mit Herrenberg abzuschließen. Am 19. Oktober, dem Tag der feierlichen Vertragsunterzeichnung durch die Bürgermeister, legte man in einem Aktenvermerk, der im Gemeinderat abgestimmt werden sollte, fest, dass Grundstückserlöse aus der Baulandumlegung Brühl/Breite vor Ort angelegt werden sollten und ergänzte so die Eingemeindungsvereinbarung im Sinne Kuppingens. Am 1. Dezember 1971 wurde Kuppingen offiziell zur Stadt Herrenberg eingemeindet.

Foto von der Eröffnung des Kindergartens Brühlweg im Mai 1974.

Eröffnung des Kuppinger Kindergartens Brühlweg im Mai 1974.

Stadtteil Kayh: „Es hat sich Vieles für uns verbessert“


Zum Jahresende 2021 kann die Stadt Herrenberg auf 50 gemeinsame Jahre mit fünf ihrer heutigen Stadtteile zurückblicken. In einer Reihe berichtet die Stadt Herrenberg dazu. In diesem Beitrag geht es um Kayh. Ortsvorsteher Hermann Horrer gibt einen Einblick in die heutige Situation vor Ort und das Stadtarchiv hat in den Akten interessante Details zutage gefördert.

Am sonnigen Südhang des Schönbuchs, zwischen den Kreisen Tübingen und Böblingen liegt der Stadtteil Kayh mit seinen knapp 1700 Einwohnern. „Die Entstehung von Kayh geht auf die Weinberge für das Kloster Bebenhausen zurück“, weiß Ortsvorsteher Hermann Horrer. In der ehemaligen Kelter ist heute ein Bürgerhaus untergebracht. „Wir liegen mitten in einem Streuobstparadies: Im Frühjahr genießen wir ein Blütenmeer, im Spätsommer die verschiedenen Früchte“, schwärmt Horrer. Diese stehen auch im Mittelpunkt des traditionellen Streuobsttags, der in Nicht-Corona-Zeiten jedes Jahr am Tag der Deutschen Einheit stattfindet. Viele tragen zum Erhalt dieser Landschaft bei: „Feierabendbauer hegen und pflegen in ihrer Freizeit den Baumbestand“, so der 55-jährige Ortsvorsteher, der im Hauptberuf als Ingenieur arbeitet.

Orientierung nach Herrenberg
Kayh ist schon immer nach Herrenberg orientiert. „So war die Eingemeindung damals eine logische Konsequenz“, erklärt Horrer. Auch die Abschaffung der unechten Teilortswahl im Jahr 2013 war unproblematisch. Weiterführende Schulen, Ärzte, Krankenhaus, Einkaufen oder Dienstleistungen werden in Herrenberg aufgesucht „Dies umso mehr, seit die Infrastruktur vor Ort weniger geworden ist“, berichtet der Ortsvorsteher. Aber es gibt auch Kontakte nach Tübingen und Ammerbuch. Stichworte sind die Entringer Gemeinschaftsschule oder die Einkaufsmöglichkeiten in Altingen und Pfäffingen. „Im Süd-Osten von Herrenberg fehlen Lebensmittel- und Drogeriemärkte“, konstatiert Horrer. Die Lage weit abseits der Kreisstädte macht der Ortsvorsteher verantwortlich für die Einrichtung eines Häckselplatzes und eines Wertstoffhofs vor Ort – mit allen seinen Vor- und Nachteilen. In den 1970er Jahren gab es sogar Pläne für eine Müllverbrennungsanlage: „Wehrhafte Proteste aus dem Ort haben diese Pläne allerdings erfolgreich verhindert“, erinnert sich Horrer. Langen Atmen braucht Kayh bei Landkreis- und Regierungsbezirksübergreifenden Projekten: Als Beispiele nennt der Ortsvorsteher einen kreisgrenzenüberschreitenden Radweg oder den neuen Anschluss an die B296.

Entwicklung von Kayh seit 1971
„Seit der Eingemeindung im Jahr 1971 hat sich für Kayh Vieles verbessert“, berichtet Horrer: Die Autobahn, die B28 als Umgehungsstraße, die Reaktivierung der Ammertalbahn, der Anschluss an die S-Bahn über Herrenberg, Bodenseewasserversorgung, Erdgas, die Kelter als Bürgerhaus oder der Bau der Grafenberghalle. Auch das Baugebiet Unten im Dorf zählt dazu: „Allerdings mussten wir hierfür über 20 Jahre lang warten“, so der Ortsvorsteher. „Ganz aktuell stehen der Kita-Neubau, hoffentlich bald der Neubau einer gemeinsamen Grundschule mit Mönchberg sowie das Baugebiet Bühl auf der Agenda,“ freut sich Horrer und ergänzt: „Diese Entwicklungen hätte Kayh als selbstständige Gemeinde nicht stemmen können.“ Er blickt optimistisch in die Zukunft und möchte sich weiter für den Erhalt der Streuobstwiesen, eine aktive Bürgergemeinschaft mit regem Vereinsleben, Ehrenamt und Bürgerbeteiligung einsetzen.

Foto vom Umbau der Kelter in Kayh im Jahr 1998.Kelter im Umbau zum Bürgerhaus im Jahr 1998.

Bericht aus dem Stadtarchiv

Auf dem Weg zur Eingemeindung
Kayh und Mönchberg hatten mit Willi Hirth damals einen gemeinsamen Bürgermeister und waren auch sonst sehr stark miteinander verflochten. In Kayh und Mönchberg stand man einer Eingemeindung nach Herrenberg sehr positiv gegenüber. Wie in den anderen Gemeinden auch, hatten die Gemeinderäte von Kayh und Mönchberg in einer gemeinsamen Sitzung mit dem Herrenberger Gemeinderat am 30. Juni 1971 einstimmig beschlossen, ihrer Bevölkerung die Eingliederung in die Stadt Herrenberg zum 1. Dezember 1971 zu empfehlen.

Diskussionspunkte in Kayh waren neben der Frage, ob der Herrenberger Gemeinderat oder der Kayher Ortschaftsrat zukünftig die Jagd verpachten sollte, die Frage nach dem Bau der geplanten Verbrennungsanlage auf der Gemarkung Altingen sowie die Ortsdurchfahrt der B 28, die man sich mit beidseitigem Gehweg wünschte.

Bürgerabstimmung
In Kayh nahmen bei 692 Stimmberechtigten 354 Bürgerinnen und Bürger an der Abstimmung teil. 333 - also 94,1 Prozent - stimmten für die Eingemeindung. „In Kayh war also die Zustimmung sehr hoch und das Ganze lief ohne große Proteste ab, auch wenn es durchaus kritische Stimmen gab“, schließt Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz. Nachdem der Beschluss zur Eingemeindung auf Grundlage des Bürgervotums im Gemeinderat von Kayh am 11. Oktober 1971 gefasst worden war und der Herrenberger Gemeinderat am 19. Oktober im Ratssaal die Vertragsunterzeichnung bei 17 Anwesenden einstimmig beschlossen hatte, unterzeichneten die Bürgermeister am Dienstag, 19. Oktober 1971, um 19.30 Uhr die Eingemeindungsvereinbarungen im Musiksaal des Schickhardt-Gymnasiums. Um 20.30 Uhr wurde die Vertragsunterzeichnung mit einem gemeinsamen Essen im Gasthaus Linde in Affstätt gefeiert. Am 1. Dezember 1971 wurde Kayh offiziell zur Stadt Herrenberg eingemeindet.

Das heutige Bezirksamt in einem restaurierten Fachwerkhaus. Das heutige Kayher Bezirksamt in einem restaurierten Fachwerkhaus.

Stadtteil Haslach: „Gut aufgestellt und reges Vereinsleben“


Zum Jahresende 2021 kann die Stadt Herrenberg auf 50 gemeinsame Jahre mit fünf ihrer heutigen Stadtteile zurückblicken. In einer Reihe berichtet die Stadt Herrenberg dazu. In diesem Beitrag geht es um Haslach. Ortsvorsteher Dieter Ulmer gibt einen Einblick in die heutige Situation vor Ort und das Stadtarchiv hat in den Akten interessante Details zutage gefördert.

Haslach liegt in exponierter Lage über Herrenberg und bietet schöne Ausblicke auf die Kernstadt und andere Stadtteile. Ortsvorsteher Dieter Ulmer erzählt, dass sich diese Lage sogar auf früheren Ortschildern niedergeschlagen hatte: „Haslach über Herrenberg“ – hieß es dort. Heute hat der Stadtteil drei Vereine sowie eine Freiwillige Feuerwehr: „Wir haben hier trotz der geringen Anzahl an Vereinen ein reges Vereinsleben und eine gute Gemeinschaft“, berichtet Ulmer. Im Jahr 1993 wurde die heutige Sporthalle gebaut und damit eine Vereinbarung aus dem Eingemeindungsvertrag umgesetzt. „Mit dem Neubau der Grundschule und der Erweiterung unserer Kindertageseinrichtung sind wir heute am Ort gut aufgestellt. Weiter haben wir einen Metzger, einen Frisör und eine Tankstelle. Nach der Schließung der Bäckereifiliale vor kurzem hoffen wir, dass sich hier wieder eine Lösung auftut,“ so Ulmer weiter. Die Evangelische Kirchengemeinde Haslach baut zurzeit in Verbindung mit einem Mehrfamilienhaus einen neuen Gemeindesaal gegenüber der Kirche.

Zur Eingemeindung vor 50 Jahren erreichen den Ortsvorsteher überwiegend positive Stimmen, auch wenn Einzelne heute noch den damaligen Beschluss bedauern. Bei der Abschaffung der unechten Teilortswahl im Jahr 2013 gab es in Haslach große Diskussionen erinnert sich Ulmer: „Davor waren zwei feste Vertreter aus Haslach im Gemeinderat vorgesehen.“ Aber diese Sorgen haben sich als unbegründet herausgestellt: Aktuell stellt Haslach ein Gemeinderatsmitglied, bis vor kurzem waren es noch zwei. Bis zur nächsten Kommunalwahl 2024 ist Ulmer zuversichtlich, dass sich weitere Personen finden, die den Einzug ins Stadtparlament schaffen. Für die Zukunft wünscht sich Dieter Ulmer die zeitnahe Realisierung des Baugebiets Hinter Zäunen/Gäßle: „An diesem Thema sind wir schon seit Jahren dran.“ Voller Vorfreude blickt er ins Jahr 2025: „Dann wird Haslach 1250 Jahre alt und wir hoffen, dass wir dieses Jubiläum gebührend feiern können.“ Aktuell werden noch Ideen und Mitmachende fürs Ortsbuch gesucht: „Wer eine Geschichte aus Haslachs Geschichte zu erzählen hat, ist hier richtig“, wirbt Ulmer. Weiter wünscht sich der 68-jährige Ortsvorsteher „dass der der Zusammenhalt im Ort weiterbesteht und wächst, sodass wir unsere Aufgaben und Wünsche für die Zukunft gemeinsam voranbringen.“

Foto von der Haslacher Kirche heute.

Blick auf die Haslacher Kirche heute.

Aus dem Herrenberger Stadtarchiv

Verhandlungen beim Frühschoppen
Bereits im April 1970 wurde in einem Gespräch zwischen dem damaligen Haslacher Bürgermeister Wilhelm Ulmer und dem Herrenberger Bürgermeister Heinz Schroth über die Verwaltungsreform gesprochen. In Haslach bestand zunächst die Bereitschaft, eine Verwaltungsgemeinschaft mit Herrenberg einzugehen. „Diese Stimmung änderte sich offenbar im Lauf des Jahres“, kann Dr. Stefanie Albus-Kötz, Leiterin des Stadtarchivs berichten. Im Dezember 1970 favorisierte man nämlich die Bildung einer Einheitsgemeinde mit Herrenberg.

Nach Gesprächen von Bürgermeistern und Gemeinderäten im Mai 1971 im Schickhardt-Gymnasium wurde schließlich der weitere Fahrplan festgelegt: am 15. Juni 1971 Beratung des Eingemeindungsvertrags durch den Haslacher Gemeinderat, am 16./17. Juni nochmals Beratung der Verträge durch die Bürgermeister Hirth, Bissinger, Schroth und Ulmer und eine gemeinsame Sitzung der Gemeinderäte am 22. Juni 1971 mit einstimmigem Votum für die Empfehlung einer Eingemeindung nach Herrenberg. Darauf folgten mehrere Frühschoppengespräche in Haslach zur Information über den Zusammenschluss.

Investitionen in die neuen Stadtteile
Außerdem wurde ein Investitionsplan für die Jahre 1972 bis 1980 für Haslach aufgestellt, der Teil der Eingemeindungsvereinbarung war. In einer eigens dafür gedruckten Broschüre wurden die Bürgerinnen und Bürger über den geplanten Zusammenschluss informiert. An der im September stattfindenden Bürgerversammlung nahmen Bürgermeister Wilhelm Ulmer, Bürgermeister Heinz Schroth und rund 100 Haslacherinnen und Haslacher teil. Schroth bedankte sich für das Kommen und für seine freundliche Aufnahme und forderte die Bürgerinnen und Bürger auf, „kein Blatt vor den Mund zu nehmen“. Als Fazit aus dieser Veranstaltung formulierte Ulmer, die Eingemeindung sei die beste Lösung, aufgrund der zu erwartenden finanziellen Mehrzuweisungen und aufgrund der vielfältigen Aufgaben, die Haslach allein nicht mehr meistern könne. Gegenstimmen meldeten sich an diesem Abend nicht zu Wort.

Eindeutiges Bürgervotum
Bei der abschließenden Bürgerbefragung ergab sich ein Votum von 97,3 Prozent Ja- und 2,7 Prozent Nein-Stimmen. Allerdings hatten auch nur 59,3 Prozent der 435 Wahlberechtigten teilgenommen. Nach der Zustimmung des Haslacher Gemeinderats und des Herrenberger Gemeinderats wurde am 19. Oktober 1971 im Musiksaal des Schickhardt-Gymnasiums die Eingemeindungsvereinbarung unterschrieben, die am 1. Dezember 1971 rechtskräftig wurde. Der bisherige Bürgermeister Wilhelm Ulmer wurde bis zum Ende seiner Amtszeit zum Ortsvorsteher ernannt, die Haslacher Gottlob Beßler und Ernst Kohler gehörten dem neuen Herrenberger Gemeinderat an.

Stillhalteabkommen missachtet
Per Brief hieß Herrenbergs Bürgermeister Heinz Schroth die neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger willkommen und schloss mit dem Wunsch, „dass alle mit Kraft und Freude die vor der neuen Gemeinde liegenden Aufgaben, geleitet von wachem Gewissen und bürgerschaftlichem Gesamtinteresse, zu erfüllen suchten.“ Dass man sich daran anfangs nicht immer hielt, zeigt die Tatsache, dass man während des vereinbarten Stillhaltezeitraums zwischen der Unterzeichnung des Eingemeindungsvertrags am 19. Oktober und dessen Inkrafttreten am 1. Dezember drei bis vier Hektar Bauland an eine Baugesellschaft verkaufte, die das Gelände bis Mitte März 1972 baureif machen sollte, ohne vorher den Herrenberger Gemeinderat oder Schroth zu informieren. Diese Aktion veranlasste den Gäubote in seinem Kommentar, der zu dieser Angelegenheit im Februar 1972 erschien, von „Bereichsegoismus“ zu sprechen und zu betonen, dass man künftig „das Gemeinsame und die Spielregeln im Blick behalten solle“.

Foto von der Haslacher Hohenzollerstraße im Jahr 1975.

Blick in die Haslacher Hohenzollerstraße im Jahr 1975.

Foto vom Sportplatz und damaligem Sportheim in Haslach, 1975.

Sportplatz und damaliges Sportheim in Haslach, 1975.

In 50 Jahren guten, gemeinsamen Weg gefunden


Zum Jahresende 2021 kann die Stadt Herrenberg auf 50 gemeinsame Jahre mit fünf ihrer heutigen Stadtteile zurückblicken: Affstätt war bereits im Jahr 1965 ein Stadtteil von Herrenberg geworden, am 1. Dezember 1971 wurden Haslach, Kayh, Kuppingen und Mönchberg eingemeindet. Oberjesingen folgte am 1. März 1972 und im Jahr 1975 machte Gültstein das Septett komplett. Der am 1. Dezember geplante Festakt in der Stadthalle zur Feier dieses Jubiläums wurde aufgrund der Corona-Lage abgesagt. So gratuliert Oberbürgermeister Thomas Sprißler auf diesem Weg. Weiter hat das Herrenberger Stadtarchiv in den Akten interessante Details zutage gefördert und berichtet im ersten Teil einer Reihe über Allgemeines zur Gemeindereform in Baden-Württemberg und zu den Herrenberger Eingemeindungen. 

„Herrenberg und seine sieben Stadtteile haben sich in diesen 50 Jahren mehr und mehr zu einer Gesamtstadt entwickelt“, so Oberbürgermeister Thomas Sprißler. Die Entscheidungen und Verhandlungen rund um die Eingemeindungen führte Heinz Schroth – von 1953 bis 1973 Bürgermeister von Herrenberg und mit Ernennung Herrenbergs zur Großen Kreisstadt 1974 von da an bis 1985 Oberbürgermeister. Anfangs, in den 1970er Jahren, waren die Sorgen über den Verlust der Selbstständigkeit und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Zukunft in den betroffenen Stadtteilen durchaus vorhanden, auch wenn die Bürgerinnen und Bürger am Ende jeweils mit großer Mehrheit diesen Eingemeindungen zugestimmt haben. Die Zeit von Oberbürgermeister Dr. Volker Gantner (1985 bis 2008) war geprägt vom Ausbau der städtischen Infrastruktur in ganz Herrenberg. In diesen Jahren wurden weitere Projekte realisiert, die in den Eingemeindungsverträgen vereinbart wurden: der Bau der Ammertalhalle in Gültstein und der Bau der Schule in Oberjesingen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

„In den letzten Jahren lag der Fokus darauf, die Zusammengehörigkeit der sieben Stadtteile und der Kernstadt zu stärken, ohne dass die Stadtteile dabei ihre eigene Identität aufgegeOK, es ben hätten“, bilanziert Oberbürgermeister Thomas Sprißler anlässlich des Jubiläums. Dabei denkt das Stadtoberhaupt beispielsweise an die Ausrichtung Herrenbergs als Mitmachstadt und den Aufbau des heutigen Teams Beteiligung und Engagement mit den Räumlichkeiten für Engagierte im Klosterhof. Das Ortsteilbudget ermöglicht den Ortschaftsräten, Anschaffungen oder Ideen für den eigenen Stadtteil selbstständig umzusetzen. Für Projekt-ideen aus der gesamten Bürgerschaft steht der Bürgertopf zur Verfügung, der von Bürgergruppen gerne in Anspruch genommen wird.

Sprißler gratuliert allen Herrenbergerinnen und Herrenbergern zum Jubiläum: „Herrenberg mit seinen sieben Stadtteilen bildet heute ein Mittelzentrum im Gäu, darauf können wir gemeinsam stolz sein und dankbar für die damaligen weitreichenden Entscheidungen“. Aus seiner Sicht ist es gut gelungen, die Eigenständigkeit der Stadtteile und das große Miteinander und Zusammengehörigkeitsgefühl zu erhalten. „Dies haben insbesondere die großen Ortsjubiläen in den vergangenen Jahren gezeigt:  1050 Jahre Kuppingen im Jahr 2011 und 700 Jahre Oberjesingen im Jahr 2014. Das nächste Jubiläum steht an: Haslach kann im Jahr 2025 – dann hoffentlich nach überstandener Corona-Pandemie – auf 1250 Jahre zurückblicken,“ so Sprißler weiter.

Gemeindereform in Baden-Württemberg in den 1960/1970er Jahren
Der Grund für die Eingemeindungen war die so genannte Gemeindereform zwischen 1965 und 1972, die es auch in den anderen westlichen Bundesländern gab, und die eine der tiefgreifendsten Reformen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland war. Im Zuge dieser Reform verringerte sich die Zahl der Gemeinden in Baden-Württemberg von 3379 im Jahr 1967 auf 1111 am Ende der Reformperiode. Im Landkreis Böblingen sank die Zahl der selbstständigen Gemeinden auf 28, während es zu Jahresbeginn 1971 noch 39 gewesen waren. „Eine solche Reform war nötig geworden, weil die Struktur der Gemeinden zum Teil noch aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammte und es kaum Gebietsveränderungen gegeben hatte“, berichtet Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz. Durch die Gemeindereform sollte die Leistungsfähigkeit und Verwaltungskraft auf Gemeindeebene durch die Schaffung größerer Einheiten gestärkt werden. Ziel der gleichzeitig durchzuführenden Funktionalreform war die bürgernähere, effektivere und rationellere Wahrnehmung der Aufgaben der Gemeinden, die sich seit dem 19. Jahrhundert ebenfalls stark verändert hatten.

Dabei war die Gemeindereform in Baden-Württemberg Teil eines umfassenden Reformprogramms, das neben einer Gemeinde- eine Kreisreform enthielt. Erster Reformschritt war das „Gesetz zu Stärkung der Verwaltungskraft kleinerer Gemeinden“ vom März 1968, das rechtliche Erleichterungen für Gemeindezusammenschlüsse ebenso vorsah wie finanzielle Förderungen. Dies betraf zunächst allerdings nur kleine Gemeinden unter 2000 Einwohnern. Die Zusammenschlüsse sollten dabei freiwillig erfolgen und bereits vorhandene Verflechtungen der Gemeinden untereinander berücksichtigen. Als Orientierung für diesen Prozess entwarf die Landesregierung eine so genannte Zielplanung, in der sie Verwaltungsräume definierte, die auf der Grundlage landesplanerischer Überlegungen, Schulplanung, Topographie, historisch gewachsener Zusammenarbeit und zwischengemeindlicher Kooperationen beruhten.

Weitere Anreize für Zusammenschlüsse sollten die Einführung einer Ortschaftsverfassung sowie die Änderung des Finanzausgleichsgesetzes im Mai 1970 bringen, indem unter anderem die Zusammenschlussprämie erheblich stieg. Dieses System der großzügigen Honorierung der Prämien musste aber aufgrund von Finanzierungsproblemen im Januar 1973 wieder geändert werden, was nochmals zu einem Anstieg der Zahl von Zusammenschlüssen im ersten Halbjahr 1972 führte, in dem allein 628 Gemeinden fusionierten, während sich 1970 bis 1972 insgesamt 1015 Gemeinden zu einem Zusammenschluss entschlossen.

Eingemeindungen zur Stadt Herrenberg
„In dieser Phase der Freiwilligkeit wurden auch die Eingemeindungen von Haslach, Kayh, Kuppingen, Mönchberg und Oberjesingen nach Herrenberg realisiert, wobei dies eine eher kleine Lösung darstellte im Vergleich zu dem im Planungskonzept des Innenministeriums enthaltenen großen Verwaltungsraum Oberes Gäu, der von Gärtringen bis Bondorf reichen sollte und dem eine besonderes Entwicklungspotenzial zugeschrieben wurde“, so Albus-Kötz weiter.

Dabei legten in der Frage der Eingemeindungen Herrenbergs damaliger Bürgermeister Heinz Schroth und der Herrenberger Gemeinderat eine eher zurückhaltende Vorgehensweise an den Tag, wie aus einer Äußerung Schroths anlässlich einer Besprechung über die Zielplanung im Kernbereich Herrenberg am 10. Mai 1971 hervorgeht: „Die Frage, was Herrenberg will, muß so beantwortet werden, dass Herrenberg nicht mehr kann als das, wozu die Gemeinden bereit sind. Von Herrenberg aus ist es notwendig, Zurückhaltung zu üben, da jede Aktion als eigensüchtiges Interesse ausgelegt wird.“

Nach Sondierungsgesprächen und vertraglichen Vereinbarungen über Ortschaftsverfassung, Investitionsprogramm und weiteres folgte ein Beschluss der Gemeinderäte zur Empfehlung der Eingemeindung. Die Bürgerschaft wurde damals durch eine vom damaligen Stadtarchivar Traugott Schmolz entworfene Informationsbroschüre und Bürgerversammlungen einbezogen. Bei der anschließenden Abstimmung, ob und in welchem Umfang die Bürger mit der Eingemeindung einverstanden waren, waren die Zustimmungswerte in Haslach mit 97,2% für eine Eingemeindung am höchsten, in Kuppingen mit 78,1 Prozent dagegen am geringsten, in Mönchberg betrug die Zustimmung 95,6 Prozent, in Kayh 94,1 Prozent. „Die Diskussionen bei den Bürgerversammlungen wurden weder besonders hitzig geführt, noch waren die Zusammenkünfte besonders gut besucht“, schließt Albus-Kötz aus der Recherche in den Sitzungsunterlagen. Die Wahlbeteiligung lag ebenfalls nur bei höchstens 60 Prozent. Das Thema war also in diesen vier Gemeinden kein wirklich umstrittenes, die Bürger sahen im Gegenteil offenbar die Vorteile eines Zusammenschlusses mit Herrenberg – anders als bei der späteren Eingemeindung Gültsteins.

Nach diesen vorbereitenden Schritten und Verhandlungen wurden am 19. Oktober 1971 die Eingemeindungsverträge bei einem Festakt unterzeichnet. Im Musiksaal des Schickhardt-Gymnasiums wurden in Anwesenheit der Gemeinderäte aller beteiligten Gemeinden die Unterschriften getauscht, es gab Reden der Bürgermeister. Später folgte ein Essen im Gasthaus Linde in Affstätt mit folgendem Menü: Halbe Grapefruit gefüllt mit Champignonsalat, Schweinelendchen „Prinzess“, bunter Salatteller, Pils vom Faß, Lauffener Schwarzriesling 1970, Lehrensteinfelder Steinacker 1970. Am 1. Dezember 1971 traten Haslach, Kayh, Kuppingen und Mönchberg offiziell der Stadt Herrenberg bei, Oberjesingen folgte am 1. März 1972. Foto von Vertragsunterzeichnung der Eingemeindungen 1971

Bei der Unterzeichnung der Eingemeindungsverträge am 19. Oktober 1971 im Musiksaal des Herrenberger Schickhardt-Gymnasiums (von links nach rechts): der Haslacher Bürgermeister Wilhelm Ulmer, der Kuppinger Bürgermeister Karl Bissinger, der Herrenberger Bürgermeister Heinz Schroth und der Mönchberger und Kayher Bürgermeister Willi Hirth.

Viele haben daran mitgearbeitet, dass die Eingemeindungen gelingen konnten: Gruppenfoto nach der Vertragsunterzeichnung.Foto von Abendessen anlässlich der Eingemeinungen 1971

Nach dem Festakt am 19. Oktober 1971 folgte ein gemeinsames Abendessen im Gasthaus Linde in Affstätt.

„Hoffentlich wird bald alles wieder normal“


Das Stadtarchiv sammelt persönliche Beiträge zur Dokumentation der Corona-Pandemie. In den vergangenen Monaten wurden verschiedene aussagekräftige Einsendungen abgegeben. Auch Schulklassen haben sich beteiligt. Weitere Unterlagen nimmt das Archiv gerne entgegen. Als Gedächtnis der Stadt ist es Aufgabe des Archivs, neben amtlichen Dokumenten auch Alltagseindrücke der Bürgerinnen und Bürger zu sammeln.

Die einschneidenden Veränderungen des Alltagslebens durch die Corona-Pandemie in Herrenberg sollen durch Beiträge der Bürgerinnen und Bürger umfassend für die Nachwelt und eine spätere historische Erforschung der Pandemie festgehalten werden. Beim Herrenberger Stadtarchiv sind seit Mai 2020 verschiedene Unterlagen angekommen. So wurden unter anderem Corona-Geschichten einer Betreuerin abgegeben, die Schülern das Thema Corona nahebringen sollten, sowie ein musikalischer Beitrag des Akkordeonorchesters Herrenberg. Eingereicht wurden auch eine extrem hohe Toilettenpapierrechnung einer Herrenbergerin, Beiträge des Fotoclubs und des Voices Ltd. Chors innerhalb des Liederkranzes oder Cartoons zum Thema Corona.

Beiträge von Schulklassen
Dem Aufruf des Stadtarchivs folgten zudem drei Schulklassen der Theodor-Schüz-Realschule unter Anleitung ihrer Geschichtslehrerin Andrea Ezel. An das Stadtarchiv abgegebene Zeichnungen, Tagebucheinträge, Briefe, Fotografien und Tonaufnahmen geben nun Einblick in den Corona-Alltag von Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 6, 9 und 10. „Die Zeitzeugnisse illustrieren dabei sowohl die positiven als auch negativen Veränderungen durch die Pandemie aus der Perspektive von jungen Menschen“, erklärt Lisa Neumann, Mitarbeiterin im Herrenberger Stadtarchiv. Als erfreulich wurde in den Tagebucheinträgen und Briefen das längere Schlafen und der Wegfall des Schulweges während der Schulschließungen empfunden, aber auch die positiven Effekte für Umwelt und Klima durch den Wegfall von Flug- und Schiffsreisen zu Beginn der Pandemie. „Gleichzeitig zeugen die Dokumentationen aber auch von den Ängsten und Problemen der Schülerinnen und Schüler“, so Neumann weiter. Dazu gehören die Sorge um den Gesundheitszustand von Verwandten, die Schwierigkeiten des Homeschoolings, die fehlenden persönlichen Kontakte zu Freunden und Familie sowie die Langeweile und Monotonie des Alltags. „Corona hat nichts Gutes“, schreibt eine Schülerin der 6. Klasse in einem Brief. Die Hoffnung, dass die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen enden, finden sich ebenso in den Aufzeichnungen. So resümiert eine 11-jährige Schülerin in einem Tagebucheintrag: „Hoffentlich wird bald alles wieder normal – also ohne Maske.“

Bildbeitrag zur Corona-Dokumentation von Elisa Luzens

Eine Welt mit Maske und Corona-Viren – mit diesem Bild hat die Schülerin Elisa Luzens ihre Eindrücke zur Corona-Lage festgehalten.

Dank und erneuter Aufruf
Das Stadtarchiv dankt allen Herrenbergerinnen und Herrenbergern für die Einsendungen. „Wir freuen uns über weitere Beiträge, Gedanken oder Fotos über die Corona-Zeit“, ruft Neumann dazu auf, aktiv zu werden. Dabei sollten die Absender beachten, dass persönlich erstellte Dokumente unbedingt mit Namen und Datum versehen sind und eine Kurzbeschreibung und Notizen zum Entstehungshintergrund enthalten sollten. Beigefügt werden sollte auch die Erlaubnis zur Aufbewahrung und Nutzung, mit der Angabe, in welcher Form die eingereichten Dokumente/Bilder genutzt und gegebenenfalls veröffentlicht werden dürfen – etwa: anonym, mit Namensnennung oder nur Nennung des Vornamens. Das Stadtarchiv weist darauf hin, dass es wichtig ist, die Urheberrechte anderer zu respektieren. Es wird nur Material angenommen, zu welchem Urheberrechte vorhanden sind. Bei Fragen: Stadtarchiv Herrenberg, Telefon 07032 9546330, E-Mail archiv@herrenberg.de.

Aufgabe des Stadtarchivs
Als Gedächtnis der Stadt hat das Stadtarchiv die Aufgabe, die Geschichte Herrenbergs in möglichst vielen Facetten festzuhalten und neben der amtlichen Überlieferung der Stadt auch aussagekräftige Unterlagen von Privatpersonen, Vereinen und Gruppierungen zu übernehmen, um die persönliche Lebenswirklichkeit von Herrenbergerinnen und Herrenberger zu dokumentieren. So sind die Bürgerinnen und Bürger seit Mai 2020 dazu aufgerufen, persönliches Material zur Corona-Krise ans Stadtarchiv zu übergeben.

In Haslach wird 2025 groß gefeiert


Mit seinen bald 1250 Jahren ist Haslach nach Gültstein der zweitälteste Herrenberger Stadtteil. Um dieses Alter im Jubiläumsjahr 2025 gebührend zu feiern und Geschichten aus der langen Haslacher Geschichte erzählen zu können, hat der Haslacher Ortschaftsrat das Stadtarchiv gebeten, ein Ortsbuch zu erstellen. Interessierte Haslacherinnen und Haslacher sind eingeladen, an diesem Werk mitzuarbeiten. 

Das Haslacher Ortsbuch soll sich vom Aufbau her am Vorbild der n Ortsbücher von Kuppingen (2011), Oberjesingen (2014) und Gültstein (2019) orientieren. Die bisherigen Herrenberger Ortsbücher bestehen aus den drei folgenden Teilen: einem chronologischen Teil, der einen Gang durch die Geschichte bietet; einem thematischen Teil und einem Teil, in dem sich Vereine und Einrichtungen der Stadtteile vorstellen. „Für die Herausgabe des Ortsbuchs sind wir auf die Hilfe der Haslacherinnen und Haslacher angewiesen“, erklärt Dr. Stefanie Albus-Kötz, die das Herrenberger Stadtarchiv leitet. Insbesondere für den zweiten, thematischen Teil wird Input aus Haslach benötigt: „Wir freuen uns über Ideen und Vorschläge der Haslacherinnen und Haslacher, welche Themen in einem Haslacher Ortsbuch auf keinen Fall fehlen dürfen und über die sie in ihrem Ortsbuch auf jeden Fall lesen wollen“, fordert Albus-Kötz zur Einreichung von Ideen auf.

Das Grobkonzept des Ortsbuchs steht, derzeit läuft die Suche nach Autoren und die Feinplanung. Die Artikel müssen bis Mai 2024 fertiggestellt sein. Die Herausgabe des Haslacher Ortsbuchs ist für Mai 2025 vorgesehen – zeitgleich zu den Feierlichkeiten zum Ortsjubiläum. Auf der Website der Stadt Herrenberg hat das Stadtarchiv unter herrenberg.de/ortsbuch-haslach erste Infos zum Vorhaben eingestellt. Dort ist auch eine Pinnwand für Ideen und Vorschläge eingerichtet. Das Stadtarchiv freut sich über Einheimische, die einen kleineren oder größeren Beitrag schreiben möchten oder die Fotos beitragen können. „Alle, die am Ortsbuch mitarbeiten und sich einbringen möchten, bitten wir, sich über die Ideenwand bei uns zu melden“, so Albus-Kötz. Das Stadtarchiv freut sich über viele Einträge. Bei Fragen: Telefon 07032/954633-0 oder E-Mail archiv@herrenberg.de.

Vielseitige Maltechniken, Themen und Materialien


Als „Maler des Gäus“ wurde Karl Kühnle gerne bezeichnet, aber der gebürtige Kuppinger war mehr. Sein umfangreiches Werk zeichnet sich durch große Vielseitigkeit an Maltechniken, an Sujets und an Materialien aus. Vor 40 Jahren, am 15. Oktober 1981, starb Karl Kühnle im Atelier seines Hauses in Kuppingen im Alter von 81 Jahren.

Karl Kühnle war ein ausgebildeter Künstler, der sich Zeit seines Lebens weiterentwickelte und Neues ausprobierte. Dies war natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass er mit seiner Kunst eine sechsköpfige Familie ernähren musste. Als Motive seiner Gemälde wählte er das Gäu, den Schwarzwald und den Bodensee, aber auch die Alpen, Italien und Südfrankreich. Er stellte unter anderem in Biarritz und Paris aus. Konstanten in seinem Leben waren sein Lebensmittelpunkt in Kuppingen und sein tiefer Glaube.

Kindheit und Ausbildung
Karl Ludwig Kühnle kam am 8. Juli 1900 als Sohn des Kuppinger Lehrers Karl Samuel Kühnle und seiner Ehefrau Lydia zur Welt. Bereits als Kind malte und zeichnete Karl viel. Die Schule war ungeliebte Pflicht, wenngleich er ein guter Schüler war. Einen tiefen Einschnitt in das Leben Kühnles bedeutete der Tod seiner Mutter 1913, auf deren Wunsch er sich auf die Aufnahme in eine der Klosterschulen vorbereitete, um Pfarrer zu werden. Einen Besuch im Atelier der Maler Wilhelm Hasemann und Curt Liebich in Gutach kommentierte er 1936: „Dort wurde mir die Gewißheit: Du wirst Maler. Für den Pfarrberuf war ich verloren.“ Zunächst nahm Karl Kühnle im Wintersemester 1919/20 ein Theologiestudium in Tübingen auf, das er jedoch bereits im zweiten Semester wieder aufgab, um eine Schreinerlehre zu beginnen und dann endlich 1921 mit Genehmigung des Vaters das ersehnte Kunststudium in München aufzunehmen. An dieses schloss sich ein für ihn prägender Aufenthalt in der Gutacher Künstlerkolonie bei Curt Liebich und Erich Rein an. Im August 1926 unternahm er mit seinem Freund Frieder Unz – ganz im Stile der Grand Tour von Künstlern und Adel in der Frühen Neuzeit – eine Italienreise mit Stationen etwa in Ravenna, Palermo und natürlich Rom. Ende 1927 kam er nach Kuppingen zurück.

Zurück in Kuppingen
Er versuchte nun, sich durch die Annahme verschiedenster Aufträge als Maler zu etablieren und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So vertrieb er beispielsweise Postkarten und illustrierte Gedichte. Mitunter schrieb Kühnle auch die entsprechenden Texte zu seinen Bildern, so zum Beispiel in seinem 1932 erschienen Buch „Der schönen Gärten Zier. Bilder aus schwäbischen Pfarrgärten“, das auf dem Umschlag den Blick vom Herrenberger Dekanatsgarten zur Stiftskirche zeigt. Auch die Karl-Kühnle-Kalender und der Karl-Kühnle-Geburtstagskalender entstanden in dieser Zeit, die für ihn persönlich im Zeichen der Familiengründung stand: Im Jahr 1929 heiratete er Klara Strebel, 1933 kam die älteste Tochter Christa, 1936 der Sohn Adalbert und 1941 Irmintraut zur Welt. 1947 machte Tochter Monika die Familie komplett. Anregungen für seine Arbeiten als Landschaftsmaler holte sich Karl Kühnle auf seinen Reisen. Dass dies finanziell möglich war, zeigt, dass Karl Kühnle es geschafft hatte, sich als Maler so zu etablieren, dass er seine wachsende Familie ernähren konnte. Er hatte sich einen Kundenstamm geschaffen und sich durch verschiedene Standbeine wie den Postkartenverlag oder den Verkauf von Drucken und Abbildungen in Zeitungen so geschickt aufgestellt, dass er auch über den lokalen Radius hinaus bekannt wurde.

Einschnitt durch den Zweiten Weltkrieg
Diese finanziell und familiär gesicherte Situation fand durch den Krieg ein Ende. Als er auf abenteuerliche Art und Weise mit dem Fahrrad nach Kuppingen zurückkehren konnte, wiesen Haus und Atelier Einschusslöcher auf, ein Teil seiner Fotoausrüstung war beschlagnahmt und ein Teil seiner Malutensilien war verbrannt. Nach Kriegsende verkaufte er zunächst seine Bilder nicht gegen Geld, sondern oft gegen Naturalien wie Brot, Eier oder Speck. Zu seinen Kunden gehörte damals auch der Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett, der ihn in Kuppingen besuchte. Ansonsten gingen in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Gemäldeverkäufe spürbar zurück, weshalb er sich in neuen Malweisen bis hin zur abstrakten Malerei versuchte. Zudem erschloss er sich neben dem Postkartenverkauf durch Lichtbildvorträge der eigenen Bilder eine kleine Geldquelle. In die Schaffensperiode zwischen 1961 und 1966 ist auch der rund 100 Gemälde umfassende Zyklus „Die SS und die Juden“ zu verorten, für den er – leider erfolglos – eine museale Ausstellungsmöglichkeit zu erlangen suchte. In diesen kraftvollen und expressiven Bildern setzte sich Kühnle mit Fragen individueller und kollektiver Schuld, vor allem aber mit der Frage der Vernichtung der europäischen Juden auseinander.

Herrenberger Ausstellung als Wendepunkt
Auf dem Höhepunkt der finanziellen Not bot ihm der Herrenberger Bürgermeister Heinz Schroth im Jahr 1965 die Möglichkeit, seine Werke in einer großen Einzelausstellung in der Herrenberger Stadthalle zu präsentieren. Sie stellt einen Wendepunkt dar und wurde mit 4000 Besuchern und dem Verkauf fast aller 200 gezeigten Bilder ein großer Erfolg. Dabei bot sie einen Querschnitt seines damaligen Schaffens und zeigte neben Landschaftsbildern abstrakte Bilder, aber auch die in dieser Zeit beliebten und stark nachgefragten Blumenbilder, zudem satirische oder zeitkritische Zeichnungen und eine Auswahl seiner Tierfabeln. Da Karl Kühnle keine Rente erhielt, war er im Alter darauf angewiesen, weiterhin zu malen und seine Bilder im engeren lokalen Rahmen, aber auch 1970 in Biarritz und Paris auszustellen. Auch in diesen Jahren kam Karl Kühnle auf ungewöhnliche Ideen wie Aquarell-Collagen mit Briefmarken oder auch Edelsteinkompositionen wie die, die er 1972 bei einer Ausstellung in einer Freiburger Galerie zeigte. Weitere Ausstellungen in Herrenberg 1977 und im Februar 1978 in Tarare folgten.

Werk "Ährengarben" von Karl Kühnle

Dieses Bild mit den Garben, die ihren Segen von oben erhalten, wurde auch als Postkarte gedruckt und gehört zu den beim Publikum beliebtesten Motiven von Karl Kühnle.

Auszeichnungen
Am 29. April 1978 erhielt Karl Kühnle die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg, am 9. November 1980 verlieh ihm die Stadt Herrenberg „in Anerkennung und in Würdigung seines künstlerischen Schaffens als Maler des Gäus“ die Bürgermedaille in Gold und ehrte ihn mit einer letzten großen Ausstellung zu seinem 80. Geburtstag, bei der schon etwa eine Stunde nach Beginn alle zum Verkauf bestimmten Bilder verkauft waren.
Vor 40 Jahren, am 15. Oktober 1981, starb Karl Kühnle im Atelier seines Hauses in Kuppingen im Alter von 81 Jahren. Sein letztes unvollendetes Bild steht heute noch auf der Staffelei in seinem Atelier. In seinem Geburtsort Kuppingen sind ein Platz (Karl-Kühnle-Platz), ein Saal des evangelischen Gemeindezentrums und die örtliche Grundschule (Karl-Kühnle-Grundschule) nach ihm benannt.

Werk und geplante Ausstellung
Karl Ludwig Kühnle dürfte zirka 5000 bis 7000 Werke, Öl- und Acrylbilder, Aquarelle, Zeichnungen und Radierungen geschaffen haben, von denen einige, teilweise auch als Depositum, in den Beständen des Herrenberger Stadtarchivs zu finden sind, unter anderem auch die meisten der Bilder des Zyklus „Die SS und die Juden“. Zudem schenkten die vier Kinder Karl Kühnles der Stadt Herrenberg im Jahr 2017 sieben Gemälde ihres Vaters. In Zusammenarbeit mit der Vereinsgemeinschaft Kuppingen und der Volkshochschule Herrenberg erarbeitet das Stadtarchiv mit der unschätzbaren Unterstützung der Kinder Karl Kühnles gerade eine Ausstellung zu Leben und Werk des Künstlers, die eigentlich 2020 hätte stattfinden sollen, deren Eröffnung in der Gemeindehalle in Kuppingen nun aber für Mai 2022 geplant ist.

Porträtfoto vom Künstler Karl Kühnle

Karl Kühnle als Zuhörer und Beobachter.
Foto: Monika Kühnle

Spuren des Engagements sind heute noch sichtbar


„Durch das langjährige Wirken in verschiedenen Führungspositionen des VfL Herrenberg, sowie im Hallenbadförderverein und überregionalen Sportgremien hat sich Herr Haug nicht nur um den VfL Herrenberg, sondern auch im besonderen Maße um die Stadt Herrenberg und ihrer Bürger verdient gemacht.“ Mit dieser Begründung wurde Karl Haug im Mai 1990 – anlässlich der Niederlegung seines Amts als erster Vorsitzender des VfL Herrenberg – die Bürgermedaille in Silber der Stadt Herrenberg durch den Herrenberger Gemeinderat verliehen. Mehr als vier Jahrzehnte lang gestaltete und prägte der 1921 geborene Herrenberger vor allem das sportliche Vereinsleben der Stadt. Am 5. Oktober 2021 wäre Karl Haug 100 Jahre alt geworden.

Nach seinem Eintritt in den VfL Herrenberg im Jahre 1947 wurde Karl Haug 1960 zunächst Leiter der Abteilung Ski, welche er bis 1975 leitete. Ab 1970 war er in der Vorstandsebene des Vereins aktiv: Von 1970 bis 1976 zunächst als zweiter Vorsitzender, schließlich von 1976 bis 1990 als Nachfolger von Heinz Schroth als erster Vorsitzender. Bereits während seiner Amtszeit in der Abteilung Ski war Haug für Mitgliederzuwachs in der Abteilung, die Gründung einer Skischule und die Einführung von zahlreichen neuen Veranstaltungen verantwortlich. Als Vorsitzender sorgte er für entscheidende Modernisierungen und Weiterentwicklungen des Vereins, die zu zahlreichen Neueintritten führten.

Neue Angebote, VfL-Center, Hallenbad-Förderverein
Die Spuren seiner Vorstandstätigkeit sind dabei bis heute noch sichtbar. Um den sich verändernden Bedürfnissen von Sporttreibenden gerecht zu werden, gründete er neue Abteilungen, führte neue Sportangebote ein und sorgte für die fachliche Weiterentwicklung der Übungsleiterinnen und Übungsleiter. 1977 brachte Haug den ersten „VfL-Spiegel“ heraus. 1993 erfolgte der Bau des VfL-Centers, welches Haug initiiert hatte und dessen Bauausschuss er leitete. Auch die Entstehung des Herrenberger Hallenbads ist unmittelbar mit Haug verbunden. So war er bei der Gründung des Hallenbad-Fördervereins 1973 beteiligt und trieb Spenden für diesen über die Ausrichtung von Sommerfesten ein. Die Beendigung seiner Vorstandstätigkeit im Jahr 1990 beim VfL bedeutete allerdings nicht das Ende seines Engagements: So war er weiterhin als Übungsleiter beim VfL-Seniorensport aktiv. Darüber hinaus war er von 1990 bis 2001 als Referent für Seniorensport und Vertreter im Kreis-Seniorenrat im Landkreis Böblingen tätig. Bereits 1989 hatte er die Arbeitsgemeinschaft Herrenberger Sportvereine gegründet, deren Vorsitzender er bis 1996 war.

Sportpolitische Aktivitäten
Als langjähriger Delegierter beim Württembergischen Landessportbund und beim Landessportverband Baden-Württemberg sowie als Vertreter des Ski-Fachverbands im Sportkreis Böblingen war Haug auch auf sportpolitischer Ebene aktiv. Die Übernahme von zahlreichen Ämtern war dabei keineswegs von ihm geplant gewesen, wie Haug in einem Interview mit dem Gäubote bekannte: „Ich habe mich grundsätzlich nie für ein Amt angeboten, ich wurde immer gebeten.“

Karl Haug 1994

Das Foto zeigt Karl Haug (in der Mitte, helle Jacke) im Jahr 1994 bei der Besichtigung der Baustelle des von ihm initiierten VfL-Centers. Quelle: Archiv des VfL Herrenberg

Auszeichnungen
Für sein langjähriges Engagement wurde er dabei nicht nur von der Stadt Herrenberg und dem VfL Herrenberg ausgezeichnet. Neben zahlreichen Auszeichnungen und Ehrenmitgliedschaften des schwäbischen Skiverbandes, des Sportkreises Böblingen und des Württembergischen Landessportbundes, erhielt Haug 1985 die Ehrennadel in Silber des Landes Baden-Württemberg. Ende April 2012 verlieh Ministerpräsident Winfried Kretschmann Haug die Staufermedaille für sein langjähriges Engagement für das Land Baden-Württemberg.

Weitere Engagements und Berufsleben
Neben dem Sport war Haug aktiver Sänger beim Liederkranz, Mitglied im Musikverein Stadtkappelle Herrenberg und engagierte sich in der Städtepartnerschaft zwischen Herrenberg und Tarare. Beruflich war der gelernte Flugzeugbauer und Mechanikermeister bei verschiedenen regionalen Fahrzeug- und Maschinenbaufirmen tätig. Haug verstarb am 28. September 2014 im Alter von 92 Jahren.

Herrenberger Stadtarchiv
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Stadtarchiv erinnert an die Herrenberger Opfer


Jeweils eine Terrakottafigur des Bildhauers Jochen Meyder ist am 27. Januar, dem Inter-nationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, im Vorraum der Spi-talkirche sowie in der St. Josefskirche aufgestellt. Sie erinnern an die während d
Jeweils eine Terrakottafigur des Bildhauers Jochen Meyder ist am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, im Vorraum der Spitalkirche sowie in der St. Josefskirche aufgestellt. Sie erinnern an die während des Nationalsozialismus in Grafeneck ermordeten Menschen, von denen nachweislich elf aus Herrenberg stammten. Bild: Rosemarie Liebler-Merz.

Seit 2006 wird der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar weltweit begangen. Aus diesem Anlass erinnert das Stadtarchiv in einem stillen Gedenken an die Herrenberger Opfer der sogenannten Euthanasie-Morde des Nationalsozialismus. Aufgrund der Corona-Pandemie ist in diesem Jahr ein öffentliches, gemeinsames Gedenken nicht möglich.
 
Anlässlich des Gedenktages am 27. Januar wurde im letzten Jahr der mindestens 14 Euthanasieopfer von Herrenberg auf Initiative von Rosemarie Liebler-Merz in der Spitalkirche gedacht. Sie hatte zwei der 10.654 Terrakottafiguren des Bildhauers Jochen Meyder nach Herrenberg gebracht. Die Figuren stehen für die während des Nationalsozialismus in Grafeneck ermordeten Menschen, von denen elf nachweislich aus Herrenberg stammten.
 
Jüdische Opfer gab es während des Nationalsozialismus in Herrenberg nicht, da dort keine jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ansässig waren. Allerdings waren hier dennoch Antisemitismus und Rassismus deutlich zu spüren. So wurden bis Frühling 1938 Aktivitäten jüdischer Viehhändler, etwa aus Baisingen, in Herrenberg verboten. In Kuppingen wurde beispielsweise der Aufenthalt von Sinti und Roma, die als Händler oder Handwerker in den Ort kamen, ebenfalls untersagt.

Mindestens 14 Euthanasie-Opfer aus Herrenberg

Für mindestens 14 Herrenbergerinnen und Herrenberger konnte der Historiker Marcel vom Lehn, der den Nationalsozialismus in Herrenberg erforscht hat, die Ermordung in den insgesamt sechs Tötungsanstalten, in denen der „erste Genozid des Nationalsozialismus“ stattfand, belegen. Insgesamt wurden 70.000 Menschen – meist kranke und behinderte Menschen, die als unheilbar galten – ermordet. In gewisser Weise sammelte das Regime hier technische und organisatorische Erfahrungen für die Durchführung des Holocaust.
 
Eine endgültige Zahl der ermordeten Herrenbergerinnen und Herrenberger wird sich aber nicht mehr ermitteln lassen, weil versucht wurde, die Zahlen zu verschleiern und man vor Kriegsende Spuren verwischte und Unterlagen vernichtete. Dennoch war es nicht möglich, die Morde geheim zu halten. „So wissen wir aus Zeitzeugengesprächen, dass im Verlauf des Jahres 1940 die Kinder an den Herrenberger Schulen darüber zu sprechen begannen“, berichtet Stefanie Albus-Kötz, die Leiterin des Stadtarchivs. Auch Kirchenvertreter, wie der Herrenberger Dekan Haug oder der württembergische Landesbischof Wurm, protestierten gegen diese Verbrechen, so dass Grafeneck im Dezember 1940 geschlossen werden musste. Die Morde wurden aber im hessischen Hadamar fortgesetzt.

Töten ging in Heilanstalten weiter

Erst nachdem diese Verbrechen auch durch die dagegen gerichteten Predigten des Münsteraner Bischofs August von Galen über deutschsprachige Sendungen der BBC bekannt wurden, ließ Hitler die Tötungsanstalten im August 1941 schließen. Das Töten ging aber trotzdem weiter, indem man die Menschen nicht mehr zentral vergaste, sondern in ihren jeweiligen Heilanstalten tötete. Dies betraf auch Kinder, die man in den sogenannten Kinderfachabteilungen durch Giftinjektionen, Verhungern und Verwahrlosen qualvoll sterben ließ.

Zweijähriger unter Herrenberger Opfern

Unter den 14 ermordeten Herrenbergerinnen und Herrenbergern ist auch ein zweijähriges Kind, das man seinen Eltern unter dem Vorwand wegnahm, seinen Zustand in einer der Kinderfachabteilungen bessern zu können. „Anderenfalls hätte die Deportierung eines behinderten Kindes sicherlich zu viel Aufsehen und auch Unmut produziert“, sagt Albus-Kötz. „Die Eltern wurden zwar misstrauisch, es gelang ihnen aber nicht, ihren Sohn wieder nach Hause zu nehmen“, so die Historikerin weiter. Das Kind starb dann in der hessischen Kinderfachabteilung Eichberg. Die Familie erhielt weder einen Sarg mit dem Leichnam des Kindes noch eine Urne.

Internationaler Gedenktag

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee befreit. Dort waren etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet worden. Insgesamt kamen in den NS-Konzentrations- und -Vernichtungslagern rund sechs Millionen Menschen ums Leben. Bereits 1996 wurde der 27. Januar durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eingeführt. 2005 schließlich beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens für alle Opfer des Holocaust zu erklären.

Von Konstantinopel nach Gültstein


Belgrad, Konstantinopel, Tripolis, Aleppo, Yunnan in China – die Lebensstationen von Otto Kapp von Gültstein erscheinen überraschend für einen am 1. August 1853 geborenen Rottenburger Lehrerssohn. Nach einem Leben als Weltbummler zog er sich nach Stuttgart und Gültstein zurück. Begraben wurde er in Gültstein in einem eigens erbauten Familienmausoleum, entlang der Bahnlinie gelegen.
 
Sein Vater Johann Martin Kapp, der in Gültstein geboren wurde, war seit 1847 evangelischer Religionslehrer in Rottenburg und bewohnte mit seiner Frau Regine Magdalena, geborene Lutz, das evangelische Pfarrhaus in Rottenburg am Moritzplatz 2. Dennoch ergriff Otto erstaunlicherweise nicht den auch vom Großvater ausgeübten Lehrerberuf, sondern entschied sich, inspiriert durch einen Freund seines Vaters, der als Eisenbahnbauer unter anderem an der Geislinger Steige mitarbeitete, für ein Studium zum Bauingenieur an der Polytechnischen Schule in Stuttgart.
 
Nachdem er erste Berufserfahrungen bei den Württembergischen Eisenbahnbauämtern Herrenberg und Dornstetten sowie beim Marinebauamt Wilhelmshaven gesammelt hatte, gelang es ihm, eine Stelle im Planungsbüro der Serbischen Bahnen, zunächst allerdings nur als technischer Zeichner zu bekommen. Bereits nach zwei Monaten war er Büroleiter. Aus finanziellen Schwierigkeiten wurde das Büro 1882 geschlossen. Dennoch erhielt er  1884 bei der französischen Baufirma Régie générale des chemins de fer et travaux publics, die für das serbische Eisenbahnnetz verantwortlich zeichnete, eine Stelle als Ingenieur. Weitere wichtige Projekte waren 1887/88 Bauarbeiten am Kanal von Korinth und die Bauausführung von Teilen der Bagdadbahn zwischen 1889 und 1899. Für seine erfolgreiche Arbeit wurde er 1901 von Kaiser Wilhelm II. zum Kaiserlichen Geheimen Baurat ernannt. Weitere Strecken plante Kapp in Syrien, China oder Chile, im Vorderen Orient und am Schwarzen Meer. Dazu kamen – nach politischen Angriffen deutscher Diplomaten beim Bau der Hedjazbahn – Wasserbauprojekte, unter anderem an der Drina im Grenzgebiet zwischen Montenegro und Albanien.
 
1905 erhielt er von König Wilhelm II. einen erblichen Adelstitel, wofür er sich aus Verbundenheit mit der Familie seines Vaters „von Gültstein“ aussuchte. 1907/08 ließ Kapp in Gültstein, das für ihn „zum schönsten Ort der Welt“ geworden war, eine Villa mit Torwarthaus im Stil des Historismus bauen und kaufte auch einen Begräbnisplatz direkt neben der Bahnlinie.
 
1912 starb in Gültstein sein Frau Olga, mit der er seit 1888 verheiratet war. Zwei der vier gemeinsamen Kinder waren ebenso früh verstorben, der jüngste Sohn kam im Mai 1918 in Frankreich ums Leben. Dies waren persönlich schwierige Jahre im Leben Otto Kapps und auch beruflich ging es ihm in dieser Zeit nicht gut, denn durch den Beginn des ersten Weltkriegs verlor er, der 30 Jahre als leitender Ingenieur in der französischen Firma „Régie générale“ tätig gewesen war, als Deutscher und damit Feind seine Arbeitsstelle und auch die Freundschaft von deren Besitzer Graf Vitali. All dies nahm ihn so schwer mit, dass sich sein Gesundheitszustand stark verschlechterte. Zudem musste ihm wohl aufgrund einer Diabeteserkrankung sein Bein amputiert werden. Die ihm verbleibende Zeit bis zu seinem Tod am 19. Oktober 1920 verbrachte er abwechselnd in Stuttgart und in der Sommerfrische in Gültstein, wo er auch in der für sich und seine Familie erbauten neuromanischen Grabkapelle – bezeichnenderweise direkt an der Bahnlinie gelegen – bestattet wurde. Otto Kapp von Gültstein starb im Alter von 67 Jahren.
 
Neben seinen großen Verdiensten um den Eisenbahnbau, engagierte sich Otto Kapp auch stark für Bildungsthemen. So stiftete er der Hochschule Stuttgart, an der er selbst studiert hatte, Geld, um dem Ingenieursnachwuchs Reisen zu ermöglichen. Dafür erhielt Otto Kapp den Ehrentitel eines Doktor-Ingenieurs. Während der Zeit seiner Arbeit in Konstantinopel unterstützte er unter anderem den Bau einer deutschen Schule. Zum Dank für die Förderung wohltätiger Einrichtungen in Gültstein erhielt er am 1. August 1913 die dortige Ehrenbürgerschaft. Und auch in Stuttgart – etwa für die Ludwigsspitalstiftung Charlottenhilfe – war er karitativ tätig. In Gültstein bleibt er unter anderem wegen des Baus seines „Schlössles“ unvergessen. Heute ist die ehemalige Kapp-Villa Teil des Tagungszentrums des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg.  

Abbildung der Ehrenbürgerurkunde für Otto Kapp
Abbildung der Ehrenbürgerurkunde für Otto Kapp von Gültstein aus dem Jahr 1913. In diesem Jahr jährt sich sein Todestag zum 100. Mal.

Vom Herrenberger Lateinschüler zum Maler in Düsseldorf


Am 17. Juni jährte sich der Todestag des Malers Theodor Schüz zum 120. Mal. Schüz verbrachte seine Kindheit und Jugend in Nufringen und ging auf die Herrenberger Lateinschule. Später lebte er in Stuttgart, München und Düsseldorf. Seiner schwäbischen Heimt blieb er zeitlebens verbunden und reiste in den Sommermonaten immer wieder ins Gäu. Heute erinnert die Herrenberger Theodor-Schüz-Realschule an diesen großen Sohn der Stadt.
 
Theodor Schüz wurde 1830 als Sohn des Pfarrers Magister Georg Christoph Schüz in Thumlingen bei Freudenstadt geboren. Die Familie zog bald nach Nufringen. Theodor besuchte in Herrenberg die Lateinschule. Ein Bruder seines Vaters war dort Apotheker. Er schreibt darüber in einem Vortrag für einen Düsseldorfer Freundeskreis zurückblickend: „Es war doch eine schöne Zeit, dieser Herrenberger Schulbesuch! Von Frühjahr bis Herbst wanderten wir von Nufringen morgens früh zur Stadt, den Mittagstisch hatten wir beim Onkel, abends ging’s heim. Im Winter blieben wir die ganze Woche in der Stadt, nur Samstag bis Montag früh zu Haus. … Dann, vor dem Abstieg der Stadt kam man an einer alten Schloßruine vorbei und durch ein altes Tor an der alten schönen gotischen Kirche vorbei, deren Umgebung einen oftbesuchten Spielplatz bot, von dem aus nach beiden Seiten lange, breite Steintreppen hinab auf den Marktplatz führten. Davor ein großer runder Röhrenbrunnen, mit immer fließendem Wasser, auf dem in der Mitte auf einer Säule ein Löwe saß. Wenn ich nicht irre, sperrte er manchmal im Jahre seinen Rachen gegen das Rathaus auf und streckte den Schwanz nach der königlichen Post oder umgekehrt, wenn’s die Herren verdroß“.
 
Berufsausbildung
Nach dem Schulabschluss begann Schüz auf Wunsch des Vaters und entgegen seiner Begabung und Liebe zur Kunst zunächst in Herrenberg und dann in Göppingen bei Gerichtsnotar Judler eine Ausbildung zum Notar, mit der er sich allerdings so sehr quälte, dass der Vater schließlich doch den Berufswechsel in die Kunst erlaubte. So durfte Schüz anfangs an der Universität Tübingen Zeichenkurse bei Professor Heinrich Leibnitz (1811-1889) belegen, bevor er dann im Herbst 1848 sein Studium an der Kunstschule in Stuttgart aufnahm und unter anderem die Klassen von Gottlob Friedrich Steinkopf (1779-1860, Landschaftsmalerei) und Heinrich Franz Gaudenz von Rustige (1810-1900, Porträt und Genremalerei) besuchte.
 
Nächste Stationen
1854, nach dem Tod seiner Mutter, wechselte Schüz nach München, wo er jedoch zunächst - trotz der Anregungen durch Alpenlandschaften als Motiv - in eine ernste Schaffenskrise geriet, die sich erst durch Aufenthalte im Kreis der Familie in Unterlenningen und Nufringen wieder beheben ließen. Im Jahr 1856 kehrte Schüz wieder nach München zurück und wurde dort Schüler des Historienmalers Karl von Piloty in München, zu dessen engstem Kreis er unter anderem mit später so bekannten Malern wie Franz von Lenbach (1836-1904), Hans Markart (1840-1884) oder Franz von Defregger (1835-1921) gehörte. 1858 folgte Theodor Schüz der Einladung Pilotys nach Rom. Dort beschäftigte er sich vor allem mit Porträtstudien.
 
Werke
Sein heute wohl bekanntestes Bild, das in der Staatsgalerie Stuttgart ausgestellte Gemälde „Mittagsruhe in der Ernte“, entstand 1861 ebenfalls in seiner Münchner Zeit.
Bereits 1862 löste sich Schüz allerdings immer mehr von seinem Lehrer von Piloty, indem er beispielsweise aus dessen Atelier auszog. Grund dafür war wohl die eher freie Geisteshaltung von Pilotys, während Schüz wohl auch aufgrund seiner Herkunft aus einer Pfarrersfamilie von einem tiefen evangelischen Glauben erfüllt war. In München gehörte Schüz nach 1860 einer Künstlervereinigung namens „Kassandra“ an, zu der auch Albert Kappis (1836-1914), Anton Braith (1836–1905) und Christian Mali (1832–1906) zu zählen sind.
 
Foto des Gemäldes "Kirchenportal" von Theodor Schüz.
Aus dem Bestand des Herrenberger Stadtarchivs: Auf dem Gemälde „Kirchenportal“ von Theodor Schüz ist ein Seitenportal der  Stiftskirche zu sehen.


Familienleben
1866 kehrte Schüz München jedoch den Rücken und ging nach Düsseldorf, wo er sich neue Impulse für seine Malerei durch Andreas Achenbach, Benjamin Vautier (1829-1898) oder Ludwig Knaus (1829-1910) versprach und optimale Arbeitsbedingungen vorfand. Er blieb auch in Düsseldorf und ließ sich dort mit der Tochter Anna des Tübinger Professors der Philosophie Immanuel Tafel nieder. Der Ehe entstammen die Kinder Friedrich, Elisabeth, Martin und Hans. Dennoch blieb er seinen schwäbischen Wurzeln nicht nur in der Wahl seiner Bildthemen weiterhin verbunden, er reiste auch jährlich zur Sommerzeit dorthin. Während dieser Reisen fertigte er sorgfältige Landschafts- und Figurenskizzen an, die er dann in der Tradition der Düsseldorfer Genremalerei umsetzte. Bei ihm überwiegen ländlich-idyllische Motive, zum Beispiel Szenen am Sonntagmorgen beim Kirchgang oder bei der Arbeit, meist in sehr idealisierter Form. So tragen die dargestellten Bauern eher Sonntagskleidung.
 
Erinnerungen in Herrenberg
Die Genremalerei ist neben der Landschaftsmalerei, der Illustration und der Porträtmalerei eine der Stärken von Theodor Schüz, wie Professor Helge Bathelt in seiner Biographie über den Maler im 1999 erschienen Band der „Herrenberger Persönlichkeiten“ schrieb. Bathelt bezeichnete Schüz als den „Schilderer und „Photograph“ Schwabens“. Theodor Schüz verstarb vor 120 Jahren am 17. Juni 1900 in Düsseldorf.  Zur Erinnerung an Theodor Schüz‘ Schulzeit in Herrenberg wurde die 1975 eingeweihte Realschule im Längenholz nach ihm benannt. Im selben Jahr fand im Verwaltungsgebäude Markplatz 1 auch eine Gemäldeausstellung zu Schüz‘ Ehren statt.
 
Interesse an der Archivarbeit
Haben Sie Fragen an das Stadtarchiv oder möchten Sie alte Unterlagen, Briefe, Fotos oder Tagebücher oder Ähnliches abgeben? Dann wenden Sie sich gerne unter der Telefonnummer 07032/954633-0 oder E-Mail archiv@herrenberg.de an das Team des Herrenberger Stadtarchivs, Marienstraße 21.

Dokumentation der Corona-Krise in Herrenberg


Als Gedächtnis der Stadt hat das Archiv die Aufgabe, die Geschichte von Herrenberg in möglichst vielen Facetten festzuhalten. Auch die derzeitige Corona-Krise wird vom Stadtarchiv dokumentiert. Die Herrenbergerinnen und Herrenberger sind aufgerufen, persönliches Material zur Corona-Krise ans Stadtarchiv zu geben.
 
Das Stadtarchiv Herrenberg dokumentiert als Gedächtnis der Stadt die Geschichte Herrenbergs in möglichst vielen Facetten. “Deshalb bemühen wir uns, zusätzlich zur amtlichen Überlieferung mit ihren Verordnungen, Verfügungen und Beschlüssen die persönliche Lebenswirklichkeit der Herrenbergerinnen und Herrenberger abzubilden und übernehmen aussagekräftige Unterlagen von Privatpersonen, Vereinen und Gruppierungen”, erklärt Herrenbergs Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz dazu. “Durch die Corona-Pandemie hat sich unser Alltagsleben so stark und einschneidend geändert wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr”, so Albus-Kötz weiter. Die Auswirkungen dieser Veränderungen möchte das Stadtarchiv Herrenberg umfassend für die Nachwelt festhalten. Denn eines ist sicher: Irgendwann wird ein Historiker oder eine Historikerin über Pandemien und ihre Folgen im 21. Jahrhundert forschen.
 
Entsprechend dem gesetzlichen Auftrag übernimmt das Stadtarchiv die im Rahmen der Krisenbewältigung amtlich entstandenen Unterlagen, so zum Beispiel die Protokolle des Corona-Krisenstabs der Stadtverwaltung Herrenberg. Darüber hinaus möchte das Stadtarchiv die veränderte konkrete Lebenswelt der Einwohnerinnen und Einwohner von Herrenberg festhalten. Das Stadtarchiv bittet deshalb um Mithilfe: “Bewahren Sie für diese besondere Zeit typische oder aussagekräftige Unterlagen auf und bieten Sie sie dem Stadtarchiv per Post oder E-Mail zur Archivierung an”, lädt Albus-Kötz ein. Als Beispiele nennt sie Aushänge über die Schließung von Geschäften, Schulen oder Kindertageseinrichtungen, Flyer über die Umstellung der Restaurants und Geschäfte auf Abhol- und Lieferservice, Aufforderungen zur Einhaltung der Hygieneregeln, aber auch persönliche Aufzeichnungen wie Tagebucheinträge und Notizen, Aufsätze und Essays, Gedichte oder Zeichnungen, Fotos oder Videos, die Menschen vor Ort im Zusammenhang mit der Corona-Krise angefertigt haben oder noch anfertigen werden. “Natürlich können wir nicht alles aufbewahren, aber eine Auswahl besonderer oder typischer Stücke würden wir gerne übernehmen, um nachfolgenden Generationen einen Eindruck der momentanen Lebenssituation in Herrenberg zu vermitteln”, so Albus-Kötz.
 
Persönlich erstellte Dokumente sollten unbedingt mit Namen und Datum versehen sein und eine Kurzbeschreibung und Notizen zum Entstehungshintergrund enthalten. Beigefügt werden sollte auch die Erlaubnis zur Aufbewahrung und Nutzung, mit der Angabe, in welcher Form die eingereichten Dokumente/Bilder genutzt und gegebenenfalls veröffentlicht werden dürfen – etwa: anonym, mit Namensnennung oder nur Nennung des Vornamens. Das Stadtarchiv weist darauf hin, dass es dabei ganz wichtig ist, dass die Urheberrechte anderer respektiert werden und nur Material angeboten wird, zu welchem Urheberrechte vorhanden sind.
 
Bei Fragen steht das Stadtarchiv gerne zur Verfügung. Die Mitarbeiterinnen freuen sich auf verschiedene Beiträge von Herrenbergerinnen und Herrenberger und bedanken sich im Voraus für diese Mithilfe: Telefon 07032 9546330, E-Mail archiv@herrenberg.de.

Quellen zum Nationalsozialismus unter die Lupe genommen


20 Schülerinnen und Schüler des Schickhardt-Gymnasiums haben in der vergangenen Woche Archivluft geschnuppert: Bei einem Workshop mit dem Historiker Dr. Marcel vom Lehn haben sie einen digitalen Stadtrundgang zur Geschichte Herrenbergs im Nationalsozialismus entwickelt.
 
Während des fünftägigen Workshops haben sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 und der Jahrgangsstufe 1 des Schickhardt-Gymnasiums intensiv mit der lokalen NS-Geschichte der Stadt auseinandergesetzt. Ziel des Projekts war es, Texte und Audiodateien für einen digitalen Stadtrundgang zu entwickeln. Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden: „Die Schülerinnen und Schüler konnten nicht nur viel für sich selbst mitnehmen; das Tolle ist, dass den Online-Stadtrundgang künftig auch andere Schulklassen und Interessierte nutzen können, die sich über die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt informieren möchten.“ Der Stadtrundgang wird aus zehn Stationen – vor allem in der Herrenberger Innenstadt - bestehen. Themen sind unter anderem die Rolle der Kirche und der Schule im Nationalsozialismus, die Jugendorganisationen, der Holocaust oder der Zweite Weltkrieg.

Mit Originalquellen gearbeitet

Dass das Projekt bei den Schülerinnen und Schülern gut ankam, können die beiden Lehrkräfte, die das Projekt betreut haben, bestätigen: „Mit welchem Engagement die Schülerinnen und Schüler dabei waren, hat uns sehr gefreut“, sagen Jan Lenz und Anja Epple. „Für die Schülerinnen und Schüler war es faszinierend, die Originalquellen und -materialien in Händen zu halten“, berichten sie. Außerdem haben die Jugendlichen mit Fachliteratur gearbeitet, die der Historiker Dr. Marcel vom Lehn zusammengestellt hat.
 
In den kommenden Wochen werden die Texte und selbst produzierten Audiodateien in die städtische Homepage eingearbeitet, sodass der Online-Stadtrundgang direkt über www.herrenberg.de aufgerufen werden kann.

Gemeinderat stellte Geld bereit

Mit dem im November 2017 erschienen Buch „Herrenberg im Nationalsozialismus. Stadt und Gesellschaft (1933-1945)“ von Dr. Marcel vom Lehn wurde auch die Basis für eine weiterführende Beschäftigung der Herrenberger Schulen mit diesem Zeitabschnitt der lokalen Geschichte geschaffen. Letztes Jahr stellte der Gemeinderat noch einmal 5.000 Euro bereit, mit denen nun das Schülerprojekt finanziert werden konnte.

Mehr erfahren: www.herrenberg.de/nationalsozialimus


Vom Krämer zum Handelsmann


Neues aus dem Archiv:
Zum 400. Geburtstag von Hans Jakob Khönle


Der Geburtstag von Hans Jakob Khönle jährt sich am 25. März 2018 zum 400. Mal. Als Initiator der Handelsfamilie Khönle versorgte er Mitte des 17. Jahrhunderts Herrenberg und Umgebung mit Eisenwaren und Produkten aus Übersee. Die Erfolge dieser Persönlichkeit aus Herrenberg sind Thema dieses Beitrags aus dem Stadtarchiv.
 
Hans Jakob Khönle kam am 25. März 1618 drittes Kind des Schreiners und Obermüllers Michael Khönle in Hildrizhausen zur Welt. Er war der Stammvater der Handelsfamilie Khönle, die im 17. und 18. Jahrhundert Herrenberg und das Gäu mit überseeischen Produkten belieferte.
 
Epitaph Hans Jakob Khönle

Startbedingungen

Nach Herrenberg kam Hans Jakob Khönle 1651 durch seine Heirat mit der Bäckerstochter Rosina Ruthardt. Auskunft über die Heirat sowie das Vermögen, das beide in die Ehe mitbrachten, gibt die vom 5. Oktober 1651 stammende sogenannte Beibringensinventur, die im Stadtarchiv Herrenberg verwahrt wird. Die Mitgift von Rosina umfasste nur bescheidene 77 Gulden. Sie bestand nicht etwa aus Bargeld oder Immobilienbesitz, sondern lediglich aus Kleidern, Leinwand, Bettzeug, Möbeln wie Tisch und Bettlade sowie Nutztieren, nämlich je einer Kuh, einem Schwein, einem Bienenstock und zwei Hühnern. Damit war sie nicht gerade eine gute Partie. Hans Jakob dagegen hatte sein Vermögen in Höhe von 1000 Gulden in Eisenwaren angelegt, war er doch Eisenkrämer mit Niederlassungen in Frankfurt und Straßburg. Weiteres Geld oder auch Kleidung über das hinaus, was er am Leib trug, besaß er laut Inventur nicht, hatte aber auch keine Schulden.

Sortiment

Seine Eisenwaren waren offenbar gefragt – in einer Zeit, in der man in Herrenberg nach dem verheerenden Stadtbrand von 1635 und dem Ende des 30-jährigen Krieges mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Bereits im Januar 1652 konnte er sich eine Hofstatt am Marktplatz, wo nur die Herrenberger Führungsschicht wohnte, kaufen; dort erbaute er sein erstes Haus. Die angrenzende Hofstatt zur Schuhgasse hin folgte 1657 und wurde 1663 bebaut, 1664 und 1667 erwarb er eine weitere bisher unbebaute Hofstatt sowie das Haus des ehemaligen Vogts Johann Georg Vischer.
Khönle baute auch sein Warensortiment weiter aus, selbst wenn sein Kerngeschäft immer noch der Eisenhandel blieb. Eine Übersicht der Waren, die er in seinen Niederlassungen in Frankfurt, Straßburg und Herrenberg vertrieb, findet sich in der Realteilung, die anlässlich seines Todes erstellt wurde. Das Sortiment war – wie man es sich bei einem Krämer vorstellt – bunt gemischt und reichte von Messern oder Mistgabeln über Scheren, Hüte, Bänder aus Atlas oder Taft bis hin zu Gewürzen wie Muskat oder Pfeffer, Farben wie Goldpigment oder Rot, gewonnen aus den Cochenille-Läusen, hinzu kamen Knöpfe, Nadeln, Glas, Spiegel oder Flaschen. Bereits der Umfang der zu einem dickeren Band gebundenen Realteilung im Vergleich zu der nur sechs Blatt umfassenden Inventur zeigt, wie sehr sein Vermögen gewachsen war: Er verfügte nach Abzug der Schulden über das stattliche Vermögen von 29.552 Gulden, das unter seiner Witwe Rosina Khönle sowie seinen drei überlebenden Kindern Hans Jakob, 25 Jahre, Anna Ottilia, 20 Jahre, und Anna Rosina, 6 Jahre, aufgeteilt wurde.

Ehrenamtliches Engagement

Ein Blick in die Chronik von Vogt Gottlieb Friedrich Heß zeigt, dass Hans Jakob Khönle parallel zu seinem materiellen Erfolg auch sein Sozialprestige in der Stadt steigern konnte: Von 1660 bis zu seinem Tod 1675 war er Mitglied des Rates. Daran änderte auch die Anklage wegen Zollvergehen im Jahr 1669 nichts, für die er auf herzoglichen Entscheid vom 4. März 1669 einen Gulden Strafe zahlen musste.
 
Hauszeichen KhönleHauszeichen der Familie Khönle

Lebensende

Nach einem erfüllten Leben starb Hans Jakob Khönle am 10. März 1675 im Alter von 57 Jahren. Davon zeugt noch heute sein Epitaph in der Vorhalle der Stiftskirche. Neben seiner Witwe überlebten ihn drei seiner elf Kinder, von denen der älteste, Hans Jakob, die väterlichen Geschäfte übernahm. Er baute das Unternehmen weiter aus und hinterließ bei seinem Tod das erneut vermehrte Vermögen von 70.000 Gulden.

Information des Stadtarchivs

Haben Sie Fragen an das Stadtarchiv? Oder möchten Sie alte Unterlagen (Briefe, Fotos, Tagebücher etc.) zur Geschichte Herrenbergs und seiner Stadtteile abgeben? Dann wenden Sie sich gerne an das Archiv unter Telefon 07032 954633-0 oder E-Mail archiv@herrenberg.de.
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Dank über die meisterhafte Ausführung der Wasserleitung


Baurat Hermann Ehmann wird 1894 Ehrenbürger von Kayh


Eine zentrale Rolle bei der Errichtung der Wasserversorgung in Kayh spielte Baurat Hermann Ehmann. Für seine Verdienste verlieh ihm die damals selbstständige Gemeinde im Jahr 1894 das Ehrenbürgerrecht. Bei Ordnungsarbeiten im Stadtarchiv wurde vor kurzem die Ehrenbürgerurkunde aufgefunden – Anlass, die Persönlichkeit Ehmanns und sein Wirken in Kayh vorzustellen.  

Ein Kurzporträt über Hermann Ehmann mit den wichtigsten Lebensdaten findet sich im Zentralblatt der Bauverwaltung vom 16. Dezember 1905. Er wurde am 10. Juni 1844 in Möckmühl im württembergischen Oberamt Neckarsulm geboren. Von 1861 bis 1866 studierte er Ingenieurwesen an der Polytechnischen Schule in Stuttgart, einem Vorläufer der heutigen Universität. Wenig später trat er in die staatliche Wasserbauverwaltung, ebenfalls in Stuttgart, ein, an deren Spitze sein älterer Verwandter Karl Ehmann stand. Dort brachte er es bis zum Staatstechniker für das öffentliche Wasserversorgungswesen.

Einen Namen machte sich Hermann Ehmann vor allem beim Bau der Wasserversorgung auf der Schwäbischen Alb, im Nordschwarzwald und auf den Fildern nahe Stuttgart. Von „weiteren größeren und kleineren Aufgaben der Wasserversorgung, die v. Ehmann selbst auszuführen hatte oder zu denen sein bewährter Rat eingeholt wurde“, ist in der erwähnten Biografie die Rede. Dazu kann seine Tätigkeit in Kayh gerechnet werden.   

Quelle von Altinger Mühle


Das Dorf am südlichen Hang des Schönbuchs hatte schon immer unter Wassermangel zu leiden gehabt. Die wenigen vorhandenen Quellen waren gipshaltig und kaum ergiebig.  Wiederholt hatte sich die Gemeinde vergeblich um Abhilfe bemüht. Der Kontakt zu Hermann Ehmann kam zustande über den Herrenberger Oberamtmann Theodor Völter. Baurat Ehmann nahm vor Ort eine Bestandsaufnahme vor und fand die Lösung des Problems. In der ‚Beilage zum Gäuboten‘ vom 24. Dezember 1892 heißt es: „Er schlug vor, eine Quelle in nächster Nähe der Altinger Mühle zu fassen und sie [nach Kayh] hinaufzuleiten.“ Zur Umsetzung des Projekts musste allerdings noch eine Quelle bei Tailfingen erworben werden, „da bezweifelt wurde, ob die erste in allen Zeiten die Gemeinde vollständig versorge“.

Wasserversorgung in Kayh


Die Bauarbeiten an der Kayher Wasserversorgung begannen im Mai 1892 und gingen zügig voran. Bereits im November konnte der Betrieb aufgenommen werden, was laut ‚Gäubote‘ „Viele kaum zu hoffen wagten und was vor verhältnismäßig kurzer Zeit selbst Technikern unmöglich schien“. Die Kosten beliefen sich auf rund 48.000 Mark. Der württembergische Staat und das Oberamt Herrenberg steuerten einen bedeutenden Teil bei. Bemerkenswert ist, dass die Summe nur unwesentlich über dem von Baurat Ehmann im Januar 1892 ausgerechneten Betrag in Höhe von 45.900 Mark lag.

Ehrungen für Ehmann


Hermann Ehmann hatte sich „durch die Sicherheit, mit der die versprochenen Leistungen der gebauten Werke zutrafen, und durch die Zuverlässigkeit seiner Kostenvoranschläge, die er stets einhielt, allgemeinstes Vertrauen erworben“, charakterisiert das genannte ‚Zentralblatt der Bauverwaltung‘ seine Arbeitsweise und die Resonanz darauf. Die Gemeinde Kayh zeigte ihm ihren „innigsten Dank über die meisterhafte Ausführung der Wasserleitung“, indem sie ihn am 17. Mai 1894 zum Ehrenbürger ernannte. In den darauffolgenden Jahren wurden ihm weitere Ehrungen zuteil. Unter anderem wurde er zum Oberbaurat befördert und in den Personaladel erhoben. Am 7. Dezember 1905 starb der Wasserbauingenieur im Alter von 61 Jahren an den Folgen eines Herzschlags. Dass er in Kayh nicht vergessen wurde, davon zeugt ein Aufsatz über die Wasserversorgung im Ortsbuch, das 1990 aus Anlass der 800-Jahr-Feier erschien.

Gültsteiner Hebammen machten ihre Sache gut


Eine Hebamme auf dem Land war bis Ende des 18. Jahrhunderts selten hauptberuflich tätig. Die Dorfhebamme wurde von den verheirateten Frauen gewählt und nur schlecht bezahlt. Erst im 18. Jahrhundert versuchten die Landesherren, eine verbindliche Hebammenausbildung einzuführen. Das Stadtarchiv Herrenberg berichtet aus einem Tagebuch der Gültsteiner Hebammen.

Hebammenbuch Umschlag
Umschlag des Hebammenbuchs im Stadtarchiv

Vierzehn Jahre lang wurde das Tagebuch der beiden Gültsteiner Hebammen geführt, vom 1. Juli 1858 bis zum 17. September 1872. Maria Agnes Mayer und Frau Kapp, deren Vorname nicht genannt wird, verzeichneten hier fast 300 Geburten. Das Tagebuch ist in Vorbereitung auf das 1200. Ortsjubiläums von Gültstein, das 2019 gefeiert wird, aufgetaucht. Das Ortsarchiv, das gerade neu erschlossen wird, ist mit 80 Metern Umfang das zweitgrößte Teilortsarchiv Herrenbergs. Das Tagebuch der diensthabenden Gültsteiner Hebammen, Signatur OrtsA Gültstein B 281, ist ein vom Verleger Andreas Braun vorgedrucktes „Tage-Buch der vorgekommenen Geburten“ mit 16 Rubriken; darunter das Alter der Gebärenden, die Zahl der vorherigen Geburten, die Dauer der Geburt oder die Art der Hilfe bei der Entbindung. Am Ende erfolgte durch den jeweiligen Pfarrer die Beurkundung der Übereinstimmung des Hebammenbuchs mit dem Taufregister. Zudem unterschrieb der zuständige Herrenberger Oberamtsarzt oder, wie es damals hieß, „Oberamtsphysikat“ Welsch.

Ältere Mütter keine Seltenheit


Bei insgesamt 298 verzeichneten Geburten starben 19 Kinder bei oder vor der Geburt. Der größte Teil der Mütter war zwischen 20 und 40 Jahren alt, nur drei Frauen waren unter 20 Jahre alt, die jüngste Mutter war 17. Erstaunlich ist die relativ große Anzahl der Mütter über 40 Jahren: immerhin bei 42 der 298 Geburten. Die älteste Gültsteiner Mutter war Martha Bühler: Sie bekam am 15. Mai 1866 mit 48 Jahren ihr zehntes Kind, einen Knaben. Die 47-jährige Friederike Krauß brachte bei ihrer zwölften Geburt in acht Stunden ein lebendes Mädchen zur Welt.

Hebammenbuch Beispielseite
Beispielseite aus dem Hebammenbuch

Wenn die Hebamme es nicht allein schaffte, zog sie noch einen Geburtshelfer, in Gültstein die Herren Grundler oder Klein, hinzu. In einem Fall – zumindest ist es so verzeichnet – kam es zu einer Steißgeburt (bei der das Kind umgekehrt liegt), das Kind war offenbar bereits vor der Geburt verstorben. In vier Fällen mussten Zwillinge entbunden werden, die offenbar auch alle lebend zur Welt kamen und nur in einem Fall nicht allein von der Hebamme, sondern mit Hilfe von Geburtshelfer Grundler geholt wurden. 29 Kinder kamen unreif, also als Frühchen, zur Welt, wovon die meisten auch überlebten. Zu Komplikationen kam es immer wieder, weil sich etwa die Nachgeburt nicht löste, was zu starken Blutungen führte. Am 17. Mai 1868 musste bei der 28-jährigen Maria Johanna Schanz wegen einer Schieflage des kindlichen Kopfes mit der Zange nachgeholfen werden, dennoch überlebten Mutter und Kind.

Dramatische Geburt verläuft tödlich


Eine sehr dramatische Geburt spielte sich am 14. September 1872 ab: Die 30-jährige Heinrike Hahn brachte ihr viertes Kind zur Welt. Nach einer halben Stunde Wehen rief man die Gemeindehebamme Kapp, nach 18 Stunden Geburtshelfer Grundler. Das Kind, ein reifer Knabe, lag falsch, außerdem gab es offensichtlich Probleme mit der Lage der Plazenta, weshalb man versuchte, das Kind „mit künstlicher Hilfe“ auf die Füße zu wenden. Dies scheint aber misslungen zu sein. Eine daraufhin einsetzende starke Blutung führte zu Ohnmacht und großer Schwäche der Mutter, der man mit Zinntinktur und Hoffmannstropfen – fachsprachlich Spiritus aethereus, bestehend aus Ethanol- und Diethylether – entgegenzuwirken suchte. Dennoch verstarb Heinrike Hahn – als einzige Mutter im vorliegenden Aufzeichnungszeitraum – eine halbe Stunde nach der Geburt, und auch ihr Sohn starb offenbar noch im Mutterleib. In vielen Fällen glückte aber auch eine Wendung des Kindes, die zum Beispiel wegen einer vorliegenden Nabelschnur oder Querlage nötig geworden war – die Gültsteiner Dorfhebammen machten ihre Sache also durchaus gut.

Hebamme war nur Nebentätigkeit


Wie sah die Hebammenausbildung im 19. Jahrhundert überhaupt aus? Im Gegensatz zu den Städten, in denen verstärkt ab dem 16. Jahrhundert ein geregelter Hebammenunterricht einsetzte, wurde das Hebammenwesen auf dem Land bis zum Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund der schlechten Bezahlung und der Tatsache, dass die Tätigkeit als so etwas wie Nachbarschaftshilfe galt und die Dorfhebamme von den verheirateten Frauen gewählt wurde, eher als Nebentätigkeit angesehen. Oft führte die Hebamme auf dem Dorf auch noch den Haushalt der Wöchnerin und kümmerte sich intensiv um Säugling und Mutter.

Erst im 18. Jahrhundert versuchten die Landesherren, eine Hebammenausbildung verbindlich einzuführen. So enthält die erste württembergische Medizinalordnung „Des Herzogtums Wirtemberg wiederholt erneuerte Apotheken-Ordnung und Tax“ von 1720 auch Vorschriften für den Hebammenberuf. Eine schulmäßige Ausbildung gab es erstmals zwischen 1787 und 1793 auf der Hohen Karlsschule. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die Führung von Hebammentagebüchern festgelegt. Verschiedene Hebammenschulen, in Stuttgart angegliedert an das Katharinenhospital und in Tübingen angeschlossen an die dortige Klinik, wurden eröffnet.


Landeshebammenschule eingerichtet


1837 setzte in Württemberg der staatlich geregelte Hebammenunterricht ein. Die Prüfungen wurden nach einem dreimonatigen Kurs in Stuttgart oder Tübingen von einem Mitglied des Medizinalkollegiums bzw. der medizinischen Fakultät abgenommen. Seit 1847 fand die Ausbildung mit vier jährlichen Kursen nur noch in Stuttgart statt, 1863 wurde per Statut die Landeshebammenschule in Stuttgart errichtet. Voraussetzung für eine Aufnahme war das Bestehen einer Vorprüfung. Nach der Ausbildung sollten alle drei Jahre Repetitionskurse besucht werden, bei denen auch die mitgebrachten Tagebücher, Gerätschaften etc. überprüft wurden.

Auch die beiden Gültsteiner Hebammen Mayer und Kapp dürften demnach an der Stuttgarter Hebammenschule ausgebildet worden sein, was aber bisher nicht belegbar ist. Ihre offensichtliche Kompetenz zeigt sich an der großen Anzahl schwieriger Geburten und der Tatsache, dass es ihnen außer in einem Fall immer gelang, das Leben der Mütter zu retten.