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Neues aus dem Stadtarchiv
Ausbau und Entwicklung der städtischen Infrastruktur
Reinhold Schick war zweimal Bürgermeister von Herrenberg und hat sich in diesen Zeiten sehr für Herrenberg und seine Entwicklung eingesetzt. Allerdings war sein Verhalten während der NS-Zeit durchaus problematisch. Sein Todestag jährt sich am 6. Juli 2023 zum 70. Mal – ein Rückblick auf sein Leben und Werk von Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz.
Vor 70 Jahren - am 6. Juli 1953 - starb Reinhold Schick, der mit Unterbrechungen zweimal Herrenbergs Stadtoberhaupt war, mit nur 60 Jahren im Amt an einem Herzinfarkt. Sein Tod rief in der Stadtgesellschaft damals große Bestürzung hervor. So beschloss der Gemeinderat bereits am 6. Juli 1954, seinem ersten Todestag, den bisherigen Sonnenplatz in Reinhold-Schick-Platz umzubenennen. Schick war Stadtvorstand der Gäustadt in schwierigen Zeiten und hinterließ durch sein Verhalten bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein durchaus ambivalentes Bild.
Einstieg in den Beruf
1893 in Hohenstaufen bei Göppingen geboren, hatte Schick im Jahr 1919 seine Laufbahn in der kommunalen Verwaltung als Stadtpfleger in Schwaigern begonnen und war dann bereits 1920 in Truchtelfingen, heute ein Teilort von Albstadt, zum Schultheiß gewählt worden. Nachdem der Herrenberger Stadtschultheiß Wilhelm Haußer nach 34 Amtsjahren nicht mehr zur Wahl antrat, ging Schick aus einem Bewerberfeld von ursprünglich 16 Kandidaten als klarer Sieger mit mehr als zwei Dritteln der Stimmen bei der Wahl im Juni 1927 hervor. Nach den Abschiedsfeierlichkeiten in Truchtelfingen wurde Schick am 15. August von sechs festlich geschmückten Autos dort abgeholt, die ihn nach Tübingen brachten, wohin ihm der Herrenberger Gemeinderat und der scheidende Stadtschultheiß Wilhelm Haußer (1865 bis 1938) entgegenfuhren. Am 16. August 1927 trat Schick sein Amt in Herrenberg an.
Verdienste in Herrenberg
In Herrenberg stand die infrastrukturelle Weiterentwicklung der im Jahr 1925 3.502 Einwohner zählenden Gäustadt ganz oben auf seiner Prioritätenliste: So ließ Reinhold Schick im Jahr 1928 einen generellen Stadtbauplan aufstellen, betrieb den Ausbau der Wohnbaugebiete Bildkäppele und Alzental und 1930 die Neupflasterung der Tübinger, Horber und Stuttgarter Straße. Während seiner Amtszeit wurde auch das Freibad in den Seeländern gebaut, das im Juli 1931 eröffnet wurde. Und in seine Ägide fallen die großen Feierlichkeiten zur 700-Jahrfeier, die die Stadt 1929 mit Imagefilm, Jubiläumsbuch, großem Festumzug und Historienspiel beging. Um den Auswirkungen der Wirtschaftskrise entgegenzuwirken, wurde auf Initiative von Reinhold Schick ein freiwilliger Arbeitsdienst eingeführt, der den Langenklingenweg im Stadtwald anlegte und ausbaute. Schick setzte sich aktiv für den Erhalt der Demokratie ein. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beließen diese Schick dennoch zunächst in seinem Amt, was einer üblichen Praxis entsprach, da es ihnen an versierten Verwaltungsleuten in ihren Reihen mangelte. Später wurden ihm Redebeiträge von der Spitze der örtlichen NSDAP vorgegeben und er wurde zu einer Art demokratischem Aushängeschild der NSDAP. Verschiedene Vorfälle führten dazu, dass er eine neue Arbeitsstelle bei der neu geschaffenen Württembergischen Prüfungsanstalt für Körperschaften annahm. Er legte im September 1934 überraschend sein Amt nieder und wurde mit allen Ehren verabschiedet. Schick blieb trotz seines Rücktritts mit Herrenberg verbunden.
Zweite Herrenberger Amtszeit
Nach dem Ende der NS-Diktatur wünschten sich viele Herrenbergerinnen und Herrenberger Schick als Bürgermeister zurück, der zunächst ablehnte, sich dann aber Ende 1947 doch zu einer Kandidatur entschied. Wieder wurde er am Ende eines heftig geführten Wahlkampfes am 1. Februar 1948 gewählt. Allerdings wurde die Wahl aufgrund eines Widerspruchs gegen sein Spruchkammerverfahren zunächst für ungültig erklärt. Nach einer Entlastungserklärung wurde Schick in einer zweiten Wahl ohne Gegenkandidat im April 1948 mit 98,9 Prozent der Stimmen gewählt.
In seiner zweiten Amtszeit knüpfte er an die großen Linien seiner ersten Amtszeit an und kümmerte sich bis zu seinem Tod um Themen wie die Verbesserung der Wohnraumversorgung und den Wiederaufbau der Stadt, die Gründung einer Baufinanzierungskasse, die Wasserversorgung durch den Bau der Wasserversorgungsanlage bei der ersten Ammermühle, den Bau des neuen Gasbehälters und der neuen Ofenanlage im Gaswerk, die Ordnung der Schulverhältnisse durch den Bau der Albert-Schweizer-Schule sowie die Förderung des Wohnungsbaus.
Bewertung seines Verhaltens und seiner Verdienste
Als Nachfolger Schicks nach dessen plötzlichen Tod wurde am 23. August 1953 der bisherige Stadtpfleger Heinz Schroth gewählt, der dieses Amt bis 1985 innehatte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Reinhold Schick – so sieht dies auch Marcel vom Lehn in seinem Buch zum Nationalsozialismus in Herrenberg – sich während der NS-Zeit anpasste, um seinen Bürgermeisterposten behalten zu können und damit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Vorschub leistete. Daneben stehen die großen Verdienste, die er sich als Verwaltungsfachmann um die Stadtentwicklung von Herrenberg erwarb. Und offenbar gewichtete man letztere nach dem Krieg als wichtiger und war bereit, ihn mit überwältigender Mehrheit wieder ins Amt zu wählen. Dies sagt viel über den Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit aus.
Dokumentation der Corona-Krise in Herrenberg
Als Gedächtnis der Stadt hat das Archiv die Aufgabe, die Geschichte von Herrenberg in möglichst vielen Facetten festzuhalten. Auch die derzeitige Corona-Krise wird vom Stadtarchiv dokumentiert. Die Herrenbergerinnen und Herrenberger sind aufgerufen, persönliches Material zur Corona-Krise ans Stadtarchiv zu geben.
Das Stadtarchiv Herrenberg dokumentiert als Gedächtnis der Stadt die Geschichte Herrenbergs in möglichst vielen Facetten. “Deshalb bemühen wir uns, zusätzlich zur amtlichen Überlieferung mit ihren Verordnungen, Verfügungen und Beschlüssen die persönliche Lebenswirklichkeit der Herrenbergerinnen und Herrenberger abzubilden und übernehmen aussagekräftige Unterlagen von Privatpersonen, Vereinen und Gruppierungen”, erklärt Herrenbergs Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz dazu. “Durch die Corona-Pandemie hat sich unser Alltagsleben so stark und einschneidend geändert wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr”, so Albus-Kötz weiter. Die Auswirkungen dieser Veränderungen möchte das Stadtarchiv Herrenberg umfassend für die Nachwelt festhalten. Denn eines ist sicher: Irgendwann wird ein Historiker oder eine Historikerin über Pandemien und ihre Folgen im 21. Jahrhundert forschen.
Entsprechend dem gesetzlichen Auftrag übernimmt das Stadtarchiv die im Rahmen der Krisenbewältigung amtlich entstandenen Unterlagen, so zum Beispiel die Protokolle des Corona-Krisenstabs der Stadtverwaltung Herrenberg. Darüber hinaus möchte das Stadtarchiv die veränderte konkrete Lebenswelt der Einwohnerinnen und Einwohner von Herrenberg festhalten. Das Stadtarchiv bittet deshalb um Mithilfe: “Bewahren Sie für diese besondere Zeit typische oder aussagekräftige Unterlagen auf und bieten Sie sie dem Stadtarchiv per Post oder E-Mail zur Archivierung an”, lädt Albus-Kötz ein. Als Beispiele nennt sie Aushänge über die Schließung von Geschäften, Schulen oder Kindertageseinrichtungen, Flyer über die Umstellung der Restaurants und Geschäfte auf Abhol- und Lieferservice, Aufforderungen zur Einhaltung der Hygieneregeln, aber auch persönliche Aufzeichnungen wie Tagebucheinträge und Notizen, Aufsätze und Essays, Gedichte oder Zeichnungen, Fotos oder Videos, die Menschen vor Ort im Zusammenhang mit der Corona-Krise angefertigt haben oder noch anfertigen werden. “Natürlich können wir nicht alles aufbewahren, aber eine Auswahl besonderer oder typischer Stücke würden wir gerne übernehmen, um nachfolgenden Generationen einen Eindruck der momentanen Lebenssituation in Herrenberg zu vermitteln”, so Albus-Kötz.
Persönlich erstellte Dokumente sollten unbedingt mit Namen und Datum versehen sein und eine Kurzbeschreibung und Notizen zum Entstehungshintergrund enthalten. Beigefügt werden sollte auch die Erlaubnis zur Aufbewahrung und Nutzung, mit der Angabe, in welcher Form die eingereichten Dokumente/Bilder genutzt und gegebenenfalls veröffentlicht werden dürfen – etwa: anonym, mit Namensnennung oder nur Nennung des Vornamens. Das Stadtarchiv weist darauf hin, dass es dabei ganz wichtig ist, dass die Urheberrechte anderer respektiert werden und nur Material angeboten wird, zu welchem Urheberrechte vorhanden sind.
Bei Fragen steht das Stadtarchiv gerne zur Verfügung. Die Mitarbeiterinnen freuen sich auf verschiedene Beiträge von Herrenbergerinnen und Herrenberger und bedanken sich im Voraus für diese Mithilfe: Telefon 07032 9546330, E-Mail archiv(at)herrenberg.de.
Vom Krämer zum Handelsmann
Neues aus dem Archiv:
Zum 400. Geburtstag von Hans Jakob Khönle
Der Geburtstag von Hans Jakob Khönle jährt sich am 25. März 2018 zum 400. Mal. Als Initiator der Handelsfamilie Khönle versorgte er Mitte des 17. Jahrhunderts Herrenberg und Umgebung mit Eisenwaren und Produkten aus Übersee. Die Erfolge dieser Persönlichkeit aus Herrenberg sind Thema dieses Beitrags aus dem Stadtarchiv.
Hans Jakob Khönle kam am 25. März 1618 drittes Kind des Schreiners und Obermüllers Michael Khönle in Hildrizhausen zur Welt. Er war der Stammvater der Handelsfamilie Khönle, die im 17. und 18. Jahrhundert Herrenberg und das Gäu mit überseeischen Produkten belieferte.
Startbedingungen
Nach Herrenberg kam Hans Jakob Khönle 1651 durch seine Heirat mit der Bäckerstochter Rosina Ruthardt. Auskunft über die Heirat sowie das Vermögen, das beide in die Ehe mitbrachten, gibt die vom 5. Oktober 1651 stammende sogenannte Beibringensinventur, die im Stadtarchiv Herrenberg verwahrt wird. Die Mitgift von Rosina umfasste nur bescheidene 77 Gulden. Sie bestand nicht etwa aus Bargeld oder Immobilienbesitz, sondern lediglich aus Kleidern, Leinwand, Bettzeug, Möbeln wie Tisch und Bettlade sowie Nutztieren, nämlich je einer Kuh, einem Schwein, einem Bienenstock und zwei Hühnern. Damit war sie nicht gerade eine gute Partie. Hans Jakob dagegen hatte sein Vermögen in Höhe von 1000 Gulden in Eisenwaren angelegt, war er doch Eisenkrämer mit Niederlassungen in Frankfurt und Straßburg. Weiteres Geld oder auch Kleidung über das hinaus, was er am Leib trug, besaß er laut Inventur nicht, hatte aber auch keine Schulden.Sortiment
Seine Eisenwaren waren offenbar gefragt – in einer Zeit, in der man in Herrenberg nach dem verheerenden Stadtbrand von 1635 und dem Ende des 30-jährigen Krieges mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Bereits im Januar 1652 konnte er sich eine Hofstatt am Marktplatz, wo nur die Herrenberger Führungsschicht wohnte, kaufen; dort erbaute er sein erstes Haus. Die angrenzende Hofstatt zur Schuhgasse hin folgte 1657 und wurde 1663 bebaut, 1664 und 1667 erwarb er eine weitere bisher unbebaute Hofstatt sowie das Haus des ehemaligen Vogts Johann Georg Vischer.Khönle baute auch sein Warensortiment weiter aus, selbst wenn sein Kerngeschäft immer noch der Eisenhandel blieb. Eine Übersicht der Waren, die er in seinen Niederlassungen in Frankfurt, Straßburg und Herrenberg vertrieb, findet sich in der Realteilung, die anlässlich seines Todes erstellt wurde. Das Sortiment war – wie man es sich bei einem Krämer vorstellt – bunt gemischt und reichte von Messern oder Mistgabeln über Scheren, Hüte, Bänder aus Atlas oder Taft bis hin zu Gewürzen wie Muskat oder Pfeffer, Farben wie Goldpigment oder Rot, gewonnen aus den Cochenille-Läusen, hinzu kamen Knöpfe, Nadeln, Glas, Spiegel oder Flaschen. Bereits der Umfang der zu einem dickeren Band gebundenen Realteilung im Vergleich zu der nur sechs Blatt umfassenden Inventur zeigt, wie sehr sein Vermögen gewachsen war: Er verfügte nach Abzug der Schulden über das stattliche Vermögen von 29.552 Gulden, das unter seiner Witwe Rosina Khönle sowie seinen drei überlebenden Kindern Hans Jakob, 25 Jahre, Anna Ottilia, 20 Jahre, und Anna Rosina, 6 Jahre, aufgeteilt wurde.
Ehrenamtliches Engagement
Ein Blick in die Chronik von Vogt Gottlieb Friedrich Heß zeigt, dass Hans Jakob Khönle parallel zu seinem materiellen Erfolg auch sein Sozialprestige in der Stadt steigern konnte: Von 1660 bis zu seinem Tod 1675 war er Mitglied des Rates. Daran änderte auch die Anklage wegen Zollvergehen im Jahr 1669 nichts, für die er auf herzoglichen Entscheid vom 4. März 1669 einen Gulden Strafe zahlen musste.Lebensende
Nach einem erfüllten Leben starb Hans Jakob Khönle am 10. März 1675 im Alter von 57 Jahren. Davon zeugt noch heute sein Epitaph in der Vorhalle der Stiftskirche. Neben seiner Witwe überlebten ihn drei seiner elf Kinder, von denen der älteste, Hans Jakob, die väterlichen Geschäfte übernahm. Er baute das Unternehmen weiter aus und hinterließ bei seinem Tod das erneut vermehrte Vermögen von 70.000 Gulden.Information des Stadtarchivs
Haben Sie Fragen an das Stadtarchiv? Oder möchten Sie alte Unterlagen (Briefe, Fotos, Tagebücher etc.) zur Geschichte Herrenbergs und seiner Stadtteile abgeben? Dann wenden Sie sich gerne an das Archiv unter Telefon 07032 954633-0 oder E-Mail archiv(at)herrenberg.de.Dank über die meisterhafte Ausführung der Wasserleitung
Baurat Hermann Ehmann wird 1894 Ehrenbürger von Kayh
Eine zentrale Rolle bei der Errichtung der Wasserversorgung in Kayh spielte Baurat Hermann Ehmann. Für seine Verdienste verlieh ihm die damals selbstständige Gemeinde im Jahr 1894 das Ehrenbürgerrecht. Bei Ordnungsarbeiten im Stadtarchiv wurde vor kurzem die Ehrenbürgerurkunde aufgefunden – Anlass, die Persönlichkeit Ehmanns und sein Wirken in Kayh vorzustellen.
Ein Kurzporträt über Hermann Ehmann mit den wichtigsten Lebensdaten findet sich im Zentralblatt der Bauverwaltung vom 16. Dezember 1905. Er wurde am 10. Juni 1844 in Möckmühl im württembergischen Oberamt Neckarsulm geboren. Von 1861 bis 1866 studierte er Ingenieurwesen an der Polytechnischen Schule in Stuttgart, einem Vorläufer der heutigen Universität. Wenig später trat er in die staatliche Wasserbauverwaltung, ebenfalls in Stuttgart, ein, an deren Spitze sein älterer Verwandter Karl Ehmann stand. Dort brachte er es bis zum Staatstechniker für das öffentliche Wasserversorgungswesen.
Einen Namen machte sich Hermann Ehmann vor allem beim Bau der Wasserversorgung auf der Schwäbischen Alb, im Nordschwarzwald und auf den Fildern nahe Stuttgart. Von „weiteren größeren und kleineren Aufgaben der Wasserversorgung, die v. Ehmann selbst auszuführen hatte oder zu denen sein bewährter Rat eingeholt wurde“, ist in der erwähnten Biografie die Rede. Dazu kann seine Tätigkeit in Kayh gerechnet werden.
Quelle von Altinger Mühle
Das Dorf am südlichen Hang des Schönbuchs hatte schon immer unter Wassermangel zu leiden gehabt. Die wenigen vorhandenen Quellen waren gipshaltig und kaum ergiebig. Wiederholt hatte sich die Gemeinde vergeblich um Abhilfe bemüht. Der Kontakt zu Hermann Ehmann kam zustande über den Herrenberger Oberamtmann Theodor Völter. Baurat Ehmann nahm vor Ort eine Bestandsaufnahme vor und fand die Lösung des Problems. In der ‚Beilage zum Gäuboten‘ vom 24. Dezember 1892 heißt es: „Er schlug vor, eine Quelle in nächster Nähe der Altinger Mühle zu fassen und sie [nach Kayh] hinaufzuleiten.“ Zur Umsetzung des Projekts musste allerdings noch eine Quelle bei Tailfingen erworben werden, „da bezweifelt wurde, ob die erste in allen Zeiten die Gemeinde vollständig versorge“.
Wasserversorgung in Kayh
Die Bauarbeiten an der Kayher Wasserversorgung begannen im Mai 1892 und gingen zügig voran. Bereits im November konnte der Betrieb aufgenommen werden, was laut ‚Gäubote‘ „Viele kaum zu hoffen wagten und was vor verhältnismäßig kurzer Zeit selbst Technikern unmöglich schien“. Die Kosten beliefen sich auf rund 48.000 Mark. Der württembergische Staat und das Oberamt Herrenberg steuerten einen bedeutenden Teil bei. Bemerkenswert ist, dass die Summe nur unwesentlich über dem von Baurat Ehmann im Januar 1892 ausgerechneten Betrag in Höhe von 45.900 Mark lag.
Ehrungen für Ehmann
Hermann Ehmann hatte sich „durch die Sicherheit, mit der die versprochenen Leistungen der gebauten Werke zutrafen, und durch die Zuverlässigkeit seiner Kostenvoranschläge, die er stets einhielt, allgemeinstes Vertrauen erworben“, charakterisiert das genannte ‚Zentralblatt der Bauverwaltung‘ seine Arbeitsweise und die Resonanz darauf. Die Gemeinde Kayh zeigte ihm ihren „innigsten Dank über die meisterhafte Ausführung der Wasserleitung“, indem sie ihn am 17. Mai 1894 zum Ehrenbürger ernannte. In den darauffolgenden Jahren wurden ihm weitere Ehrungen zuteil. Unter anderem wurde er zum Oberbaurat befördert und in den Personaladel erhoben. Am 7. Dezember 1905 starb der Wasserbauingenieur im Alter von 61 Jahren an den Folgen eines Herzschlags. Dass er in Kayh nicht vergessen wurde, davon zeugt ein Aufsatz über die Wasserversorgung im Ortsbuch, das 1990 aus Anlass der 800-Jahr-Feier erschien.
Gültsteiner Hebammen machten ihre Sache gut
Eine Hebamme auf dem Land war bis Ende des 18. Jahrhunderts selten hauptberuflich tätig. Die Dorfhebamme wurde von den verheirateten Frauen gewählt und nur schlecht bezahlt. Erst im 18. Jahrhundert versuchten die Landesherren, eine verbindliche Hebammenausbildung einzuführen. Das Stadtarchiv Herrenberg berichtet aus einem Tagebuch der Gültsteiner Hebammen.
Umschlag des Hebammenbuchs im Stadtarchiv
Vierzehn Jahre lang wurde das Tagebuch der beiden Gültsteiner Hebammen geführt, vom 1. Juli 1858 bis zum 17. September 1872. Maria Agnes Mayer und Frau Kapp, deren Vorname nicht genannt wird, verzeichneten hier fast 300 Geburten. Das Tagebuch ist in Vorbereitung auf das 1200. Ortsjubiläums von Gültstein, das 2019 gefeiert wird, aufgetaucht. Das Ortsarchiv, das gerade neu erschlossen wird, ist mit 80 Metern Umfang das zweitgrößte Teilortsarchiv Herrenbergs. Das Tagebuch der diensthabenden Gültsteiner Hebammen, Signatur OrtsA Gültstein B 281, ist ein vom Verleger Andreas Braun vorgedrucktes „Tage-Buch der vorgekommenen Geburten“ mit 16 Rubriken; darunter das Alter der Gebärenden, die Zahl der vorherigen Geburten, die Dauer der Geburt oder die Art der Hilfe bei der Entbindung. Am Ende erfolgte durch den jeweiligen Pfarrer die Beurkundung der Übereinstimmung des Hebammenbuchs mit dem Taufregister. Zudem unterschrieb der zuständige Herrenberger Oberamtsarzt oder, wie es damals hieß, „Oberamtsphysikat“ Welsch.
Ältere Mütter keine Seltenheit
Bei insgesamt 298 verzeichneten Geburten starben 19 Kinder bei oder vor der Geburt. Der größte Teil der Mütter war zwischen 20 und 40 Jahren alt, nur drei Frauen waren unter 20 Jahre alt, die jüngste Mutter war 17. Erstaunlich ist die relativ große Anzahl der Mütter über 40 Jahren: immerhin bei 42 der 298 Geburten. Die älteste Gültsteiner Mutter war Martha Bühler: Sie bekam am 15. Mai 1866 mit 48 Jahren ihr zehntes Kind, einen Knaben. Die 47-jährige Friederike Krauß brachte bei ihrer zwölften Geburt in acht Stunden ein lebendes Mädchen zur Welt.
Beispielseite aus dem Hebammenbuch
Wenn die Hebamme es nicht allein schaffte, zog sie noch einen Geburtshelfer, in Gültstein die Herren Grundler oder Klein, hinzu. In einem Fall – zumindest ist es so verzeichnet – kam es zu einer Steißgeburt (bei der das Kind umgekehrt liegt), das Kind war offenbar bereits vor der Geburt verstorben. In vier Fällen mussten Zwillinge entbunden werden, die offenbar auch alle lebend zur Welt kamen und nur in einem Fall nicht allein von der Hebamme, sondern mit Hilfe von Geburtshelfer Grundler geholt wurden. 29 Kinder kamen unreif, also als Frühchen, zur Welt, wovon die meisten auch überlebten. Zu Komplikationen kam es immer wieder, weil sich etwa die Nachgeburt nicht löste, was zu starken Blutungen führte. Am 17. Mai 1868 musste bei der 28-jährigen Maria Johanna Schanz wegen einer Schieflage des kindlichen Kopfes mit der Zange nachgeholfen werden, dennoch überlebten Mutter und Kind.
Dramatische Geburt verläuft tödlich
Eine sehr dramatische Geburt spielte sich am 14. September 1872 ab: Die 30-jährige Heinrike Hahn brachte ihr viertes Kind zur Welt. Nach einer halben Stunde Wehen rief man die Gemeindehebamme Kapp, nach 18 Stunden Geburtshelfer Grundler. Das Kind, ein reifer Knabe, lag falsch, außerdem gab es offensichtlich Probleme mit der Lage der Plazenta, weshalb man versuchte, das Kind „mit künstlicher Hilfe“ auf die Füße zu wenden. Dies scheint aber misslungen zu sein. Eine daraufhin einsetzende starke Blutung führte zu Ohnmacht und großer Schwäche der Mutter, der man mit Zinntinktur und Hoffmannstropfen – fachsprachlich Spiritus aethereus, bestehend aus Ethanol- und Diethylether – entgegenzuwirken suchte. Dennoch verstarb Heinrike Hahn – als einzige Mutter im vorliegenden Aufzeichnungszeitraum – eine halbe Stunde nach der Geburt, und auch ihr Sohn starb offenbar noch im Mutterleib. In vielen Fällen glückte aber auch eine Wendung des Kindes, die zum Beispiel wegen einer vorliegenden Nabelschnur oder Querlage nötig geworden war – die Gültsteiner Dorfhebammen machten ihre Sache also durchaus gut.
Hebamme war nur Nebentätigkeit
Wie sah die Hebammenausbildung im 19. Jahrhundert überhaupt aus? Im Gegensatz zu den Städten, in denen verstärkt ab dem 16. Jahrhundert ein geregelter Hebammenunterricht einsetzte, wurde das Hebammenwesen auf dem Land bis zum Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund der schlechten Bezahlung und der Tatsache, dass die Tätigkeit als so etwas wie Nachbarschaftshilfe galt und die Dorfhebamme von den verheirateten Frauen gewählt wurde, eher als Nebentätigkeit angesehen. Oft führte die Hebamme auf dem Dorf auch noch den Haushalt der Wöchnerin und kümmerte sich intensiv um Säugling und Mutter.
Erst im 18. Jahrhundert versuchten die Landesherren, eine Hebammenausbildung verbindlich einzuführen. So enthält die erste württembergische Medizinalordnung „Des Herzogtums Wirtemberg wiederholt erneuerte Apotheken-Ordnung und Tax“ von 1720 auch Vorschriften für den Hebammenberuf. Eine schulmäßige Ausbildung gab es erstmals zwischen 1787 und 1793 auf der Hohen Karlsschule. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die Führung von Hebammentagebüchern festgelegt. Verschiedene Hebammenschulen, in Stuttgart angegliedert an das Katharinenhospital und in Tübingen angeschlossen an die dortige Klinik, wurden eröffnet.
Landeshebammenschule eingerichtet
1837 setzte in Württemberg der staatlich geregelte Hebammenunterricht ein. Die Prüfungen wurden nach einem dreimonatigen Kurs in Stuttgart oder Tübingen von einem Mitglied des Medizinalkollegiums bzw. der medizinischen Fakultät abgenommen. Seit 1847 fand die Ausbildung mit vier jährlichen Kursen nur noch in Stuttgart statt, 1863 wurde per Statut die Landeshebammenschule in Stuttgart errichtet. Voraussetzung für eine Aufnahme war das Bestehen einer Vorprüfung. Nach der Ausbildung sollten alle drei Jahre Repetitionskurse besucht werden, bei denen auch die mitgebrachten Tagebücher, Gerätschaften etc. überprüft wurden.
Auch die beiden Gültsteiner Hebammen Mayer und Kapp dürften demnach an der Stuttgarter Hebammenschule ausgebildet worden sein, was aber bisher nicht belegbar ist. Ihre offensichtliche Kompetenz zeigt sich an der großen Anzahl schwieriger Geburten und der Tatsache, dass es ihnen außer in einem Fall immer gelang, das Leben der Mütter zu retten.