Geschichten aus dem Gedächtnis der Stadt

Das Stadtarchiv als historisches Gedächtnis der Stadt hat es sich zur Aufgabe gemacht, in regelmäßigen Abständen interessante Unterlagen aus seinen Beständen vorzustellen und dabei spannende Geschichten aus der Geschichte der Stadt zu erzählen.

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Neues aus dem Stadtarchiv

Vielseitige Maltechniken, Themen und Materialien


Als „Maler des Gäus“ wurde Karl Kühnle gerne bezeichnet, aber der gebürtige Kuppinger war mehr. Sein umfangreiches Werk zeichnet sich durch große Vielseitigkeit an Maltechniken, an Sujets und an Materialien aus. Vor 40 Jahren, am 15. Oktober 1981, starb Karl Kühnle im Atelier seines Hauses in Kuppingen im Alter von 81 Jahren.

Karl Kühnle war ein ausgebildeter Künstler, der sich Zeit seines Lebens weiterentwickelte und Neues ausprobierte. Dies war natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass er mit seiner Kunst eine sechsköpfige Familie ernähren musste. Als Motive seiner Gemälde wählte er das Gäu, den Schwarzwald und den Bodensee, aber auch die Alpen, Italien und Südfrankreich. Er stellte unter anderem in Biarritz und Paris aus. Konstanten in seinem Leben waren sein Lebensmittelpunkt in Kuppingen und sein tiefer Glaube.

Kindheit und Ausbildung
Karl Ludwig Kühnle kam am 8. Juli 1900 als Sohn des Kuppinger Lehrers Karl Samuel Kühnle und seiner Ehefrau Lydia zur Welt. Bereits als Kind malte und zeichnete Karl viel. Die Schule war ungeliebte Pflicht, wenngleich er ein guter Schüler war. Einen tiefen Einschnitt in das Leben Kühnles bedeutete der Tod seiner Mutter 1913, auf deren Wunsch er sich auf die Aufnahme in eine der Klosterschulen vorbereitete, um Pfarrer zu werden. Einen Besuch im Atelier der Maler Wilhelm Hasemann und Curt Liebich in Gutach kommentierte er 1936: „Dort wurde mir die Gewißheit: Du wirst Maler. Für den Pfarrberuf war ich verloren.“ Zunächst nahm Karl Kühnle im Wintersemester 1919/20 ein Theologiestudium in Tübingen auf, das er jedoch bereits im zweiten Semester wieder aufgab, um eine Schreinerlehre zu beginnen und dann endlich 1921 mit Genehmigung des Vaters das ersehnte Kunststudium in München aufzunehmen. An dieses schloss sich ein für ihn prägender Aufenthalt in der Gutacher Künstlerkolonie bei Curt Liebich und Erich Rein an. Im August 1926 unternahm er mit seinem Freund Frieder Unz – ganz im Stile der Grand Tour von Künstlern und Adel in der Frühen Neuzeit – eine Italienreise mit Stationen etwa in Ravenna, Palermo und natürlich Rom. Ende 1927 kam er nach Kuppingen zurück.

Zurück in Kuppingen
Er versuchte nun, sich durch die Annahme verschiedenster Aufträge als Maler zu etablieren und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So vertrieb er beispielsweise Postkarten und illustrierte Gedichte. Mitunter schrieb Kühnle auch die entsprechenden Texte zu seinen Bildern, so zum Beispiel in seinem 1932 erschienen Buch „Der schönen Gärten Zier. Bilder aus schwäbischen Pfarrgärten“, das auf dem Umschlag den Blick vom Herrenberger Dekanatsgarten zur Stiftskirche zeigt. Auch die Karl-Kühnle-Kalender und der Karl-Kühnle-Geburtstagskalender entstanden in dieser Zeit, die für ihn persönlich im Zeichen der Familiengründung stand: Im Jahr 1929 heiratete er Klara Strebel, 1933 kam die älteste Tochter Christa, 1936 der Sohn Adalbert und 1941 Irmintraut zur Welt. 1947 machte Tochter Monika die Familie komplett. Anregungen für seine Arbeiten als Landschaftsmaler holte sich Karl Kühnle auf seinen Reisen. Dass dies finanziell möglich war, zeigt, dass Karl Kühnle es geschafft hatte, sich als Maler so zu etablieren, dass er seine wachsende Familie ernähren konnte. Er hatte sich einen Kundenstamm geschaffen und sich durch verschiedene Standbeine wie den Postkartenverlag oder den Verkauf von Drucken und Abbildungen in Zeitungen so geschickt aufgestellt, dass er auch über den lokalen Radius hinaus bekannt wurde.

Einschnitt durch den Zweiten Weltkrieg
Diese finanziell und familiär gesicherte Situation fand durch den Krieg ein Ende. Als er auf abenteuerliche Art und Weise mit dem Fahrrad nach Kuppingen zurückkehren konnte, wiesen Haus und Atelier Einschusslöcher auf, ein Teil seiner Fotoausrüstung war beschlagnahmt und ein Teil seiner Malutensilien war verbrannt. Nach Kriegsende verkaufte er zunächst seine Bilder nicht gegen Geld, sondern oft gegen Naturalien wie Brot, Eier oder Speck. Zu seinen Kunden gehörte damals auch der Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett, der ihn in Kuppingen besuchte. Ansonsten gingen in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Gemäldeverkäufe spürbar zurück, weshalb er sich in neuen Malweisen bis hin zur abstrakten Malerei versuchte. Zudem erschloss er sich neben dem Postkartenverkauf durch Lichtbildvorträge der eigenen Bilder eine kleine Geldquelle. In die Schaffensperiode zwischen 1961 und 1966 ist auch der rund 100 Gemälde umfassende Zyklus „Die SS und die Juden“ zu verorten, für den er – leider erfolglos – eine museale Ausstellungsmöglichkeit zu erlangen suchte. In diesen kraftvollen und expressiven Bildern setzte sich Kühnle mit Fragen individueller und kollektiver Schuld, vor allem aber mit der Frage der Vernichtung der europäischen Juden auseinander.

Herrenberger Ausstellung als Wendepunkt
Auf dem Höhepunkt der finanziellen Not bot ihm der Herrenberger Bürgermeister Heinz Schroth im Jahr 1965 die Möglichkeit, seine Werke in einer großen Einzelausstellung in der Herrenberger Stadthalle zu präsentieren. Sie stellt einen Wendepunkt dar und wurde mit 4000 Besuchern und dem Verkauf fast aller 200 gezeigten Bilder ein großer Erfolg. Dabei bot sie einen Querschnitt seines damaligen Schaffens und zeigte neben Landschaftsbildern abstrakte Bilder, aber auch die in dieser Zeit beliebten und stark nachgefragten Blumenbilder, zudem satirische oder zeitkritische Zeichnungen und eine Auswahl seiner Tierfabeln. Da Karl Kühnle keine Rente erhielt, war er im Alter darauf angewiesen, weiterhin zu malen und seine Bilder im engeren lokalen Rahmen, aber auch 1970 in Biarritz und Paris auszustellen. Auch in diesen Jahren kam Karl Kühnle auf ungewöhnliche Ideen wie Aquarell-Collagen mit Briefmarken oder auch Edelsteinkompositionen wie die, die er 1972 bei einer Ausstellung in einer Freiburger Galerie zeigte. Weitere Ausstellungen in Herrenberg 1977 und im Februar 1978 in Tarare folgten.

Werk "Ährengarben" von Karl Kühnle

Dieses Bild mit den Garben, die ihren Segen von oben erhalten, wurde auch als Postkarte gedruckt und gehört zu den beim Publikum beliebtesten Motiven von Karl Kühnle.

Auszeichnungen
Am 29. April 1978 erhielt Karl Kühnle die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg, am 9. November 1980 verlieh ihm die Stadt Herrenberg „in Anerkennung und in Würdigung seines künstlerischen Schaffens als Maler des Gäus“ die Bürgermedaille in Gold und ehrte ihn mit einer letzten großen Ausstellung zu seinem 80. Geburtstag, bei der schon etwa eine Stunde nach Beginn alle zum Verkauf bestimmten Bilder verkauft waren.
Vor 40 Jahren, am 15. Oktober 1981, starb Karl Kühnle im Atelier seines Hauses in Kuppingen im Alter von 81 Jahren. Sein letztes unvollendetes Bild steht heute noch auf der Staffelei in seinem Atelier. In seinem Geburtsort Kuppingen sind ein Platz (Karl-Kühnle-Platz), ein Saal des evangelischen Gemeindezentrums und die örtliche Grundschule (Karl-Kühnle-Grundschule) nach ihm benannt.

Werk und geplante Ausstellung
Karl Ludwig Kühnle dürfte zirka 5000 bis 7000 Werke, Öl- und Acrylbilder, Aquarelle, Zeichnungen und Radierungen geschaffen haben, von denen einige, teilweise auch als Depositum, in den Beständen des Herrenberger Stadtarchivs zu finden sind, unter anderem auch die meisten der Bilder des Zyklus „Die SS und die Juden“. Zudem schenkten die vier Kinder Karl Kühnles der Stadt Herrenberg im Jahr 2017 sieben Gemälde ihres Vaters. In Zusammenarbeit mit der Vereinsgemeinschaft Kuppingen und der Volkshochschule Herrenberg erarbeitet das Stadtarchiv mit der unschätzbaren Unterstützung der Kinder Karl Kühnles gerade eine Ausstellung zu Leben und Werk des Künstlers, die eigentlich 2020 hätte stattfinden sollen, deren Eröffnung in der Gemeindehalle in Kuppingen nun aber für Mai 2022 geplant ist.

Porträtfoto vom Künstler Karl Kühnle

Karl Kühnle als Zuhörer und Beobachter.
Foto: Monika Kühnle

Spuren des Engagements sind heute noch sichtbar


„Durch das langjährige Wirken in verschiedenen Führungspositionen des VfL Herrenberg, sowie im Hallenbadförderverein und überregionalen Sportgremien hat sich Herr Haug nicht nur um den VfL Herrenberg, sondern auch im besonderen Maße um die Stadt Herrenberg und ihrer Bürger verdient gemacht.“ Mit dieser Begründung wurde Karl Haug im Mai 1990 – anlässlich der Niederlegung seines Amts als erster Vorsitzender des VfL Herrenberg – die Bürgermedaille in Silber der Stadt Herrenberg durch den Herrenberger Gemeinderat verliehen. Mehr als vier Jahrzehnte lang gestaltete und prägte der 1921 geborene Herrenberger vor allem das sportliche Vereinsleben der Stadt. Am 5. Oktober 2021 wäre Karl Haug 100 Jahre alt geworden.

Nach seinem Eintritt in den VfL Herrenberg im Jahre 1947 wurde Karl Haug 1960 zunächst Leiter der Abteilung Ski, welche er bis 1975 leitete. Ab 1970 war er in der Vorstandsebene des Vereins aktiv: Von 1970 bis 1976 zunächst als zweiter Vorsitzender, schließlich von 1976 bis 1990 als Nachfolger von Heinz Schroth als erster Vorsitzender. Bereits während seiner Amtszeit in der Abteilung Ski war Haug für Mitgliederzuwachs in der Abteilung, die Gründung einer Skischule und die Einführung von zahlreichen neuen Veranstaltungen verantwortlich. Als Vorsitzender sorgte er für entscheidende Modernisierungen und Weiterentwicklungen des Vereins, die zu zahlreichen Neueintritten führten.

Neue Angebote, VfL-Center, Hallenbad-Förderverein
Die Spuren seiner Vorstandstätigkeit sind dabei bis heute noch sichtbar. Um den sich verändernden Bedürfnissen von Sporttreibenden gerecht zu werden, gründete er neue Abteilungen, führte neue Sportangebote ein und sorgte für die fachliche Weiterentwicklung der Übungsleiterinnen und Übungsleiter. 1977 brachte Haug den ersten „VfL-Spiegel“ heraus. 1993 erfolgte der Bau des VfL-Centers, welches Haug initiiert hatte und dessen Bauausschuss er leitete. Auch die Entstehung des Herrenberger Hallenbads ist unmittelbar mit Haug verbunden. So war er bei der Gründung des Hallenbad-Fördervereins 1973 beteiligt und trieb Spenden für diesen über die Ausrichtung von Sommerfesten ein. Die Beendigung seiner Vorstandstätigkeit im Jahr 1990 beim VfL bedeutete allerdings nicht das Ende seines Engagements: So war er weiterhin als Übungsleiter beim VfL-Seniorensport aktiv. Darüber hinaus war er von 1990 bis 2001 als Referent für Seniorensport und Vertreter im Kreis-Seniorenrat im Landkreis Böblingen tätig. Bereits 1989 hatte er die Arbeitsgemeinschaft Herrenberger Sportvereine gegründet, deren Vorsitzender er bis 1996 war.

Sportpolitische Aktivitäten
Als langjähriger Delegierter beim Württembergischen Landessportbund und beim Landessportverband Baden-Württemberg sowie als Vertreter des Ski-Fachverbands im Sportkreis Böblingen war Haug auch auf sportpolitischer Ebene aktiv. Die Übernahme von zahlreichen Ämtern war dabei keineswegs von ihm geplant gewesen, wie Haug in einem Interview mit dem Gäubote bekannte: „Ich habe mich grundsätzlich nie für ein Amt angeboten, ich wurde immer gebeten.“

Karl Haug 1994

Das Foto zeigt Karl Haug (in der Mitte, helle Jacke) im Jahr 1994 bei der Besichtigung der Baustelle des von ihm initiierten VfL-Centers. Quelle: Archiv des VfL Herrenberg

Auszeichnungen
Für sein langjähriges Engagement wurde er dabei nicht nur von der Stadt Herrenberg und dem VfL Herrenberg ausgezeichnet. Neben zahlreichen Auszeichnungen und Ehrenmitgliedschaften des schwäbischen Skiverbandes, des Sportkreises Böblingen und des Württembergischen Landessportbundes, erhielt Haug 1985 die Ehrennadel in Silber des Landes Baden-Württemberg. Ende April 2012 verlieh Ministerpräsident Winfried Kretschmann Haug die Staufermedaille für sein langjähriges Engagement für das Land Baden-Württemberg.

Weitere Engagements und Berufsleben
Neben dem Sport war Haug aktiver Sänger beim Liederkranz, Mitglied im Musikverein Stadtkappelle Herrenberg und engagierte sich in der Städtepartnerschaft zwischen Herrenberg und Tarare. Beruflich war der gelernte Flugzeugbauer und Mechanikermeister bei verschiedenen regionalen Fahrzeug- und Maschinenbaufirmen tätig. Haug verstarb am 28. September 2014 im Alter von 92 Jahren.

Herrenberger Stadtarchiv
Haben Sie Fragen an das Stadtarchiv oder möchten Sie alte Unterlagen, Briefe, Fotos oder Tagebücher oder Ähnliches abgeben? Dann wenden Sie sich gerne unter Telefon 07032/954633-0 oder E-Mail archiv@herrenberg.de an das Team des Herrenberger Stadtarchivs, Marienstraße 21.

Stadtarchiv erinnert an die Herrenberger Opfer


Jeweils eine Terrakottafigur des Bildhauers Jochen Meyder ist am 27. Januar, dem Inter-nationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, im Vorraum der Spi-talkirche sowie in der St. Josefskirche aufgestellt. Sie erinnern an die während d
Jeweils eine Terrakottafigur des Bildhauers Jochen Meyder ist am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, im Vorraum der Spitalkirche sowie in der St. Josefskirche aufgestellt. Sie erinnern an die während des Nationalsozialismus in Grafeneck ermordeten Menschen, von denen nachweislich elf aus Herrenberg stammten. Bild: Rosemarie Liebler-Merz.

Seit 2006 wird der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar weltweit begangen. Aus diesem Anlass erinnert das Stadtarchiv in einem stillen Gedenken an die Herrenberger Opfer der sogenannten Euthanasie-Morde des Nationalsozialismus. Aufgrund der Corona-Pandemie ist in diesem Jahr ein öffentliches, gemeinsames Gedenken nicht möglich.
 
Anlässlich des Gedenktages am 27. Januar wurde im letzten Jahr der mindestens 14 Euthanasieopfer von Herrenberg auf Initiative von Rosemarie Liebler-Merz in der Spitalkirche gedacht. Sie hatte zwei der 10.654 Terrakottafiguren des Bildhauers Jochen Meyder nach Herrenberg gebracht. Die Figuren stehen für die während des Nationalsozialismus in Grafeneck ermordeten Menschen, von denen elf nachweislich aus Herrenberg stammten.
 
Jüdische Opfer gab es während des Nationalsozialismus in Herrenberg nicht, da dort keine jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ansässig waren. Allerdings waren hier dennoch Antisemitismus und Rassismus deutlich zu spüren. So wurden bis Frühling 1938 Aktivitäten jüdischer Viehhändler, etwa aus Baisingen, in Herrenberg verboten. In Kuppingen wurde beispielsweise der Aufenthalt von Sinti und Roma, die als Händler oder Handwerker in den Ort kamen, ebenfalls untersagt.

Mindestens 14 Euthanasie-Opfer aus Herrenberg

Für mindestens 14 Herrenbergerinnen und Herrenberger konnte der Historiker Marcel vom Lehn, der den Nationalsozialismus in Herrenberg erforscht hat, die Ermordung in den insgesamt sechs Tötungsanstalten, in denen der „erste Genozid des Nationalsozialismus“ stattfand, belegen. Insgesamt wurden 70.000 Menschen – meist kranke und behinderte Menschen, die als unheilbar galten – ermordet. In gewisser Weise sammelte das Regime hier technische und organisatorische Erfahrungen für die Durchführung des Holocaust.
 
Eine endgültige Zahl der ermordeten Herrenbergerinnen und Herrenberger wird sich aber nicht mehr ermitteln lassen, weil versucht wurde, die Zahlen zu verschleiern und man vor Kriegsende Spuren verwischte und Unterlagen vernichtete. Dennoch war es nicht möglich, die Morde geheim zu halten. „So wissen wir aus Zeitzeugengesprächen, dass im Verlauf des Jahres 1940 die Kinder an den Herrenberger Schulen darüber zu sprechen begannen“, berichtet Stefanie Albus-Kötz, die Leiterin des Stadtarchivs. Auch Kirchenvertreter, wie der Herrenberger Dekan Haug oder der württembergische Landesbischof Wurm, protestierten gegen diese Verbrechen, so dass Grafeneck im Dezember 1940 geschlossen werden musste. Die Morde wurden aber im hessischen Hadamar fortgesetzt.

Töten ging in Heilanstalten weiter

Erst nachdem diese Verbrechen auch durch die dagegen gerichteten Predigten des Münsteraner Bischofs August von Galen über deutschsprachige Sendungen der BBC bekannt wurden, ließ Hitler die Tötungsanstalten im August 1941 schließen. Das Töten ging aber trotzdem weiter, indem man die Menschen nicht mehr zentral vergaste, sondern in ihren jeweiligen Heilanstalten tötete. Dies betraf auch Kinder, die man in den sogenannten Kinderfachabteilungen durch Giftinjektionen, Verhungern und Verwahrlosen qualvoll sterben ließ.

Zweijähriger unter Herrenberger Opfern

Unter den 14 ermordeten Herrenbergerinnen und Herrenbergern ist auch ein zweijähriges Kind, das man seinen Eltern unter dem Vorwand wegnahm, seinen Zustand in einer der Kinderfachabteilungen bessern zu können. „Anderenfalls hätte die Deportierung eines behinderten Kindes sicherlich zu viel Aufsehen und auch Unmut produziert“, sagt Albus-Kötz. „Die Eltern wurden zwar misstrauisch, es gelang ihnen aber nicht, ihren Sohn wieder nach Hause zu nehmen“, so die Historikerin weiter. Das Kind starb dann in der hessischen Kinderfachabteilung Eichberg. Die Familie erhielt weder einen Sarg mit dem Leichnam des Kindes noch eine Urne.

Internationaler Gedenktag

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee befreit. Dort waren etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet worden. Insgesamt kamen in den NS-Konzentrations- und -Vernichtungslagern rund sechs Millionen Menschen ums Leben. Bereits 1996 wurde der 27. Januar durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus eingeführt. 2005 schließlich beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens für alle Opfer des Holocaust zu erklären.

Von Konstantinopel nach Gültstein


Belgrad, Konstantinopel, Tripolis, Aleppo, Yunnan in China – die Lebensstationen von Otto Kapp von Gültstein erscheinen überraschend für einen am 1. August 1853 geborenen Rottenburger Lehrerssohn. Nach einem Leben als Weltbummler zog er sich nach Stuttgart und Gültstein zurück. Begraben wurde er in Gültstein in einem eigens erbauten Familienmausoleum, entlang der Bahnlinie gelegen.
 
Sein Vater Johann Martin Kapp, der in Gültstein geboren wurde, war seit 1847 evangelischer Religionslehrer in Rottenburg und bewohnte mit seiner Frau Regine Magdalena, geborene Lutz, das evangelische Pfarrhaus in Rottenburg am Moritzplatz 2. Dennoch ergriff Otto erstaunlicherweise nicht den auch vom Großvater ausgeübten Lehrerberuf, sondern entschied sich, inspiriert durch einen Freund seines Vaters, der als Eisenbahnbauer unter anderem an der Geislinger Steige mitarbeitete, für ein Studium zum Bauingenieur an der Polytechnischen Schule in Stuttgart.
 
Nachdem er erste Berufserfahrungen bei den Württembergischen Eisenbahnbauämtern Herrenberg und Dornstetten sowie beim Marinebauamt Wilhelmshaven gesammelt hatte, gelang es ihm, eine Stelle im Planungsbüro der Serbischen Bahnen, zunächst allerdings nur als technischer Zeichner zu bekommen. Bereits nach zwei Monaten war er Büroleiter. Aus finanziellen Schwierigkeiten wurde das Büro 1882 geschlossen. Dennoch erhielt er  1884 bei der französischen Baufirma Régie générale des chemins de fer et travaux publics, die für das serbische Eisenbahnnetz verantwortlich zeichnete, eine Stelle als Ingenieur. Weitere wichtige Projekte waren 1887/88 Bauarbeiten am Kanal von Korinth und die Bauausführung von Teilen der Bagdadbahn zwischen 1889 und 1899. Für seine erfolgreiche Arbeit wurde er 1901 von Kaiser Wilhelm II. zum Kaiserlichen Geheimen Baurat ernannt. Weitere Strecken plante Kapp in Syrien, China oder Chile, im Vorderen Orient und am Schwarzen Meer. Dazu kamen – nach politischen Angriffen deutscher Diplomaten beim Bau der Hedjazbahn – Wasserbauprojekte, unter anderem an der Drina im Grenzgebiet zwischen Montenegro und Albanien.
 
1905 erhielt er von König Wilhelm II. einen erblichen Adelstitel, wofür er sich aus Verbundenheit mit der Familie seines Vaters „von Gültstein“ aussuchte. 1907/08 ließ Kapp in Gültstein, das für ihn „zum schönsten Ort der Welt“ geworden war, eine Villa mit Torwarthaus im Stil des Historismus bauen und kaufte auch einen Begräbnisplatz direkt neben der Bahnlinie.
 
1912 starb in Gültstein sein Frau Olga, mit der er seit 1888 verheiratet war. Zwei der vier gemeinsamen Kinder waren ebenso früh verstorben, der jüngste Sohn kam im Mai 1918 in Frankreich ums Leben. Dies waren persönlich schwierige Jahre im Leben Otto Kapps und auch beruflich ging es ihm in dieser Zeit nicht gut, denn durch den Beginn des ersten Weltkriegs verlor er, der 30 Jahre als leitender Ingenieur in der französischen Firma „Régie générale“ tätig gewesen war, als Deutscher und damit Feind seine Arbeitsstelle und auch die Freundschaft von deren Besitzer Graf Vitali. All dies nahm ihn so schwer mit, dass sich sein Gesundheitszustand stark verschlechterte. Zudem musste ihm wohl aufgrund einer Diabeteserkrankung sein Bein amputiert werden. Die ihm verbleibende Zeit bis zu seinem Tod am 19. Oktober 1920 verbrachte er abwechselnd in Stuttgart und in der Sommerfrische in Gültstein, wo er auch in der für sich und seine Familie erbauten neuromanischen Grabkapelle – bezeichnenderweise direkt an der Bahnlinie gelegen – bestattet wurde. Otto Kapp von Gültstein starb im Alter von 67 Jahren.
 
Neben seinen großen Verdiensten um den Eisenbahnbau, engagierte sich Otto Kapp auch stark für Bildungsthemen. So stiftete er der Hochschule Stuttgart, an der er selbst studiert hatte, Geld, um dem Ingenieursnachwuchs Reisen zu ermöglichen. Dafür erhielt Otto Kapp den Ehrentitel eines Doktor-Ingenieurs. Während der Zeit seiner Arbeit in Konstantinopel unterstützte er unter anderem den Bau einer deutschen Schule. Zum Dank für die Förderung wohltätiger Einrichtungen in Gültstein erhielt er am 1. August 1913 die dortige Ehrenbürgerschaft. Und auch in Stuttgart – etwa für die Ludwigsspitalstiftung Charlottenhilfe – war er karitativ tätig. In Gültstein bleibt er unter anderem wegen des Baus seines „Schlössles“ unvergessen. Heute ist die ehemalige Kapp-Villa Teil des Tagungszentrums des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg.  

Abbildung der Ehrenbürgerurkunde für Otto Kapp
Abbildung der Ehrenbürgerurkunde für Otto Kapp von Gültstein aus dem Jahr 1913. In diesem Jahr jährt sich sein Todestag zum 100. Mal.

Vom Herrenberger Lateinschüler zum Maler in Düsseldorf


Am 17. Juni jährte sich der Todestag des Malers Theodor Schüz zum 120. Mal. Schüz verbrachte seine Kindheit und Jugend in Nufringen und ging auf die Herrenberger Lateinschule. Später lebte er in Stuttgart, München und Düsseldorf. Seiner schwäbischen Heimt blieb er zeitlebens verbunden und reiste in den Sommermonaten immer wieder ins Gäu. Heute erinnert die Herrenberger Theodor-Schüz-Realschule an diesen großen Sohn der Stadt.
 
Theodor Schüz wurde 1830 als Sohn des Pfarrers Magister Georg Christoph Schüz in Thumlingen bei Freudenstadt geboren. Die Familie zog bald nach Nufringen. Theodor besuchte in Herrenberg die Lateinschule. Ein Bruder seines Vaters war dort Apotheker. Er schreibt darüber in einem Vortrag für einen Düsseldorfer Freundeskreis zurückblickend: „Es war doch eine schöne Zeit, dieser Herrenberger Schulbesuch! Von Frühjahr bis Herbst wanderten wir von Nufringen morgens früh zur Stadt, den Mittagstisch hatten wir beim Onkel, abends ging’s heim. Im Winter blieben wir die ganze Woche in der Stadt, nur Samstag bis Montag früh zu Haus. … Dann, vor dem Abstieg der Stadt kam man an einer alten Schloßruine vorbei und durch ein altes Tor an der alten schönen gotischen Kirche vorbei, deren Umgebung einen oftbesuchten Spielplatz bot, von dem aus nach beiden Seiten lange, breite Steintreppen hinab auf den Marktplatz führten. Davor ein großer runder Röhrenbrunnen, mit immer fließendem Wasser, auf dem in der Mitte auf einer Säule ein Löwe saß. Wenn ich nicht irre, sperrte er manchmal im Jahre seinen Rachen gegen das Rathaus auf und streckte den Schwanz nach der königlichen Post oder umgekehrt, wenn’s die Herren verdroß“.
 
Berufsausbildung
Nach dem Schulabschluss begann Schüz auf Wunsch des Vaters und entgegen seiner Begabung und Liebe zur Kunst zunächst in Herrenberg und dann in Göppingen bei Gerichtsnotar Judler eine Ausbildung zum Notar, mit der er sich allerdings so sehr quälte, dass der Vater schließlich doch den Berufswechsel in die Kunst erlaubte. So durfte Schüz anfangs an der Universität Tübingen Zeichenkurse bei Professor Heinrich Leibnitz (1811-1889) belegen, bevor er dann im Herbst 1848 sein Studium an der Kunstschule in Stuttgart aufnahm und unter anderem die Klassen von Gottlob Friedrich Steinkopf (1779-1860, Landschaftsmalerei) und Heinrich Franz Gaudenz von Rustige (1810-1900, Porträt und Genremalerei) besuchte.
 
Nächste Stationen
1854, nach dem Tod seiner Mutter, wechselte Schüz nach München, wo er jedoch zunächst - trotz der Anregungen durch Alpenlandschaften als Motiv - in eine ernste Schaffenskrise geriet, die sich erst durch Aufenthalte im Kreis der Familie in Unterlenningen und Nufringen wieder beheben ließen. Im Jahr 1856 kehrte Schüz wieder nach München zurück und wurde dort Schüler des Historienmalers Karl von Piloty in München, zu dessen engstem Kreis er unter anderem mit später so bekannten Malern wie Franz von Lenbach (1836-1904), Hans Markart (1840-1884) oder Franz von Defregger (1835-1921) gehörte. 1858 folgte Theodor Schüz der Einladung Pilotys nach Rom. Dort beschäftigte er sich vor allem mit Porträtstudien.
 
Werke
Sein heute wohl bekanntestes Bild, das in der Staatsgalerie Stuttgart ausgestellte Gemälde „Mittagsruhe in der Ernte“, entstand 1861 ebenfalls in seiner Münchner Zeit.
Bereits 1862 löste sich Schüz allerdings immer mehr von seinem Lehrer von Piloty, indem er beispielsweise aus dessen Atelier auszog. Grund dafür war wohl die eher freie Geisteshaltung von Pilotys, während Schüz wohl auch aufgrund seiner Herkunft aus einer Pfarrersfamilie von einem tiefen evangelischen Glauben erfüllt war. In München gehörte Schüz nach 1860 einer Künstlervereinigung namens „Kassandra“ an, zu der auch Albert Kappis (1836-1914), Anton Braith (1836–1905) und Christian Mali (1832–1906) zu zählen sind.
 
Foto des Gemäldes "Kirchenportal" von Theodor Schüz.
Aus dem Bestand des Herrenberger Stadtarchivs: Auf dem Gemälde „Kirchenportal“ von Theodor Schüz ist ein Seitenportal der  Stiftskirche zu sehen.


Familienleben
1866 kehrte Schüz München jedoch den Rücken und ging nach Düsseldorf, wo er sich neue Impulse für seine Malerei durch Andreas Achenbach, Benjamin Vautier (1829-1898) oder Ludwig Knaus (1829-1910) versprach und optimale Arbeitsbedingungen vorfand. Er blieb auch in Düsseldorf und ließ sich dort mit der Tochter Anna des Tübinger Professors der Philosophie Immanuel Tafel nieder. Der Ehe entstammen die Kinder Friedrich, Elisabeth, Martin und Hans. Dennoch blieb er seinen schwäbischen Wurzeln nicht nur in der Wahl seiner Bildthemen weiterhin verbunden, er reiste auch jährlich zur Sommerzeit dorthin. Während dieser Reisen fertigte er sorgfältige Landschafts- und Figurenskizzen an, die er dann in der Tradition der Düsseldorfer Genremalerei umsetzte. Bei ihm überwiegen ländlich-idyllische Motive, zum Beispiel Szenen am Sonntagmorgen beim Kirchgang oder bei der Arbeit, meist in sehr idealisierter Form. So tragen die dargestellten Bauern eher Sonntagskleidung.
 
Erinnerungen in Herrenberg
Die Genremalerei ist neben der Landschaftsmalerei, der Illustration und der Porträtmalerei eine der Stärken von Theodor Schüz, wie Professor Helge Bathelt in seiner Biographie über den Maler im 1999 erschienen Band der „Herrenberger Persönlichkeiten“ schrieb. Bathelt bezeichnete Schüz als den „Schilderer und „Photograph“ Schwabens“. Theodor Schüz verstarb vor 120 Jahren am 17. Juni 1900 in Düsseldorf.  Zur Erinnerung an Theodor Schüz‘ Schulzeit in Herrenberg wurde die 1975 eingeweihte Realschule im Längenholz nach ihm benannt. Im selben Jahr fand im Verwaltungsgebäude Markplatz 1 auch eine Gemäldeausstellung zu Schüz‘ Ehren statt.
 
Interesse an der Archivarbeit
Haben Sie Fragen an das Stadtarchiv oder möchten Sie alte Unterlagen, Briefe, Fotos oder Tagebücher oder Ähnliches abgeben? Dann wenden Sie sich gerne unter der Telefonnummer 07032/954633-0 oder E-Mail archiv@herrenberg.de an das Team des Herrenberger Stadtarchivs, Marienstraße 21.

Dokumentation der Corona-Krise in Herrenberg


Als Gedächtnis der Stadt hat das Archiv die Aufgabe, die Geschichte von Herrenberg in möglichst vielen Facetten festzuhalten. Auch die derzeitige Corona-Krise wird vom Stadtarchiv dokumentiert. Die Herrenbergerinnen und Herrenberger sind aufgerufen, persönliches Material zur Corona-Krise ans Stadtarchiv zu geben.
 
Das Stadtarchiv Herrenberg dokumentiert als Gedächtnis der Stadt die Geschichte Herrenbergs in möglichst vielen Facetten. “Deshalb bemühen wir uns, zusätzlich zur amtlichen Überlieferung mit ihren Verordnungen, Verfügungen und Beschlüssen die persönliche Lebenswirklichkeit der Herrenbergerinnen und Herrenberger abzubilden und übernehmen aussagekräftige Unterlagen von Privatpersonen, Vereinen und Gruppierungen”, erklärt Herrenbergs Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz dazu. “Durch die Corona-Pandemie hat sich unser Alltagsleben so stark und einschneidend geändert wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr”, so Albus-Kötz weiter. Die Auswirkungen dieser Veränderungen möchte das Stadtarchiv Herrenberg umfassend für die Nachwelt festhalten. Denn eines ist sicher: Irgendwann wird ein Historiker oder eine Historikerin über Pandemien und ihre Folgen im 21. Jahrhundert forschen.
 
Entsprechend dem gesetzlichen Auftrag übernimmt das Stadtarchiv die im Rahmen der Krisenbewältigung amtlich entstandenen Unterlagen, so zum Beispiel die Protokolle des Corona-Krisenstabs der Stadtverwaltung Herrenberg. Darüber hinaus möchte das Stadtarchiv die veränderte konkrete Lebenswelt der Einwohnerinnen und Einwohner von Herrenberg festhalten. Das Stadtarchiv bittet deshalb um Mithilfe: “Bewahren Sie für diese besondere Zeit typische oder aussagekräftige Unterlagen auf und bieten Sie sie dem Stadtarchiv per Post oder E-Mail zur Archivierung an”, lädt Albus-Kötz ein. Als Beispiele nennt sie Aushänge über die Schließung von Geschäften, Schulen oder Kindertageseinrichtungen, Flyer über die Umstellung der Restaurants und Geschäfte auf Abhol- und Lieferservice, Aufforderungen zur Einhaltung der Hygieneregeln, aber auch persönliche Aufzeichnungen wie Tagebucheinträge und Notizen, Aufsätze und Essays, Gedichte oder Zeichnungen, Fotos oder Videos, die Menschen vor Ort im Zusammenhang mit der Corona-Krise angefertigt haben oder noch anfertigen werden. “Natürlich können wir nicht alles aufbewahren, aber eine Auswahl besonderer oder typischer Stücke würden wir gerne übernehmen, um nachfolgenden Generationen einen Eindruck der momentanen Lebenssituation in Herrenberg zu vermitteln”, so Albus-Kötz.
 
Persönlich erstellte Dokumente sollten unbedingt mit Namen und Datum versehen sein und eine Kurzbeschreibung und Notizen zum Entstehungshintergrund enthalten. Beigefügt werden sollte auch die Erlaubnis zur Aufbewahrung und Nutzung, mit der Angabe, in welcher Form die eingereichten Dokumente/Bilder genutzt und gegebenenfalls veröffentlicht werden dürfen – etwa: anonym, mit Namensnennung oder nur Nennung des Vornamens. Das Stadtarchiv weist darauf hin, dass es dabei ganz wichtig ist, dass die Urheberrechte anderer respektiert werden und nur Material angeboten wird, zu welchem Urheberrechte vorhanden sind.
 
Bei Fragen steht das Stadtarchiv gerne zur Verfügung. Die Mitarbeiterinnen freuen sich auf verschiedene Beiträge von Herrenbergerinnen und Herrenberger und bedanken sich im Voraus für diese Mithilfe: Telefon 07032 9546330, E-Mail archiv@herrenberg.de.

Quellen zum Nationalsozialismus unter die Lupe genommen


20 Schülerinnen und Schüler des Schickhardt-Gymnasiums haben in der vergangenen Woche Archivluft geschnuppert: Bei einem Workshop mit dem Historiker Dr. Marcel vom Lehn haben sie einen digitalen Stadtrundgang zur Geschichte Herrenbergs im Nationalsozialismus entwickelt.
 
Während des fünftägigen Workshops haben sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 und der Jahrgangsstufe 1 des Schickhardt-Gymnasiums intensiv mit der lokalen NS-Geschichte der Stadt auseinandergesetzt. Ziel des Projekts war es, Texte und Audiodateien für einen digitalen Stadtrundgang zu entwickeln. Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden: „Die Schülerinnen und Schüler konnten nicht nur viel für sich selbst mitnehmen; das Tolle ist, dass den Online-Stadtrundgang künftig auch andere Schulklassen und Interessierte nutzen können, die sich über die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt informieren möchten.“ Der Stadtrundgang wird aus zehn Stationen – vor allem in der Herrenberger Innenstadt - bestehen. Themen sind unter anderem die Rolle der Kirche und der Schule im Nationalsozialismus, die Jugendorganisationen, der Holocaust oder der Zweite Weltkrieg.

Mit Originalquellen gearbeitet

Dass das Projekt bei den Schülerinnen und Schülern gut ankam, können die beiden Lehrkräfte, die das Projekt betreut haben, bestätigen: „Mit welchem Engagement die Schülerinnen und Schüler dabei waren, hat uns sehr gefreut“, sagen Jan Lenz und Anja Epple. „Für die Schülerinnen und Schüler war es faszinierend, die Originalquellen und -materialien in Händen zu halten“, berichten sie. Außerdem haben die Jugendlichen mit Fachliteratur gearbeitet, die der Historiker Dr. Marcel vom Lehn zusammengestellt hat.
 
In den kommenden Wochen werden die Texte und selbst produzierten Audiodateien in die städtische Homepage eingearbeitet, sodass der Online-Stadtrundgang direkt über www.herrenberg.de aufgerufen werden kann.

Gemeinderat stellte Geld bereit

Mit dem im November 2017 erschienen Buch „Herrenberg im Nationalsozialismus. Stadt und Gesellschaft (1933-1945)“ von Dr. Marcel vom Lehn wurde auch die Basis für eine weiterführende Beschäftigung der Herrenberger Schulen mit diesem Zeitabschnitt der lokalen Geschichte geschaffen. Letztes Jahr stellte der Gemeinderat noch einmal 5.000 Euro bereit, mit denen nun das Schülerprojekt finanziert werden konnte.

Mehr erfahren: www.herrenberg.de/nationalsozialimus


Vom Krämer zum Handelsmann


Neues aus dem Archiv:
Zum 400. Geburtstag von Hans Jakob Khönle


Der Geburtstag von Hans Jakob Khönle jährt sich am 25. März 2018 zum 400. Mal. Als Initiator der Handelsfamilie Khönle versorgte er Mitte des 17. Jahrhunderts Herrenberg und Umgebung mit Eisenwaren und Produkten aus Übersee. Die Erfolge dieser Persönlichkeit aus Herrenberg sind Thema dieses Beitrags aus dem Stadtarchiv.
 
Hans Jakob Khönle kam am 25. März 1618 drittes Kind des Schreiners und Obermüllers Michael Khönle in Hildrizhausen zur Welt. Er war der Stammvater der Handelsfamilie Khönle, die im 17. und 18. Jahrhundert Herrenberg und das Gäu mit überseeischen Produkten belieferte.
 
Epitaph Hans Jakob Khönle

Startbedingungen

Nach Herrenberg kam Hans Jakob Khönle 1651 durch seine Heirat mit der Bäckerstochter Rosina Ruthardt. Auskunft über die Heirat sowie das Vermögen, das beide in die Ehe mitbrachten, gibt die vom 5. Oktober 1651 stammende sogenannte Beibringensinventur, die im Stadtarchiv Herrenberg verwahrt wird. Die Mitgift von Rosina umfasste nur bescheidene 77 Gulden. Sie bestand nicht etwa aus Bargeld oder Immobilienbesitz, sondern lediglich aus Kleidern, Leinwand, Bettzeug, Möbeln wie Tisch und Bettlade sowie Nutztieren, nämlich je einer Kuh, einem Schwein, einem Bienenstock und zwei Hühnern. Damit war sie nicht gerade eine gute Partie. Hans Jakob dagegen hatte sein Vermögen in Höhe von 1000 Gulden in Eisenwaren angelegt, war er doch Eisenkrämer mit Niederlassungen in Frankfurt und Straßburg. Weiteres Geld oder auch Kleidung über das hinaus, was er am Leib trug, besaß er laut Inventur nicht, hatte aber auch keine Schulden.

Sortiment

Seine Eisenwaren waren offenbar gefragt – in einer Zeit, in der man in Herrenberg nach dem verheerenden Stadtbrand von 1635 und dem Ende des 30-jährigen Krieges mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Bereits im Januar 1652 konnte er sich eine Hofstatt am Marktplatz, wo nur die Herrenberger Führungsschicht wohnte, kaufen; dort erbaute er sein erstes Haus. Die angrenzende Hofstatt zur Schuhgasse hin folgte 1657 und wurde 1663 bebaut, 1664 und 1667 erwarb er eine weitere bisher unbebaute Hofstatt sowie das Haus des ehemaligen Vogts Johann Georg Vischer.
Khönle baute auch sein Warensortiment weiter aus, selbst wenn sein Kerngeschäft immer noch der Eisenhandel blieb. Eine Übersicht der Waren, die er in seinen Niederlassungen in Frankfurt, Straßburg und Herrenberg vertrieb, findet sich in der Realteilung, die anlässlich seines Todes erstellt wurde. Das Sortiment war – wie man es sich bei einem Krämer vorstellt – bunt gemischt und reichte von Messern oder Mistgabeln über Scheren, Hüte, Bänder aus Atlas oder Taft bis hin zu Gewürzen wie Muskat oder Pfeffer, Farben wie Goldpigment oder Rot, gewonnen aus den Cochenille-Läusen, hinzu kamen Knöpfe, Nadeln, Glas, Spiegel oder Flaschen. Bereits der Umfang der zu einem dickeren Band gebundenen Realteilung im Vergleich zu der nur sechs Blatt umfassenden Inventur zeigt, wie sehr sein Vermögen gewachsen war: Er verfügte nach Abzug der Schulden über das stattliche Vermögen von 29.552 Gulden, das unter seiner Witwe Rosina Khönle sowie seinen drei überlebenden Kindern Hans Jakob, 25 Jahre, Anna Ottilia, 20 Jahre, und Anna Rosina, 6 Jahre, aufgeteilt wurde.

Ehrenamtliches Engagement

Ein Blick in die Chronik von Vogt Gottlieb Friedrich Heß zeigt, dass Hans Jakob Khönle parallel zu seinem materiellen Erfolg auch sein Sozialprestige in der Stadt steigern konnte: Von 1660 bis zu seinem Tod 1675 war er Mitglied des Rates. Daran änderte auch die Anklage wegen Zollvergehen im Jahr 1669 nichts, für die er auf herzoglichen Entscheid vom 4. März 1669 einen Gulden Strafe zahlen musste.
 
Hauszeichen KhönleHauszeichen der Familie Khönle

Lebensende

Nach einem erfüllten Leben starb Hans Jakob Khönle am 10. März 1675 im Alter von 57 Jahren. Davon zeugt noch heute sein Epitaph in der Vorhalle der Stiftskirche. Neben seiner Witwe überlebten ihn drei seiner elf Kinder, von denen der älteste, Hans Jakob, die väterlichen Geschäfte übernahm. Er baute das Unternehmen weiter aus und hinterließ bei seinem Tod das erneut vermehrte Vermögen von 70.000 Gulden.

Information des Stadtarchivs

Haben Sie Fragen an das Stadtarchiv? Oder möchten Sie alte Unterlagen (Briefe, Fotos, Tagebücher etc.) zur Geschichte Herrenbergs und seiner Stadtteile abgeben? Dann wenden Sie sich gerne an das Archiv unter Telefon 07032 954633-0 oder E-Mail archiv@herrenberg.de.
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Dank über die meisterhafte Ausführung der Wasserleitung


Baurat Hermann Ehmann wird 1894 Ehrenbürger von Kayh


Eine zentrale Rolle bei der Errichtung der Wasserversorgung in Kayh spielte Baurat Hermann Ehmann. Für seine Verdienste verlieh ihm die damals selbstständige Gemeinde im Jahr 1894 das Ehrenbürgerrecht. Bei Ordnungsarbeiten im Stadtarchiv wurde vor kurzem die Ehrenbürgerurkunde aufgefunden – Anlass, die Persönlichkeit Ehmanns und sein Wirken in Kayh vorzustellen.  

Ein Kurzporträt über Hermann Ehmann mit den wichtigsten Lebensdaten findet sich im Zentralblatt der Bauverwaltung vom 16. Dezember 1905. Er wurde am 10. Juni 1844 in Möckmühl im württembergischen Oberamt Neckarsulm geboren. Von 1861 bis 1866 studierte er Ingenieurwesen an der Polytechnischen Schule in Stuttgart, einem Vorläufer der heutigen Universität. Wenig später trat er in die staatliche Wasserbauverwaltung, ebenfalls in Stuttgart, ein, an deren Spitze sein älterer Verwandter Karl Ehmann stand. Dort brachte er es bis zum Staatstechniker für das öffentliche Wasserversorgungswesen.

Einen Namen machte sich Hermann Ehmann vor allem beim Bau der Wasserversorgung auf der Schwäbischen Alb, im Nordschwarzwald und auf den Fildern nahe Stuttgart. Von „weiteren größeren und kleineren Aufgaben der Wasserversorgung, die v. Ehmann selbst auszuführen hatte oder zu denen sein bewährter Rat eingeholt wurde“, ist in der erwähnten Biografie die Rede. Dazu kann seine Tätigkeit in Kayh gerechnet werden.   

Quelle von Altinger Mühle


Das Dorf am südlichen Hang des Schönbuchs hatte schon immer unter Wassermangel zu leiden gehabt. Die wenigen vorhandenen Quellen waren gipshaltig und kaum ergiebig.  Wiederholt hatte sich die Gemeinde vergeblich um Abhilfe bemüht. Der Kontakt zu Hermann Ehmann kam zustande über den Herrenberger Oberamtmann Theodor Völter. Baurat Ehmann nahm vor Ort eine Bestandsaufnahme vor und fand die Lösung des Problems. In der ‚Beilage zum Gäuboten‘ vom 24. Dezember 1892 heißt es: „Er schlug vor, eine Quelle in nächster Nähe der Altinger Mühle zu fassen und sie [nach Kayh] hinaufzuleiten.“ Zur Umsetzung des Projekts musste allerdings noch eine Quelle bei Tailfingen erworben werden, „da bezweifelt wurde, ob die erste in allen Zeiten die Gemeinde vollständig versorge“.

Wasserversorgung in Kayh


Die Bauarbeiten an der Kayher Wasserversorgung begannen im Mai 1892 und gingen zügig voran. Bereits im November konnte der Betrieb aufgenommen werden, was laut ‚Gäubote‘ „Viele kaum zu hoffen wagten und was vor verhältnismäßig kurzer Zeit selbst Technikern unmöglich schien“. Die Kosten beliefen sich auf rund 48.000 Mark. Der württembergische Staat und das Oberamt Herrenberg steuerten einen bedeutenden Teil bei. Bemerkenswert ist, dass die Summe nur unwesentlich über dem von Baurat Ehmann im Januar 1892 ausgerechneten Betrag in Höhe von 45.900 Mark lag.

Ehrungen für Ehmann


Hermann Ehmann hatte sich „durch die Sicherheit, mit der die versprochenen Leistungen der gebauten Werke zutrafen, und durch die Zuverlässigkeit seiner Kostenvoranschläge, die er stets einhielt, allgemeinstes Vertrauen erworben“, charakterisiert das genannte ‚Zentralblatt der Bauverwaltung‘ seine Arbeitsweise und die Resonanz darauf. Die Gemeinde Kayh zeigte ihm ihren „innigsten Dank über die meisterhafte Ausführung der Wasserleitung“, indem sie ihn am 17. Mai 1894 zum Ehrenbürger ernannte. In den darauffolgenden Jahren wurden ihm weitere Ehrungen zuteil. Unter anderem wurde er zum Oberbaurat befördert und in den Personaladel erhoben. Am 7. Dezember 1905 starb der Wasserbauingenieur im Alter von 61 Jahren an den Folgen eines Herzschlags. Dass er in Kayh nicht vergessen wurde, davon zeugt ein Aufsatz über die Wasserversorgung im Ortsbuch, das 1990 aus Anlass der 800-Jahr-Feier erschien.

Gültsteiner Hebammen machten ihre Sache gut


Eine Hebamme auf dem Land war bis Ende des 18. Jahrhunderts selten hauptberuflich tätig. Die Dorfhebamme wurde von den verheirateten Frauen gewählt und nur schlecht bezahlt. Erst im 18. Jahrhundert versuchten die Landesherren, eine verbindliche Hebammenausbildung einzuführen. Das Stadtarchiv Herrenberg berichtet aus einem Tagebuch der Gültsteiner Hebammen.

Hebammenbuch Umschlag
Umschlag des Hebammenbuchs im Stadtarchiv

Vierzehn Jahre lang wurde das Tagebuch der beiden Gültsteiner Hebammen geführt, vom 1. Juli 1858 bis zum 17. September 1872. Maria Agnes Mayer und Frau Kapp, deren Vorname nicht genannt wird, verzeichneten hier fast 300 Geburten. Das Tagebuch ist in Vorbereitung auf das 1200. Ortsjubiläums von Gültstein, das 2019 gefeiert wird, aufgetaucht. Das Ortsarchiv, das gerade neu erschlossen wird, ist mit 80 Metern Umfang das zweitgrößte Teilortsarchiv Herrenbergs. Das Tagebuch der diensthabenden Gültsteiner Hebammen, Signatur OrtsA Gültstein B 281, ist ein vom Verleger Andreas Braun vorgedrucktes „Tage-Buch der vorgekommenen Geburten“ mit 16 Rubriken; darunter das Alter der Gebärenden, die Zahl der vorherigen Geburten, die Dauer der Geburt oder die Art der Hilfe bei der Entbindung. Am Ende erfolgte durch den jeweiligen Pfarrer die Beurkundung der Übereinstimmung des Hebammenbuchs mit dem Taufregister. Zudem unterschrieb der zuständige Herrenberger Oberamtsarzt oder, wie es damals hieß, „Oberamtsphysikat“ Welsch.

Ältere Mütter keine Seltenheit


Bei insgesamt 298 verzeichneten Geburten starben 19 Kinder bei oder vor der Geburt. Der größte Teil der Mütter war zwischen 20 und 40 Jahren alt, nur drei Frauen waren unter 20 Jahre alt, die jüngste Mutter war 17. Erstaunlich ist die relativ große Anzahl der Mütter über 40 Jahren: immerhin bei 42 der 298 Geburten. Die älteste Gültsteiner Mutter war Martha Bühler: Sie bekam am 15. Mai 1866 mit 48 Jahren ihr zehntes Kind, einen Knaben. Die 47-jährige Friederike Krauß brachte bei ihrer zwölften Geburt in acht Stunden ein lebendes Mädchen zur Welt.

Hebammenbuch Beispielseite
Beispielseite aus dem Hebammenbuch

Wenn die Hebamme es nicht allein schaffte, zog sie noch einen Geburtshelfer, in Gültstein die Herren Grundler oder Klein, hinzu. In einem Fall – zumindest ist es so verzeichnet – kam es zu einer Steißgeburt (bei der das Kind umgekehrt liegt), das Kind war offenbar bereits vor der Geburt verstorben. In vier Fällen mussten Zwillinge entbunden werden, die offenbar auch alle lebend zur Welt kamen und nur in einem Fall nicht allein von der Hebamme, sondern mit Hilfe von Geburtshelfer Grundler geholt wurden. 29 Kinder kamen unreif, also als Frühchen, zur Welt, wovon die meisten auch überlebten. Zu Komplikationen kam es immer wieder, weil sich etwa die Nachgeburt nicht löste, was zu starken Blutungen führte. Am 17. Mai 1868 musste bei der 28-jährigen Maria Johanna Schanz wegen einer Schieflage des kindlichen Kopfes mit der Zange nachgeholfen werden, dennoch überlebten Mutter und Kind.

Dramatische Geburt verläuft tödlich


Eine sehr dramatische Geburt spielte sich am 14. September 1872 ab: Die 30-jährige Heinrike Hahn brachte ihr viertes Kind zur Welt. Nach einer halben Stunde Wehen rief man die Gemeindehebamme Kapp, nach 18 Stunden Geburtshelfer Grundler. Das Kind, ein reifer Knabe, lag falsch, außerdem gab es offensichtlich Probleme mit der Lage der Plazenta, weshalb man versuchte, das Kind „mit künstlicher Hilfe“ auf die Füße zu wenden. Dies scheint aber misslungen zu sein. Eine daraufhin einsetzende starke Blutung führte zu Ohnmacht und großer Schwäche der Mutter, der man mit Zinntinktur und Hoffmannstropfen – fachsprachlich Spiritus aethereus, bestehend aus Ethanol- und Diethylether – entgegenzuwirken suchte. Dennoch verstarb Heinrike Hahn – als einzige Mutter im vorliegenden Aufzeichnungszeitraum – eine halbe Stunde nach der Geburt, und auch ihr Sohn starb offenbar noch im Mutterleib. In vielen Fällen glückte aber auch eine Wendung des Kindes, die zum Beispiel wegen einer vorliegenden Nabelschnur oder Querlage nötig geworden war – die Gültsteiner Dorfhebammen machten ihre Sache also durchaus gut.

Hebamme war nur Nebentätigkeit


Wie sah die Hebammenausbildung im 19. Jahrhundert überhaupt aus? Im Gegensatz zu den Städten, in denen verstärkt ab dem 16. Jahrhundert ein geregelter Hebammenunterricht einsetzte, wurde das Hebammenwesen auf dem Land bis zum Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund der schlechten Bezahlung und der Tatsache, dass die Tätigkeit als so etwas wie Nachbarschaftshilfe galt und die Dorfhebamme von den verheirateten Frauen gewählt wurde, eher als Nebentätigkeit angesehen. Oft führte die Hebamme auf dem Dorf auch noch den Haushalt der Wöchnerin und kümmerte sich intensiv um Säugling und Mutter.

Erst im 18. Jahrhundert versuchten die Landesherren, eine Hebammenausbildung verbindlich einzuführen. So enthält die erste württembergische Medizinalordnung „Des Herzogtums Wirtemberg wiederholt erneuerte Apotheken-Ordnung und Tax“ von 1720 auch Vorschriften für den Hebammenberuf. Eine schulmäßige Ausbildung gab es erstmals zwischen 1787 und 1793 auf der Hohen Karlsschule. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die Führung von Hebammentagebüchern festgelegt. Verschiedene Hebammenschulen, in Stuttgart angegliedert an das Katharinenhospital und in Tübingen angeschlossen an die dortige Klinik, wurden eröffnet.


Landeshebammenschule eingerichtet


1837 setzte in Württemberg der staatlich geregelte Hebammenunterricht ein. Die Prüfungen wurden nach einem dreimonatigen Kurs in Stuttgart oder Tübingen von einem Mitglied des Medizinalkollegiums bzw. der medizinischen Fakultät abgenommen. Seit 1847 fand die Ausbildung mit vier jährlichen Kursen nur noch in Stuttgart statt, 1863 wurde per Statut die Landeshebammenschule in Stuttgart errichtet. Voraussetzung für eine Aufnahme war das Bestehen einer Vorprüfung. Nach der Ausbildung sollten alle drei Jahre Repetitionskurse besucht werden, bei denen auch die mitgebrachten Tagebücher, Gerätschaften etc. überprüft wurden.

Auch die beiden Gültsteiner Hebammen Mayer und Kapp dürften demnach an der Stuttgarter Hebammenschule ausgebildet worden sein, was aber bisher nicht belegbar ist. Ihre offensichtliche Kompetenz zeigt sich an der großen Anzahl schwieriger Geburten und der Tatsache, dass es ihnen außer in einem Fall immer gelang, das Leben der Mütter zu retten.