Geschichten aus dem Gedächtnis der Stadt

Das Stadtarchiv als historisches Gedächtnis der Stadt hat es sich zur Aufgabe gemacht, in regelmäßigen Abständen interessante Unterlagen aus seinen Beständen vorzustellen und dabei spannende Geschichten aus der Geschichte der Stadt zu erzählen.

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Neues aus dem Stadtarchiv

Erinnerung an einen sehr produktiven Autor


Neun Jahre lebte Theobald Ziegler in Herrenberg. Er verstarb vor 100 Jahren, am 1. September 1918, auf einer seiner Vortragsreisen während des Ersten Weltkriegs. Das Stadtarchiv erinnert in einem Beitrag an den liberalen Theologen, dessen Leben auch im Herrenberger Stadtarchiv Spuren hinterlassen hat.
 
Geboren wurde Karl Reinhard Ludwig Theobald Ziegler am 9. Februar 1846 in Göppingen als Sohn des Pfarrers Dr. Ludwig Eduard Friedrich Ziegler und Catharine Friederike, geborene Fischer. Er kam nach Herrenberg, als sein Vater 1851 hier Dekan wurde. Hier besuchte er die deutsche und die lateinische Schule. Er verließ Herrenberg jedoch bereits 1860, um sich am Stuttgarter Gymnasium auf das Landexamen vorzubereiten. Dieses stellte die Voraussetzung für die Aufnahme in eines der evangelisch-theologischen Seminare dar, die in Württemberg Anfang des 19. Jahrhunderts aus den Klosterschulen hervorgegangen waren. Von 1864 bis 1868 studierte er in Tübingen zunächst Philosophie und dann Theologie und wohnte währenddessen im Evangelischen Stift. Sein Vater war 1864 als Herrenberger Dekan an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

Nach seiner Repetentenzeit in Tübingen war Theobald Ziegler von 1871 bis 1878 Lehrer an der höheren Stadtschule in Winterthur. In dieser Zeit veröffentlichte er auch erste politische Schriften. Darunter zum Beispiel im Jahr 1877 das Werk „Republik oder Monarchie? Schweiz oder Deutschland?“, in dem er im Geist eines nationalen Liberalismus die Monarchie befürwortete. 1882 wechselte er an das protestantische Gymnasium in Straßburg, wo er gleichzeitig Konrektor war, promovierte 1883, habilitierte sich 1884 und lehrte ab 1886 als ordentlicher Professor für Philosophie und Pädagogik an der Universität Straßburg. 1899/1900 war er sogar Rektor der Universität.

Seinen Ruhestand verbrachte er ab dem Jahr 1911 in Frankfurt am Main, wo er nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges am Wöhler-Gymnasium auf ehrenamtlicher Basis Deutsch, Geschichte und Latein unterrichtete. 1914 bis 1917 leitete er das Pädagogische Seminar des städtischen Realgymnasiums. Er war ein begeisterter Anhänger des Krieges und starb auf einer seiner Vortragsreisen an die Front am 1. September 1918 in einem Feldlazarett in Sierenz im Oberelsass an der Ruhr.

Theobald Ziegler war ein sehr produktiver Autor, der in der Bildung den Schlüssel zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme sah. Zu seinen wichtigsten Werken sind „Die Ethik der Griechen und Römer“ ebenso zu zählen wie „Die Geschichte der christlichen Ethik“ oder sein am weitesten verbreitetes Buch „Die geistigen und sozialen Strömungen im 19. Jahrhundert“.

Theobald Ziegler war nur neun Jahre lang, zwischen seinem 5. und seinem 14. Lebensjahr, in Herrenberg. Dennoch hat sein Leben und auch das seiner Familie im Stadtarchiv Spuren hinterlassen. Zunächst einmal natürlich im Stifts- und Dekanatsarchiv, das als Depositum im Stadtarchiv verwahrt wird. Dort finden sich etwa mehrere Antworten des königlichen evangelischen Konsistoriums, der staatlichen Behörde in Stuttgart, die die Landeskirche leitete, auf Urlaubsgesuche seines Vaters. Das letzte datiert vom 28. Juli 1864, in welchem dem schwer erkrankten Dekan Urlaub auf unbestimmte Zeit bewilligt und die interimistische Besorgung des Dekanatamts durch den Entringer Pfarrer Ensslin festgelegt wurde (SDA Herrenberg, D 68 c3).

Aus einem weiteren Schreiben des Konsistoriums vom 7. Oktober 1864 geht hervor, dass die Witwe des Dekans und ihre Kinder noch ein Vierteljahr lang über die Bezüge des Vaters verfügen konnten. Dass der Dekan im Alter von  58 Jahren, fünf Monaten und 15 Tagen einer Krebserkrankung erlegen war, erfahren wir wiederum aus der Ausgabe des Gäuboten vom Samstag, 12. November 1864. Und wie für fast alle in Herrenberg verstorbenen Bürger lässt sich auch für den Dekan eine allerdings nur zwei Blatt umfassende so genannte Verlassenschaftsakte finden, aus der lediglich hervorgeht, dass die Eventualteilung bis zu einer etwaigen Wiederverheiratung der Witwe verschoben wurde.

Dafür findet sich eine so genannte Beibringensinventur von Theobald Ziegler vom August 1873, obwohl sich dieser zu dieser Zeit bereits als Gymnasiallehrer in Winterthur befand. Demnach brachte der Ehemann ein Vermögen von 1.798 Gulden und drei Kreuzern, seine Ehefrau Minna Ziegler, geborene von Binder, 2.297 Gulden und sechs Kreuzer mit in die Ehe. 450 Gulden des Zubringens Theobalds bestanden dabei aus Büchern, die leider nicht näher aufgelistet sind, während seine Frau Bücher in einem Wert von nur 12 Gulden mit in die Ehe brachte. Das Inventar wurde von Zieglers Schwiegervater, dem württembergischen Gymnasialprofessor und Landtagsabgeordneten Dr. Gustav von Binder, und seiner Ehefrau Sidonie unterschrieben und nach Winterthur übersandt.

„Diese Spurensuche macht deutlich, dass auch für nur kurz in Herrenberg ansässige Personen durchaus einige Information im Stadtarchiv zu Tage kommen können“, berichtet Stadtarchivarin Dr. Stefanie Albus-Kötz.
Möchten Sie Unterlagen, Briefe, Tagebücher, Fotos oder ähnliches abgeben? Oder haben Sie Fragen an das Stadtarchiv? Dann melden Sie sich gerne unter archiv@herrenberg.de oder 07032-954633-0 bei uns!

Vom Krämer zum Handelsmann


Neues aus dem Archiv:
Zum 400. Geburtstag von Hans Jakob Khönle


Der Geburtstag von Hans Jakob Khönle jährt sich am 25. März 2018 zum 400. Mal. Als Initiator der Handelsfamilie Khönle versorgte er Mitte des 17. Jahrhunderts Herrenberg und Umgebung mit Eisenwaren und Produkten aus Übersee. Die Erfolge dieser Persönlichkeit aus Herrenberg sind Thema dieses Beitrags aus dem Stadtarchiv.
 
Hans Jakob Khönle kam am 25. März 1618 drittes Kind des Schreiners und Obermüllers Michael Khönle in Hildrizhausen zur Welt. Er war der Stammvater der Handelsfamilie Khönle, die im 17. und 18. Jahrhundert Herrenberg und das Gäu mit überseeischen Produkten belieferte.
 
Epitaph Hans Jakob Khönle

Startbedingungen

Nach Herrenberg kam Hans Jakob Khönle 1651 durch seine Heirat mit der Bäckerstochter Rosina Ruthardt. Auskunft über die Heirat sowie das Vermögen, das beide in die Ehe mitbrachten, gibt die vom 5. Oktober 1651 stammende sogenannte Beibringensinventur, die im Stadtarchiv Herrenberg verwahrt wird. Die Mitgift von Rosina umfasste nur bescheidene 77 Gulden. Sie bestand nicht etwa aus Bargeld oder Immobilienbesitz, sondern lediglich aus Kleidern, Leinwand, Bettzeug, Möbeln wie Tisch und Bettlade sowie Nutztieren, nämlich je einer Kuh, einem Schwein, einem Bienenstock und zwei Hühnern. Damit war sie nicht gerade eine gute Partie. Hans Jakob dagegen hatte sein Vermögen in Höhe von 1000 Gulden in Eisenwaren angelegt, war er doch Eisenkrämer mit Niederlassungen in Frankfurt und Straßburg. Weiteres Geld oder auch Kleidung über das hinaus, was er am Leib trug, besaß er laut Inventur nicht, hatte aber auch keine Schulden.

Sortiment

Seine Eisenwaren waren offenbar gefragt – in einer Zeit, in der man in Herrenberg nach dem verheerenden Stadtbrand von 1635 und dem Ende des 30-jährigen Krieges mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Bereits im Januar 1652 konnte er sich eine Hofstatt am Marktplatz, wo nur die Herrenberger Führungsschicht wohnte, kaufen; dort erbaute er sein erstes Haus. Die angrenzende Hofstatt zur Schuhgasse hin folgte 1657 und wurde 1663 bebaut, 1664 und 1667 erwarb er eine weitere bisher unbebaute Hofstatt sowie das Haus des ehemaligen Vogts Johann Georg Vischer.
Khönle baute auch sein Warensortiment weiter aus, selbst wenn sein Kerngeschäft immer noch der Eisenhandel blieb. Eine Übersicht der Waren, die er in seinen Niederlassungen in Frankfurt, Straßburg und Herrenberg vertrieb, findet sich in der Realteilung, die anlässlich seines Todes erstellt wurde. Das Sortiment war – wie man es sich bei einem Krämer vorstellt – bunt gemischt und reichte von Messern oder Mistgabeln über Scheren, Hüte, Bänder aus Atlas oder Taft bis hin zu Gewürzen wie Muskat oder Pfeffer, Farben wie Goldpigment oder Rot, gewonnen aus den Cochenille-Läusen, hinzu kamen Knöpfe, Nadeln, Glas, Spiegel oder Flaschen. Bereits der Umfang der zu einem dickeren Band gebundenen Realteilung im Vergleich zu der nur sechs Blatt umfassenden Inventur zeigt, wie sehr sein Vermögen gewachsen war: Er verfügte nach Abzug der Schulden über das stattliche Vermögen von 29.552 Gulden, das unter seiner Witwe Rosina Khönle sowie seinen drei überlebenden Kindern Hans Jakob, 25 Jahre, Anna Ottilia, 20 Jahre, und Anna Rosina, 6 Jahre, aufgeteilt wurde.

Ehrenamtliches Engagement

Ein Blick in die Chronik von Vogt Gottlieb Friedrich Heß zeigt, dass Hans Jakob Khönle parallel zu seinem materiellen Erfolg auch sein Sozialprestige in der Stadt steigern konnte: Von 1660 bis zu seinem Tod 1675 war er Mitglied des Rates. Daran änderte auch die Anklage wegen Zollvergehen im Jahr 1669 nichts, für die er auf herzoglichen Entscheid vom 4. März 1669 einen Gulden Strafe zahlen musste.
 
Hauszeichen KhönleHauszeichen der Familie Khönle

Lebensende

Nach einem erfüllten Leben starb Hans Jakob Khönle am 10. März 1675 im Alter von 57 Jahren. Davon zeugt noch heute sein Epitaph in der Vorhalle der Stiftskirche. Neben seiner Witwe überlebten ihn drei seiner elf Kinder, von denen der älteste, Hans Jakob, die väterlichen Geschäfte übernahm. Er baute das Unternehmen weiter aus und hinterließ bei seinem Tod das erneut vermehrte Vermögen von 70.000 Gulden.

Information des Stadtarchivs

Haben Sie Fragen an das Stadtarchiv? Oder möchten Sie alte Unterlagen (Briefe, Fotos, Tagebücher etc.) zur Geschichte Herrenbergs und seiner Stadtteile abgeben? Dann wenden Sie sich gerne an das Archiv unter Telefon 07032 954633-0 oder E-Mail archiv@herrenberg.de.
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Dank über die meisterhafte Ausführung der Wasserleitung


Baurat Hermann Ehmann wird 1894 Ehrenbürger von Kayh


Eine zentrale Rolle bei der Errichtung der Wasserversorgung in Kayh spielte Baurat Hermann Ehmann. Für seine Verdienste verlieh ihm die damals selbstständige Gemeinde im Jahr 1894 das Ehrenbürgerrecht. Bei Ordnungsarbeiten im Stadtarchiv wurde vor kurzem die Ehrenbürgerurkunde aufgefunden – Anlass, die Persönlichkeit Ehmanns und sein Wirken in Kayh vorzustellen.  

Ein Kurzporträt über Hermann Ehmann mit den wichtigsten Lebensdaten findet sich im Zentralblatt der Bauverwaltung vom 16. Dezember 1905. Er wurde am 10. Juni 1844 in Möckmühl im württembergischen Oberamt Neckarsulm geboren. Von 1861 bis 1866 studierte er Ingenieurwesen an der Polytechnischen Schule in Stuttgart, einem Vorläufer der heutigen Universität. Wenig später trat er in die staatliche Wasserbauverwaltung, ebenfalls in Stuttgart, ein, an deren Spitze sein älterer Verwandter Karl Ehmann stand. Dort brachte er es bis zum Staatstechniker für das öffentliche Wasserversorgungswesen.

Einen Namen machte sich Hermann Ehmann vor allem beim Bau der Wasserversorgung auf der Schwäbischen Alb, im Nordschwarzwald und auf den Fildern nahe Stuttgart. Von „weiteren größeren und kleineren Aufgaben der Wasserversorgung, die v. Ehmann selbst auszuführen hatte oder zu denen sein bewährter Rat eingeholt wurde“, ist in der erwähnten Biografie die Rede. Dazu kann seine Tätigkeit in Kayh gerechnet werden.   

Quelle von Altinger Mühle


Das Dorf am südlichen Hang des Schönbuchs hatte schon immer unter Wassermangel zu leiden gehabt. Die wenigen vorhandenen Quellen waren gipshaltig und kaum ergiebig.  Wiederholt hatte sich die Gemeinde vergeblich um Abhilfe bemüht. Der Kontakt zu Hermann Ehmann kam zustande über den Herrenberger Oberamtmann Theodor Völter. Baurat Ehmann nahm vor Ort eine Bestandsaufnahme vor und fand die Lösung des Problems. In der ‚Beilage zum Gäuboten‘ vom 24. Dezember 1892 heißt es: „Er schlug vor, eine Quelle in nächster Nähe der Altinger Mühle zu fassen und sie [nach Kayh] hinaufzuleiten.“ Zur Umsetzung des Projekts musste allerdings noch eine Quelle bei Tailfingen erworben werden, „da bezweifelt wurde, ob die erste in allen Zeiten die Gemeinde vollständig versorge“.

Wasserversorgung in Kayh


Die Bauarbeiten an der Kayher Wasserversorgung begannen im Mai 1892 und gingen zügig voran. Bereits im November konnte der Betrieb aufgenommen werden, was laut ‚Gäubote‘ „Viele kaum zu hoffen wagten und was vor verhältnismäßig kurzer Zeit selbst Technikern unmöglich schien“. Die Kosten beliefen sich auf rund 48.000 Mark. Der württembergische Staat und das Oberamt Herrenberg steuerten einen bedeutenden Teil bei. Bemerkenswert ist, dass die Summe nur unwesentlich über dem von Baurat Ehmann im Januar 1892 ausgerechneten Betrag in Höhe von 45.900 Mark lag.

Ehrungen für Ehmann


Hermann Ehmann hatte sich „durch die Sicherheit, mit der die versprochenen Leistungen der gebauten Werke zutrafen, und durch die Zuverlässigkeit seiner Kostenvoranschläge, die er stets einhielt, allgemeinstes Vertrauen erworben“, charakterisiert das genannte ‚Zentralblatt der Bauverwaltung‘ seine Arbeitsweise und die Resonanz darauf. Die Gemeinde Kayh zeigte ihm ihren „innigsten Dank über die meisterhafte Ausführung der Wasserleitung“, indem sie ihn am 17. Mai 1894 zum Ehrenbürger ernannte. In den darauffolgenden Jahren wurden ihm weitere Ehrungen zuteil. Unter anderem wurde er zum Oberbaurat befördert und in den Personaladel erhoben. Am 7. Dezember 1905 starb der Wasserbauingenieur im Alter von 61 Jahren an den Folgen eines Herzschlags. Dass er in Kayh nicht vergessen wurde, davon zeugt ein Aufsatz über die Wasserversorgung im Ortsbuch, das 1990 aus Anlass der 800-Jahr-Feier erschien.

Gültsteiner Hebammen machten ihre Sache gut


Eine Hebamme auf dem Land war bis Ende des 18. Jahrhunderts selten hauptberuflich tätig. Die Dorfhebamme wurde von den verheirateten Frauen gewählt und nur schlecht bezahlt. Erst im 18. Jahrhundert versuchten die Landesherren, eine verbindliche Hebammenausbildung einzuführen. Das Stadtarchiv Herrenberg berichtet aus einem Tagebuch der Gültsteiner Hebammen.

Hebammenbuch Umschlag
Umschlag des Hebammenbuchs im Stadtarchiv

Vierzehn Jahre lang wurde das Tagebuch der beiden Gültsteiner Hebammen geführt, vom 1. Juli 1858 bis zum 17. September 1872. Maria Agnes Mayer und Frau Kapp, deren Vorname nicht genannt wird, verzeichneten hier fast 300 Geburten. Das Tagebuch ist in Vorbereitung auf das 1200. Ortsjubiläums von Gültstein, das 2019 gefeiert wird, aufgetaucht. Das Ortsarchiv, das gerade neu erschlossen wird, ist mit 80 Metern Umfang das zweitgrößte Teilortsarchiv Herrenbergs. Das Tagebuch der diensthabenden Gültsteiner Hebammen, Signatur OrtsA Gültstein B 281, ist ein vom Verleger Andreas Braun vorgedrucktes „Tage-Buch der vorgekommenen Geburten“ mit 16 Rubriken; darunter das Alter der Gebärenden, die Zahl der vorherigen Geburten, die Dauer der Geburt oder die Art der Hilfe bei der Entbindung. Am Ende erfolgte durch den jeweiligen Pfarrer die Beurkundung der Übereinstimmung des Hebammenbuchs mit dem Taufregister. Zudem unterschrieb der zuständige Herrenberger Oberamtsarzt oder, wie es damals hieß, „Oberamtsphysikat“ Welsch.

Ältere Mütter keine Seltenheit


Bei insgesamt 298 verzeichneten Geburten starben 19 Kinder bei oder vor der Geburt. Der größte Teil der Mütter war zwischen 20 und 40 Jahren alt, nur drei Frauen waren unter 20 Jahre alt, die jüngste Mutter war 17. Erstaunlich ist die relativ große Anzahl der Mütter über 40 Jahren: immerhin bei 42 der 298 Geburten. Die älteste Gültsteiner Mutter war Martha Bühler: Sie bekam am 15. Mai 1866 mit 48 Jahren ihr zehntes Kind, einen Knaben. Die 47-jährige Friederike Krauß brachte bei ihrer zwölften Geburt in acht Stunden ein lebendes Mädchen zur Welt.

Hebammenbuch Beispielseite
Beispielseite aus dem Hebammenbuch

Wenn die Hebamme es nicht allein schaffte, zog sie noch einen Geburtshelfer, in Gültstein die Herren Grundler oder Klein, hinzu. In einem Fall – zumindest ist es so verzeichnet – kam es zu einer Steißgeburt (bei der das Kind umgekehrt liegt), das Kind war offenbar bereits vor der Geburt verstorben. In vier Fällen mussten Zwillinge entbunden werden, die offenbar auch alle lebend zur Welt kamen und nur in einem Fall nicht allein von der Hebamme, sondern mit Hilfe von Geburtshelfer Grundler geholt wurden. 29 Kinder kamen unreif, also als Frühchen, zur Welt, wovon die meisten auch überlebten. Zu Komplikationen kam es immer wieder, weil sich etwa die Nachgeburt nicht löste, was zu starken Blutungen führte. Am 17. Mai 1868 musste bei der 28-jährigen Maria Johanna Schanz wegen einer Schieflage des kindlichen Kopfes mit der Zange nachgeholfen werden, dennoch überlebten Mutter und Kind.

Dramatische Geburt verläuft tödlich


Eine sehr dramatische Geburt spielte sich am 14. September 1872 ab: Die 30-jährige Heinrike Hahn brachte ihr viertes Kind zur Welt. Nach einer halben Stunde Wehen rief man die Gemeindehebamme Kapp, nach 18 Stunden Geburtshelfer Grundler. Das Kind, ein reifer Knabe, lag falsch, außerdem gab es offensichtlich Probleme mit der Lage der Plazenta, weshalb man versuchte, das Kind „mit künstlicher Hilfe“ auf die Füße zu wenden. Dies scheint aber misslungen zu sein. Eine daraufhin einsetzende starke Blutung führte zu Ohnmacht und großer Schwäche der Mutter, der man mit Zinntinktur und Hoffmannstropfen – fachsprachlich Spiritus aethereus, bestehend aus Ethanol- und Diethylether – entgegenzuwirken suchte. Dennoch verstarb Heinrike Hahn – als einzige Mutter im vorliegenden Aufzeichnungszeitraum – eine halbe Stunde nach der Geburt, und auch ihr Sohn starb offenbar noch im Mutterleib. In vielen Fällen glückte aber auch eine Wendung des Kindes, die zum Beispiel wegen einer vorliegenden Nabelschnur oder Querlage nötig geworden war – die Gültsteiner Dorfhebammen machten ihre Sache also durchaus gut.

Hebamme war nur Nebentätigkeit


Wie sah die Hebammenausbildung im 19. Jahrhundert überhaupt aus? Im Gegensatz zu den Städten, in denen verstärkt ab dem 16. Jahrhundert ein geregelter Hebammenunterricht einsetzte, wurde das Hebammenwesen auf dem Land bis zum Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund der schlechten Bezahlung und der Tatsache, dass die Tätigkeit als so etwas wie Nachbarschaftshilfe galt und die Dorfhebamme von den verheirateten Frauen gewählt wurde, eher als Nebentätigkeit angesehen. Oft führte die Hebamme auf dem Dorf auch noch den Haushalt der Wöchnerin und kümmerte sich intensiv um Säugling und Mutter.

Erst im 18. Jahrhundert versuchten die Landesherren, eine Hebammenausbildung verbindlich einzuführen. So enthält die erste württembergische Medizinalordnung „Des Herzogtums Wirtemberg wiederholt erneuerte Apotheken-Ordnung und Tax“ von 1720 auch Vorschriften für den Hebammenberuf. Eine schulmäßige Ausbildung gab es erstmals zwischen 1787 und 1793 auf der Hohen Karlsschule. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die Führung von Hebammentagebüchern festgelegt. Verschiedene Hebammenschulen, in Stuttgart angegliedert an das Katharinenhospital und in Tübingen angeschlossen an die dortige Klinik, wurden eröffnet.


Landeshebammenschule eingerichtet


1837 setzte in Württemberg der staatlich geregelte Hebammenunterricht ein. Die Prüfungen wurden nach einem dreimonatigen Kurs in Stuttgart oder Tübingen von einem Mitglied des Medizinalkollegiums bzw. der medizinischen Fakultät abgenommen. Seit 1847 fand die Ausbildung mit vier jährlichen Kursen nur noch in Stuttgart statt, 1863 wurde per Statut die Landeshebammenschule in Stuttgart errichtet. Voraussetzung für eine Aufnahme war das Bestehen einer Vorprüfung. Nach der Ausbildung sollten alle drei Jahre Repetitionskurse besucht werden, bei denen auch die mitgebrachten Tagebücher, Gerätschaften etc. überprüft wurden.

Auch die beiden Gültsteiner Hebammen Mayer und Kapp dürften demnach an der Stuttgarter Hebammenschule ausgebildet worden sein, was aber bisher nicht belegbar ist. Ihre offensichtliche Kompetenz zeigt sich an der großen Anzahl schwieriger Geburten und der Tatsache, dass es ihnen außer in einem Fall immer gelang, das Leben der Mütter zu retten.