Internationale Schreibwerkstatt

Die Interkulturelle Schreibwerkstatt ist ein Angebot der städtischen Integrationsarbeit in Kooperation mit der freiberuflichen Journalistin und Sprachdozentin aus Herrenberg Ingrid Kahlig, E-Mail ingrid.kahlig@web.de.

Worum geht's?

In der interkulturellen Schreibwerkstatt darf ausprobiert und experimentiert werden: Von Erlebnissen über Kurzgeschichten und Gedichte bis zu Übersetzungen aus der Muttersprache können die Teilnehmenden alles zu Papier bringen. Es geht vor allem darum, schöpferisch und spielerisch mit Sprache umzugehen. Um die Kopf-Hand-Verbindung optimal zu nutzen, wird von Hand geschrieben.

Bis Sommer 2021 findet der Kurs einmal im Monat statt. Abschließend werden die Beiträge der Teilnehmenden in einem Leseheft gewürdigt.


Herbstimpressionen aus der Interkulturellen Schreibwerkstatt

Herbst - die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten – so lautet ein bekanntes Gedicht über den Herbst von Rainer Maria Rilke. Auch die Teilnehmerinnen der Interkulturellen Schreibwerkstatt Herrenberg haben sich bei ihren ersten beiden Treffen durch diese bunte Jahreszeit inspirieren lassen.
 
Interkulturelle Schreibwerkstatt: Bäume beim Rathaus
Bäume beim Rathaus

Konkret haben sie sich mit folgender Frage literarisch auseinandergesetzt: Wie nehme ich einen Baum wahr, wenn ich ihm gegenübersitze und lausche, was er mir zu sagen hat? Und so sind – vor den Ahornbäumen rund um das Rathaus – sechs ganz unterschiedliche Texte entstanden, darunter die Texte von Elena Lenz, die aus Rumänien stammt, und Zehra Budak-Bednarik, die ihre Wurzeln in der Türkei hat.

Text von Elena Lenz

Die Sonne streichelt sanft meine Zweige. Was einst eine prachtvolle Krone war, sind jetzt einzelne, zitternde Blätter im leicht wehenden Wind. Manche Blätter sind schon ausgetrocknet und hängen verzweifelt an den Zweigen, andere sind gold gebrannt, liegen schon auf dem Boden und trauern der gemeinsamen Zeit als „Familie“ nach. So ist es im Leben - man sollte loslassen. Loslassen, um etwas Neues beginnen zu können. Jedes Jahr ein neuer Beginn - frisch, vertrauensvoll und mutig. Und jetzt - mitten im Herbst - scheint die Sonne noch. Diese Kraft, die alles zum Leben erweckt und alles umwandelt - in Leben und ja, sogar in den Tod. Ich sterbe und erwache wieder zum Leben mit jedem neuen Jahr. Die Leute nehmen mich nicht immer wahr - was bin ich denn? Eine Eiche oder doch ein Ahorn?
 
Was macht das schon für einen Unterschied? Ich helfe den Menschen zu atmen, ich bin ihr Sauerstoff. Ein Vogelnest hängt noch allein auf meinen Zweigen. Da war mal viel Leben drin-Vogelgezwitscher, Küken, die gespannt auf das Futter ihrer Mutter gewartet haben. Küken, die zum ersten Mal gelernt haben, was es heißt, zu fliegen. Die Flügel ausbreiten und los in die weite Welt. Und wieder loslassen! So ist es im Leben- ein Fallen und Aufstehen. Ein Ende und ein Anfang. Und alles fließt. Das Einzige, was im Leben Beständigkeit hat, ist die Veränderung.

Interkulturelle Schreibwerkstatt: Skript von Elena Lenz
Skript von Elena Lenz


Text von Zehra Budak-Bednarik

Ich genieße die letzten November Sonnentage,
locke die Menschen auf den sonst so vollen und trubeligen Marktplatz
neben mir Platz zu nehmen.
 
Schenke Abwechslung, Trost und Hoffnung,
den wenigen, die sich hierher verirrt haben.
 
Höre den Brunnen plätschern und zarte Kinderstimmen.
Und der leichte Wind lässt sacht meine noch wenigen
Blätter tanzen.

Der häufig unterschätzte zweite Blick
von Santina Intemperante

Zwei Bäume – auf den ersten Blick die gleichen. Ahornbäume? Ich habe absolut keine botanischen Kenntnisse. Auf den zweiten Blick aber sind es ganz individuelle Bäume.

Ich befinde mich gerade im Kurs „Interkulturelle Schreibwerkstatt“ geleitet von einer inspirierenden Frau namens Ingrid. Die Aufgabe ist es, einen Baum zu beschreiben. Eine Wahrnehmungsübung. Ich platziere mich an diesem sonnigen Novembertag vor dem Rathaus, denn direkt davor habe ich zwei Bäume entdeckt. Ich sitze auf einem dieser Klappstühle „Nimm Platz“. An dieser Stelle sei mal erwähnt: eine grandiose Idee des Stadtmarketings.

Der linke Baum wirkt auf mich irgendwie fragiler - auf den ersten Blick. Die meisten Blätter sind bereits gefallen. Die linke Seite fast gänzlich nackt. Bei einem Menschen sagt man, dass die linke Seite für die rationale Seite steht. Die rechte Seite des Baumes hingegen beherbergt noch Blätter. Der Baum erscheint mir auf den zweiten Blick also doch gefestigter! Er scheint tief verwurzelt mit der Erde zu sein. Mein Blick schweift nach unten zur Erde und ich sehe ein farbenfrohes Ensemble von braun-gelben Blättern inmitten einer zart-grün blühenden Pflanze. Es scheint, als könnte der kalte November dieser zarten Pflanze und dem Stamm nichts anhaben. Sie wirken tief verwurzelt. Auf den zweiten Blick erscheint der linke Baum also doch nicht so fragil wie auf den ersten Blick. Mich beschleicht das Gefühl, dass dieser Baum seinen Kopf frei machen wollte, unnötigen Ballast abgeworfen hat und sich ganz seiner rechten Seite – der Herzensseite gewidmet hätte.

Irgendwie scheint mir das der weibliche Baum zu sein. Schon zu Beginn, denn ihr Stamm wirkt viel zierlicher als der Baum neben ihr. Kurzerhand beschloss ich, diesen Baum „Felicitas“ zu nennen. Denn sie wirkte glücklich - auf den zweiten Blick.

Mein Blick schweift nach rechts. Männlich! Eindeutig! Auf den ersten Blick habe ich diesen Baum als stärker und kraftvoller als Felicitas wahrgenommen. Die linke Seite war noch stark mit Blättern besetzt, während die rechte - beim Menschen die kreative/emotionale Seite, nur noch vereinzelt Blätter trägt.
Dieser Baum neigt sich nach links - zu Felicitas. So als könne er nicht anders, als von ihrem kreativen Herzensnektar zu kosten. Und es sieht so aus, als würde Felicitas ihn bewusst an ihren Astspitzen schnuppern und kosten lassen.

Ein passender Name fällt mir zunächst nicht zu diesem Baum ein. „Thomas“ schwirrte mir dann immer wieder im Kopf umher. Also beschloss ich, den Baum „Thomas“ zu taufen.

Auf den zweiten Blick erst fällt mir die Verbundenheit zwischen den Bäumen auf. Ich nehme wahr, wie Felicitas Thomas stärkt. Es sieht so aus, als würde sie Thomas ihre ganze emotionale Seite schenken. Auf den ersten Blick wirkt der Baum Thomas stark und kraftvoll und dominanter auf mich. Auf den zweiten Blick nahm ich ihn aber irgendwie verletzlicher wahr. Nicht so verwurzelt mit der Erde. Kein Blättermeer vor seinen Füßen, keine wachsenden, Blumen direkt neben ihm. Auf den zweiten Blick wurde mir bewusst, wie der erste Blick täuschen kann, denn mein Fazit lautete: Thomas ist doch schwächer und braucht die Kraft von Felicitas. Gedanklich übertrug ich diese Erkenntnis auf die Menschen! Das vermeintlich starke und schwache Geschlecht.

Zuhause angekommen recherchierte ich nach der Bedeutung des Namens Thomas. Ich stieß darauf, dass Thomas „Zwilling“ bedeutet. Alle, die selbst Zwillingsgeschwister sind oder jemals über die Verbundenheit von Zwillingen gelesen oder es erlebt haben, können diese Verbundenheit, diese Magie der Anziehung nachempfinden. Für mich stand fest: Die Bäume sind wie Zwillinge verbunden.

Dies alles war mir erst auf den zweiten - vertieften - Blick aufgefallen. Als ich mich ganz bewusst auf die Wahrnehmungsübung „Baum“ eingelassen hatte.

Und ja, falls Sie festgestellt haben, dass auch der Oberbürgermeister der Stadt Herrenberg Thomas mit Vornamen heißt, so kann ich Ihnen versichern, dass es absoluter Zufall ist. Denn erst auf den „zweiten „Blick“ ist auch mir das aufgefallen.

Zufall? Immerhin steht dieser Baum direkt vor seiner Wirkungsstätte - vor seiner Residenz. Vielleicht wirkt seine Aura so stark, dass ich nicht anders konnte als den männlichen Baum Thomas zu nennen.


Inspiration im Lockdown-Light

Eine neue Realität stellt sich ein in Zeiten der Pandemie. Die Bedeutung von Dingen ändert sich oder erfährt eine neue Wertschätzung. So auch für die Teilnehmerinnen der Interkulturellen Schreibwerkstatt. Die Lektüre einer Kolumne aus dem Süddeutsche Zeitung Magazin mit dem Titel „Die Thermoskanne“, in der es um Lifestyle in Corona-Zeiten geht, hat die Teilnehmerinnen inspiriert, etwas Ähnliches zu schreiben.

Santina Intemperante hat sich den Einwegbecher ausgesucht, um sich an der meinungsbildenden Textsorte des Kommentars zu probieren. Die „Italo-Schwäbin“, wie sie sich selbst bezeichnet, hat ihren Text nach einem Aufenthalt auf dem Marktplatz verfasst, wo sie sich in die Wahrnehmung eines Baumes vertieft hatte.


Der Einwegbecher
von Santina Intemperante

Der zweite Lock-Down! Jetzt ist er da. Auch wenn jetzt das Light davorsteht, fühlt es sich ein wenig so an wie im März. Aber nur ein wenig, denn wir wissen heute mehr über das Virus. Haben die AHA-Regeln verinnerlicht, der Mund-Nasen-Schutz ist wie eine zweite Haut - zum ständigen Begleiter mutiert. Heute wissen wir alle - das Virus ist gefährlich. Es bedroht Menschen, aber auch Unternehmen. Da gibt es nichts zu beschönigen.

Aber eins muss man auch mal sagen: Dieses Virus nervt – und zwar kolossal. Es bringt den Alltag aus dem Takt, es schränkt ein, zuweilen lähmt es und macht wütend. „Wann endlich ist Corona vorbei?“ fragt mich meine 6-jährige Tochter.

„Irgendwann,“ antworte ich ihr. „Irgendwann wird alles wieder normal sein“.

Aber wann ist irgendwann, wann ist alles wieder normal Mama? Ich will, dass jetzt wieder alles normal ist, sagt sie weiter.

Und damit rüttelt sie meine Welt gerade. Mir wird klar, wie recht sie doch hat. Es geht nicht um irgendwann, sondern es geht um das Hier und Jetzt, um das Leben mit dem Virus in der Gegenwart. Eben darum, das Beste daraus zu machen und so normal wie möglich mit dem Virus zu leben.

Und so gibt es neben den so wichtigen Dingen wie dem Kampf, das Virus endlich wieder zurückzudrängen auch kleine wichtige Dinge, mit denen man versuchen kann, die Zeit bis zur Rückkehr der Normalität oder wie es jetzt immer wieder zu lesen ist, die „neue Normalität“ zu überbrücken. Also zwingt uns die neue Normalität vielleicht etwas Neues zu probieren. Was also bleibt zu tun, in der Freizeit? Auch ich habe ein neues Hobby oder vielmehr ein altes Hobby wieder zum Leben erweckt, dank Corona – das Schreiben.

Es ist Anfang November, ein schöner sonniger Samstag am späten Vormittag. Normalerweise ist unser kleines Städtchen Herrenberg an solchen Tagen gut besucht. Vor allem, wenn man in den Cafés einen Sonnenplatz ergattert hat, fühlt sich Herrenberg so lebendig an. Voller Leben! Für viele ist das samstägliche Treffen mit Freunden nach dem Einkaufen zu einem festen Ritual geworden. Normalerweise!

Aber an diesem Samstag ist alles anders. Der Markplatz wirkt wie leergefegt. Vereinzelt nehme ich Stimmen wahr. Im Gegensatz zu sonst wirkt es wie ein Ensemble, dass nur mit einem Drittel seiner Besetzung spielt und das trotz wunderschönem Herbstwetter. Ich liebe den Herbst. Er hat zwei Gesichter: Auf der einen Seite die wunderschönen bunten Blätter, das auf den Straßen und Gehwegen raschelnde Laub, dazwischen die ersten Kastanien, Walnüsse und kleinen Haselnüsse, die Geräusche, die die Blätter von sich geben, wenn man auf sie tritt, die wärmende Herbstsonne, die kalte frische Herbstluft – diesen ganz besonderen Herbstduft.

Ja, der Herbst hat seine fantastischen Seiten – doch er hat auch eine grausame Seite, ein hässliches Gesicht. Seine nebligen, grauen, dunklen, kalten und regnerischen Seiten. Und dieses Gesicht steht uns die nächsten Tage noch öfter bevor. Tage, die uns antriebslos, müde, schwermütig und kraftlos erscheinen lassen, die mit voller Wucht aufs Gemüt schlagen. Tage, die uns in den Herbst-Blues katapultieren. Man weiß nie ganz genau, wann dieser schreckliche Zeitpunkt einsetzt. Und bum zack, auf einmal ist er da. Fast unberechenbar. Und als ob es nicht genug Gründe zum Trübsal blasen gäbe, kommt in diesem Herbst noch Corona und der Lock-Down-Light hinzu. Alles in einem also die Gegner der guten Laune.

Diese trüben Gedanken künftiger grauer Schleier-Tage schiebe ich aufgrund des sonnigen Tages schnell beiseite und widme mich der Sonnenseite des heutigen warmen Novembertages.

Ich sitze mit meinem Schreibblock auf einem meiner Lieblingsklappstühle „Nimm Platz“ am Marktplatz, eingemummelt in meinen dicken schwarzen Mantel und meinen ockerfarbenen kuschligen Schaal.

Also hole ich tief Luft, entspanne mich und schaue mich zunächst etwas um. Mein Blick fällt auf den Marktplatz, auf die vereinzelten Menschen, die meist zu zweit mit einem Coffee-to-go Pappbecher – die meisten ohne den Deckel aus Plastik – ganz coronakonform in Gespräche vertieft sind. Stehend, sitzend auf den Bänken oder sogar auf dem Boden. Auch ich hatte mir zuvor einen Coffee-to-go gegönnt in diesem Einwegbecher – natürlich ohne Deckel aus Plastik! Noch vor Corona hatte ich bewusst auf Einwegbecher verzichtet. Das Comeback der Mehrweg-Artikel scheint nun zum Stocken gekommen zu sein.

Irgendwann bemerke ich den interessierten Blick eines Mannes, der immer näher auf mich zukommt und – so unauffällig wie es eben geht – auf meinen Schreibblock linst. Er geht fälschlicherweise davon aus, dass ich zeichnen würde. Er wirkt förmlich überrascht, als ich ihm sage, dass ich schreibe und mich gerade von meiner Umgebung inspirieren lasse und das, was ich beobachte und wahrnehme, auf Papier bringe. Sichtlich irritiert nippt er zunächst an seinem Coffee-to-go. Mit Wahrnehmung und Schreiben kann er unverkennbar nichts anfangen. Lächelnd fragt er mich, ob ich nun ihn und seinen Freund auch wahrgenommen hätte und in meinem Roman erscheinen ließe. Im gleichen Atemzug erzählt er, dass er normalerweise samstags immer mit seinem Freund in seinem Stamm-Café am Marktplatz sitze und Kaffee aus Porzellan-Tassen trinke. Und ihm jetzt nichts anders übrig bliebe als stehend seinen Kaffee aus einem Pappbecher zu trinken, um wenigsten ein wenig am lieb gewonnenem Ritual festzuhalten. Die Kombination aus Corona-Frust und Herbst-Blues war ihm sichtlich anzusehen. Ich frage den Mann, ob er – wenn er wie üblich in seinem Stamm-Café sitzen würde – mich wahrgenommen, angesprochen und ein Gespräch über das Schreiben und das Wahrnehmen geführt hätte? Er überlegt kurz, nippt an seinem Coffee-to-go und antwortete „eher nicht“. Ohne dass es ihm bewusst war, befand er sich mitten in einer „Wahrnehmungsübung“ er hatte unbewusst etwas Neues in der Corona-Zeit ausprobiert. Säße er wie üblich in seinem Stamm-Café, hätte er sich wie immer in seinem Ritual verloren – normalerweise. An diesem Tag war es anders. Eine andere neue Normalität.

Mit einem Lächeln verabschiedet er sich von mir und ruft mir noch zu, ich solle doch ihn und seinen Freund in meinem Roman berücksichtigen, nimmt einen weiteren Schluck aus seinem Einwegbecher und gesellt sich wieder zu seinem Freund.