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Amnesty-Fachtagung: Ausgeschnüffelt!


Amnesty-Fachtagung: Menschenrechte und digitale SelbstverteidigungDie Herrenberger Ortsgruppe von Amnesty International lud interessierte Bürger*innen dazu ins Hotel Ramada.
Aufgrund einer kurzfristigen Erkrankung konnte Tobias Meigel, Erster Bürgermeister der Stadt Herrenberg, die Veranstaltung nicht wie geplant persönlich eröffnen. Er ließ die Amnesty-Mitglieder aber wissen, dass sich die Stadt sehr über die Durchführung des Fachtags freut: "Der Vortrag und die praktischen Anleitungen für Sicherungssysteme auf den selbstgenutzten Laptops oder Smartphones können ein Impuls sein, sich intensiver mit dem Schutz der eigenen Daten zu befassen und sich dafür einzusetzen, dass ein Gesetzgebungsprozess stattfindet, in dem nach einheitlichen Standards für notwendige und gezielte Überwachung gesucht wird." (...)

Nicht zwingend ist der Kommunikationsinhalt für Menschenrechtsverletzungen erforderlich. "Wir töten auf Basis von Metadaten", hatte Michael Hayden, der ehemalige Direktor der NSA, verlautbart und damit die Tötung mutmaßlicher Terroristen in Pakistan, im Jemen und in Somalia mittels Drohneneinsätzen gemeint. "Per Handy werden diese lokalisiert", berichtete Sebastian Schweda. "Ob das Handy aber tatsächlich in der Hand eines Terroristen ist, weiß man nicht." Von den Menschenrechten sei dieses Vorgehen "sicherlich nicht gedeckt". In China wiederum wurde der Journalist Shi Tao für die Weiterleitung einer E-Mail acht Jahre lang inhaftiert. Das Internetunternehmen Yahoo hatte dessen Identität gelüftet. (...)

Allein die Tatsache, dass Daten gesammelt werden, erzeuge "Chilling Effects", also einen abschreckenden Effekt, und führe laut einer Umfrage unter US-Schriftstellern auch zu Selbstzensur: "Die Überwachung nimmt ein Stück der Freiheit. Man setzt sich eine Schere in den Kopf."

Anlasslose Massenüberwachung wie durch die NSA-Programme sei nie menschenrechtskonform und immer unverhältnismäßig, sagte Schweda. Artikel 17 des UN-Zivilpakts etwa fordert Staaten zur Zurückhaltung auf: "Niemand darf willkürlichen oder rechtswidrigen Eingriffen in sein Privatleben und seinen Schriftverkehr ausgesetzt werden", heißt es in Absatz 1. Interpretiert werde diese Regelung so, dass sie auch E-Mails und Telefongespräche umfasst, führte Schweda aus. Nur bei einem hinreichenden Tatverdacht bestehe die Möglichkeit, einen solchen Eingriff menschenrechtskonform durchzuführen. (...)

Im zweiten Teil der Veranstaltung machte Hanno 'Rince' Wagner, Vorstandsmitglied des Chaos Computer Clubs Stuttgart, die Teilnehmer des Fachtags dann mit der Kryptographie vertraut. Diese diene zum einen der Vertraulichkeit der Kommunikation (nur der gewünschte Gesprächspartner soll die Inhalte der Kommunikation kennen), der Integrität (also der Sicherstellung, dass die Nachricht nicht verändert wurde), der Verbindlichkeit (der Urheber soll nicht abstreiten können, dass er der Urheber der Nachricht ist) und der Authentizität (der Urheber der Nachricht soll identifizierbar sein).(...)

Kurz erklärte er auch das sogenannte Web of Trust. Hierbei kann man die öffentlichen Schlüssel anderer Menschen unterschreiben und so zeigen, dass man diesen vertraut. Beispielsweise treffen sich Interessierte zu Key-Signing-Parties, zeigen sich ihre Schlüssel und bestätigen sich dann gegenseitig, dass ihre Schlüssel tatsächlich zur jeweiligen Person gehören. (...)

Im praktischen Teil der Veranstaltung leitete der Referent die Teilnehmer*innen des Fachtags bei der Installation des Verschlüsselungsprogramms Enigmail auf den mitgebrachten Laptops an. Denn: "Eine E-Mail ist wie eine Postkarte. Jeder kann sie lesen und auch ändern." Nach der Installation des Programms traten die Teilnehmer mit edward-de@fsf.org in Kontakt und konnten so die Funktionsweise des Programms testen. Der Versuch war geglückt.

Am Ende des Tages zeigten sich die Teilnehmenden von der Veranstaltung sehr angetan. Sie waren viele Fragen losgeworden und nahmen jede Menge neues Wissen und Anregungen mit nach Hause, das sie auch im Alltag anwenden können. 

Authorin: Nadine Dürr