Projektepool

Angekommen oder immer noch auf der Flucht?


                               Eine interessante und spannende Podiumsdiskussion fand am 5. Oktober 2016 in der Herrenberger Stadtbibliothek statt. „Angekommen oder immer noch auf der Flucht? Kompetenzen erkennen – Flüchtlinge fördern“ war das Thema der gemeinsamen Veranstaltung des Arbeitskreises Fokus Afrika und der Stadtbibliothek, gefördert durch den Herrenberger Projektepool.

Kaum ein Thema wurde in den vergangenen Monaten so intensiv und kontrovers diskutiert wie das Thema Flucht und Zuwanderung. Konsens herrschte in der Öffentlichkeit darüber, dass zum einen Fluchtursachen bekämpft werden sollen und zum anderen die Flüchtlinge, die hier bleiben, gut integriert werden müssen. Doch welche Beweggründe bringen Menschen dazu, ihr Heimatland zu verlassen und nach Deutschland zu kommen? Welche  Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten gibt es für Flüchtlinge mit afrikanischer Herkunft? Welche Kompetenzen bringen sie mit und inwiefern sind sie ein Gewinn für unser Land? Was müssen Flüchtlinge auf der einen und die deutsche Gesellschaft auf der anderen Seite dazu beitragen, dass die Integration gelingt?

Vera Nkenye Ayemle, Geschäftsführerin von Sompon Social Service e.V. und selbst aus Kamerun stammend, moderierte die Diskussion über Herausforderungen und Chancen der Zuwanderung. Auf dem Podium saßen mit Agnes Kimathi- Fröhlich, Cathy Nzimbu Mpanu Mpanu–Plato, Bobacar Marone und Marianne Rainer Expertinnen und Experten, die das Thema „Angekommen oder immer noch auf der Flucht?“ aus eigener Erfahrung beleuchten konnten.

Bobacar Marone stammt aus Gambia und ist 2012 als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Er macht zur Zeit eine Ausbildung als Metzger und hat davor die Schule besucht, um Deutsch zu lernen. Ihn belastet, dass er nicht weiß, wie lange er in Deutschland bleiben kann, obwohl er – wie er meint, doch alles richtig gemacht hat, um sich zu integrieren.

Flüchtlinge ins Ehrenamt einbeziehen, sie bei der Betreuung von älteren Menschen oder Kindern einsetzen, das sei ein guter Weg zur Integration, meint die Musikerin, Theologin und Migrationsberaterin Agnes Kimathi-Fröhlich. Beide Seiten müssten sich darauf einlassen und könnten dann davon profitieren. Auch Cathy Nzimbu Mpanu Mpanu-Plato, die vor über zwei Jahrzehnten aus dem Kongo nach Deutschland geflohen ist, betont, wie wichtig es ist, sich an Traditionen und Gepflogenheiten des Gastlandes anzupassen. Sie zitiert ein Sprichwort aus ihrer afrikanischen Heimat, in dem es heißt: „Wenn du in ein Dorf kommst, in dem die Menschen auf einem Bein tanzen, dann tanze du auch auf einem Bein.“

Marianne Rainer vom Herrenberger Verein „Flüchtlinge und wir e.V.“ berichtete von ihren Begegnungen und Erfahrungen mit Asylsuchenden in Herrenberg. Sie macht die Erfahrung, dass sich Asylsuchende erst einmal eingewöhnen müssen, dann aber sehr offen für neue Begegnungen sind. Ein Hindernis für die Integration sieht sie darin, dass Menschen oft lange nicht wissen, ob sie längerfristig bleiben dürfen. Unter dieser Duldung fühlen sich viele doch „noch immer auf der Flucht“. Doch auch denen, die vielleicht nicht bleiben können, gibt sie den Rat, auf jeden Fall die deutsche Sprache zu lernen. Selbst wenn sie zurück in ihr Herkunftsland abgeschoben werden, haben sie eine Kompetenz erworben, die sie dort einsetzen können.

Die Veranstaltung konnte sicher nicht alle Fragen zur Integration klären. Der lebendige Austausch zwischen Afrikanerinnen und Afrikanern, ehrenamtlich Engagierten und dem Herrenberger Publikum lieferte viele Einblicke und Denkanstöße, die zum besseren Verständnis der Situation von Flüchtlingen beitragen.