Projektepool

Inklusive Lesung schafft Begegnungen


Lesung zum Thema Inklusion in der StadtbibliothekAm Dienstag, den 07.11.2017 konnte die Stadtbibliothek Herrenberg die Autorin Denise Linke zu einer Autorinnenlesung begrüßen. Zusammen mit dem Herrenberger Arbeitskreis „Teilhabe bringt Chancen“ und der Volkshochschule Herrenberg wurde diese Lesung zum Thema „Inklusion“ organisiert. Bereits zum vierten Mal wurde eine Autorin / ein Autor mit Behinderung in die Stadtbibliothek eingeladen, um ihre Biografie und auch sich selbst und ihren Alltag vorzustellen. Besonders erfreulich war die Tatsache, dass sich das Interesse von Lesung zu Lesung gesteigert hat und die Veranstaltung mit Frau Linke ausverkauft war. Ebenso wurde bei jeder Lesung der Fokus auf eine andere Form der Behinderung gelegt.
Im Rahmen der Autorinnenlesung wurden zudem zwei Gebärdendolmetscherinnen engagiert, um die Lesung auch für Gäste mit Hörbehinderung zugänglich zu machen. Diese Gebärdendolmetscherinnen wurden mit Hilfe des Herrenberger Projekte-Pools finanziert.

Denise Linke präsentierte ihre Biografie „Nicht Normal, aber das richtig gut“, in der sie ihren Alltag mit Autismus und ADHS schildert und beschreibt. Eine Kombination, welche auf diese Art und Weise sehr selten auftritt. Zunächst berichtete Frau Linke, wie sie erst spät in ihrem Leben die Diagnose Autismus und ADHS erhielt. Ein Freund machte sie auf die Tatsache aufmerksam und schlug vor sich doch einmal untersuchen zu lassen. Bis dahin hat Frau Linke schon stets gemerkt, dass sie anders ist, aber ging davon aus, dass das eben so ist. In diesem Rahmen berichtete sie auch von der großzügigen, intuitiven und einfühlsamen Unterstützung ihrer Eltern, besonders ihrer Mutter. Als Kind wurde sie von ihrer Mutter unterstützt, welche ja selbst nicht wusste was mit ihrem Kind los ist. Die Mutter konfrontierte Linke stets mit den verschiedenen Situationen, die sie erlernen musste, zwang sie aber nie zu etwas. So passierte es schon einmal, dass Kinder zu einem Kindergeburtstag eingeladen wurden und sich Denise Linke jedoch die meiste Zeit auf der Toilette versteckte. Erst als die Mutter die Kinder nach Hause schicken wollte, kam die Autorin aus ihrem Versteck. Die Mutter akzeptierte die Eigenarten und ihre Eigenheiten.

Ein weiteres großes Thema, das Denise Linke am Herzen liegt, ist die schulische Inklusion. Die Autorin erzählte von ihrer Schulzeit. Das Thema Mobbing spielte an ihrer ersten Schule ein großes Thema. Frau Linke vertritt die Meinung, dass nahezu alle Kinder mit Autismus in der Schule Mobbing erfahren  und konnte dies anhand einer wissenschaftlichen Studie bestätigten. Diese Studie zeigt auf, dass tatsächlich über 90 % der Kinder davon betroffen sind. Auch erzählte sie, welche Probleme sie in einer Regelschule hatte und wie das System ihrer Meinung nach Egoisten und eine Ellenbogengesellschaft hervorbringt. Auf die einzelnen Kinder, ihrer Bedürfnisse und ihrer Fähigkeiten würde hier nicht geschaut werden. Erst als Linke auf eine integrative Schule wechselte änderte sich ihre Situation und sie wurde so gefördert, wie sie es benötigte. Als Beispiel erzählte sie von einer Begebenheit im Unterrichtsfach „Sport“. Durch ihre Behinderung konnte sie Ballspiele nicht mitspielen, da sie aus Angst immer vor dem Ball davonlief. Die Lehrer an ihrer integrativen Schule ließen sie daraufhin die Regeln des Ballspiels auswendig lernen und legten die Einhaltung dieser Regeln und die Punktevergabe in ihre Verantwortung. Somit wurde sie nicht vom Sport ausgeschlossen, sondern nach ihren Fähigkeiten eingesetzt.

Zudem erzählte sie von einem Sommercamp, in dem Menschen mit Behinderung zusammenkamen und gemeinsam Zeit verbrachten. Hier lernte Denise Linke den blinden René kennen und schätzen. Linke erzählte von einem Nachmittag an dem sie beide durch die Stadt spazierten und plötzlich feststellten, dass jeder seine Umgebung verschieden und doch intensiv wahrnimmt. Während Linke mehr die Details erkennt, als das große Ganze und auf Plakaten eher den Hintergrund, die Farbe der abgebildeten Blumen oder der Kleidung erkennt, nimmt René seine Umwelt über Geräusche und Gerüche wahr. René erzählte ihr sogar, dass sie die Umwelt anders beschreiben würde, als Menschen ohne Autismus und ADHS. Es gefiel ihm sehr gut und er bat sie weiterzuerzählen. Menschen ohne die Behinderung von Frau Linke beschreiben häufig die Gefühle, die ein Werbeplakat ausdrücken soll. Da Frau Linke diese Gefühle nicht erkennen und nicht deuten kann, sind ihre Beschreibungen viel detaillierter und sie achtet auch auf die Kleinigkeiten, jedoch nicht auf die Werbebotschaft, die das Plakat ausdrücken soll. Im Gegenzug dazu war Frau Linke fasziniert von den Fähigkeiten Renés und mit welcher Intensität er die Umwelt wahrnimmt. Was er aus Gerüchen deuten kann, z. B. ob jemand den Rasen gemäht hat oder es Mittagszeit ist und das Mittagessen gekocht wird. Frau Linke forderte eindrücklich dazu auf, sich auch mal in die Welt der Menschen mit Behinderten zu begeben, sich  z. B. einmal die Augen verbinden zu lassen und die Umgebung auf diese Weise zu erfahren.

Am Anschluss an die Lesung konnten die Teilnehmer noch Fragen an Frau Linke stellen und viele Gäste nahmen diese Gelegenheit in Anspruch. Besonders interessant war es für eine betroffene Mutter und eine Lehrerin zu erfahren, wie Frau Linkes Mutter mit der Diagnose umgegangen ist, ob es für Frau Linke ein Vorteil war, erst spät von ihrer Behinderung zu erfahren oder was sie Lehrern und Pädagogen raten würden, wenn diese ein auffälliges Kind in ihrer Klasse wahrnehmen und mit den Eltern darüber sprechen möchten. Offen, ohne Berührungsängste und vor allem ehrlich beantwortete Frau Linke diese Fragen. Ebenso ehrlich berichtete sie über die verschiedenen medikamentösen Behandlungsmethoden ihrer Behinderung, und das diese in ihrem persönlichen Fall nicht von Vorteil waren, sondern starke, ernst zu nehmende Nebenwirkungen hatten, wie z.B. Selbstmordgedanken. Für Frau Linke persönlich kommt daher ein Einsatz von Medikamenten nicht in Frage.  Jedoch verdeutlichte sie, das dies von Person zu Person unterschiedlich ist und sie auch Menschen kennt, denen mit diesen Medikamenten geholfen werden konnte. Eine wichtige Botschaft hierbei war für Frau Linke, das Autismus nicht gleich Autismus ist und die meisten Menschen weit entfernt sind von den Klischee-Bildern, die in Filmen und Büchern a la Hollywood vermittelt werden.

Ziel dieser Lesung ist eine gemeinsame Veranstaltung für Menschen mit und ohne Behinderung. Im Rahmen der Lesung kommen diese Menschen zusammen und es findet ein Erfahrungsaustausch statt und neue Eindrücke können gewonnen werden. Besonders die Autorinnen und Autoren erzählen auf so eindrückliche Weise aus ihrem Alltag und Leben, sodass man als Zuhörer einen anderen Blick, eine andere Perspektive auf die Dinge bekommt. Auch die Gebärdendolmetscherinnen tragen zu dieser inklusiven Lesung bei. Erst durch ihren Einsatz ist es Gästen mit Hörbehinderung möglich an der Veranstaltung teilzunehmen und auch Fragen an die Autoren zu stellen. Oft erhält das Organisationsteam hier einen besonderen Dank und bekommt die Rückmeldung, dass dieser inklusive Service kaum angeboten wird. Während einer 1 ½-stündigen Lesung ist es von Vorteil zwei Gebärdendolmetscherinnen einzusetzen, da ihre Arbeit hohe Konzentration und Aufmerksamkeit erfordert und sich die Dolmetscherinnen während der Lesung abwechseln sollten. Zudem ist es für die Teilnehmer der Lesung immer wieder faszinierend den Gebärdendolmetscherinnen zuzuschauen und zu erleben, wie Sprache mit den Händen „sichtbar“ gemacht werden kann. Auch hier entsteht ein Berührungspunkt für viele Gäste ohne Behinderung, den sie sonst in ihrem Alltag nicht erleben. Im Gespräch mit Frau Linke fiel vielen Gästen auf, dass sie sonst wirklich sehr wenige Menschen mit Behinderung in ihrem Alltag wahrnehmen.

Die Lesung kann daher als großer Erfolg angesehen werden und sollte in Zukunft in einer ähnlichen Art wiederholt werden. Mit diesen Lesungen leisten die drei Kooperationspartner einen Beitrag zu einem lebendigen Austausch, einer lockeren Begegnung, einem Miteinander und einem Erfahrungsaustausch von Menschen mit und ohne Behinderung.