Von New York nach Herrenberg

Kurz gefragt: Was ist eigentlich Housing First?

Housing First ist ein Hilfsprogramm für wohnungslose Menschen, das die eigene mietvertraglich gesicherte Wohnung – mit allen regulären Rechten und Pflichten – an den Anfang der Hilfe stellt. Es gibt keine Vorbedingungen wie Abstinenz, Therapie, Schuldenregulation, Aufnahme von Erwerbsarbeit oder ähnliches. Das neue Zuhause ist Ausgangspunkt für alle weiterführenden professionellen Hilfen, um wieder in ein sicheres und zufriedenstellendes Leben zu finden.

Was Housing First von anderen Ansätzen in der Wohnungslosenhilfe unterscheidet

Im Kern unterscheidet sich der Housing-First-Ansatz dadurch, dass die eigene Wohnung nicht das Ergebnis eines langen Weges von Bewältigung vordefinierter Hilfeziele ist, sondern dass die Hilfe mit dem eigenen Zuhause beginnt. Die Haltung unterscheidet sich dadurch, dass Selbstbestimmung der Menschen oberste Maxime ist. Nicht die Fachkräfte der Wohnungslosenhilfe geben den Weg vor, sondern die zuvor obdachlosen Menschen. Als Expertinnen und Experten der eigenen Lebenswelt bestimmen sie, was, wann und wie erreicht werden soll. Ob sie dann als Mieterinnen oder Mieter weitere Hilfen überhaupt nutzen möchten, entscheiden sie selbst.

Wohnungslosigkeit in Baden-Württemberg

Im Koalitionsvertrag 2021-2026 hat die Landesregierung Baden-Württemberg das Ziel formuliert, die Wohnungslosigkeit in Baden-Württemberg zu überwinden. Menschen, die von Obdach- und Wohnungslosigkeit betroffen sind, sollen besser mit Wohnungen versorgt werden.

Um das Ziel zu verwirklichen, wurde der Förderaufruf „Modellprojekte in Baden-Württemberg zum Housing First-Ansatz“ veröffentlicht. Ziel der Förderung ist es, mit Hilfe von innovativen Modellprojekten, Personen in verfestigter Wohnungslosigkeit und mit komplexen Problemlagen in unbefristete Mietverhältnisse zu vermitteln und von dort aus auf Grundlage der Rechtsansprüche nach §§ 67 ff. SGB XII und verbundener Hilfe sowie eines Hilfeleistungskonzepts weiter zu begleiten.

„Erst.ein.zu:Hause“ in Herrenberg

Die Modellprojekte sollen in ein kommunales Gesamtkonzept zur Überwindung der Wohnungslosigkeit eingebunden werden. In Herrenberg haben wir nun den Zuschlag erhalten und ich, Bennet Melcher, darf Seit März 2024 das Projekt durchführen. Hierbei ist im Projektantrag festgeschrieben, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich alle länger als zwölf Monate in Ordnungsrechtlicher Unterbringung bei und in der Kommune befinden müssen.

Prävention

Für präventive Hilfestellungen bei drohender Wohnungslosigkeit, steht Ihnen mein Kollege Herr Perelo unter Tel.: 07032 924-318 E-Mail: m.perelo(at)herrenberg.de zur Verfügung

Wissenswertes

Housing First hat in Deutschland eine relativ junge Geschichte, wobei der Ansatz in den 2000er Jahren im Land Anerkennung und Umsetzung fand. Anfangs wurden die Housing-First-Programme in Deutschland von Erfolgsmodellen in anderen Ländern, insbesondere in den USA und Kanada, beeinflusst. Der Ansatz wurde als Abkehr von traditionellen Interventionen zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit angesehen, die sich auf Notunterkünfte oder Übergangsunterkünfte konzentrierten. Das Konzept von Housing First wurde in Deutschland als Antwort auf die zunehmende Obdachlosigkeit und die Herausforderungen von Menschen mit komplexen Bedürfnissen eingeführt. Die ersten Umsetzungen zeigten positive Ergebnisse und heute ist Housing First zu einem festen Bestandteil der deutschen Bemühungen zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit geworden.
Die Erfahrungen mit Housing First in Deutschland haben positive Ergebnisse gezeigt, darunter eine höhere Wohnbindungsrate, eine verbesserte psychische Gesundheit, weniger Drogenmissbrauch und einen Rückgang der Inanspruchnahme von Rettungsdiensten. Infolgedessen ist Housing First zu einem integralen Bestandteil der deutschen Bemühungen zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit geworden, wobei der Ansatz zur effektiven Unterstützung von Menschen, die von Obdachlosigkeit und komplexen Bedürfnissen betroffen sind, kontinuierlich erweitert und verfeinert wird.
Beispiele für erfolgreiche Implementierungen in ganz Deutschland finden sich in Berlin, Köln, Hamburg und Stuttgart. Aber der Ansatz wird auch in verschiedenen anderen Städten und Regionen des Landes übernommen und adaptiert. So auch durch die sechs Pilotprojektstandorten in Baden-Württemberg: Herrenberg, Esslingen am Neckar, Gemeindeverbund Mittleres Schussental, Reutlingen, Freiburg im Breisgau und Heidelberg.
Caren Lay, Sprecherin für Mieten-, Bau- und Wohnungspolitik der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag hat eine Anfrage zu Zwangsräumungen bundesweit gemacht, im Jahr 2022 gab es fast 30.000 Zwangsräumungen, das sind mehr als 80 pro Tag.
Mindestens 400.000 neue Wohnungen werden pro Jahr gebraucht, um den Bedarf an Wohnraum zu decken. Daher wird die Bundesregierung auch 2024 massiv in den Bau bezahlbarer und klimafreundlicher Wohnungen investieren. Dabei geht es um die Förderungen für klimafreundlichen Neubau, altersgerechten Umbau und genossenschaftliches Wohnen, für die die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ab sofort wieder Förderanträge annimmt. Außerdem wird die Bundesregierung im laufenden Jahr das „Wohneigentum für Familien“ (WEF), den „Klimafreundlichen Neubau im Niedrigpreissegment (KNN) sowie die Programme „Jung kauft Alt“ und „Gewerbe zu Wohnen“ mit erheblichen Mitteln fördern.
Auf „erschreckend hohem Niveau“ verbleibt die Armut in Deutschland auch im Jahr 2023, wie der Paritätische Gesamtverband in einer Expertise zu den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes feststellt. Zwar sei ein markanter Rückgang bei der Kinderarmut feststellbar, zugleich sei aber eine starke Zunahme der Altersarmut zu verzeichnen.

In Baden-Württemberg ist ein Anteil von 16,4 % der Menschen armutsgefährdet. Wer arm ist, kann an Vielem nicht teilhaben.
Bundesweit wird seit 2022 jährlich eine statistische Erfassung wohnungsloser Menschen durchgeführt. Dabei können allerdings nur diejenigen verlässlich gezählt werden, die in Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe untergebracht sind. In Baden-Württemberg waren es zum Stichtag 31. Januar 2023 rund 76.500 Personen.
Das Projekt „Erst.Ein.zu.Hause“ richtet sich an wohnungslose Personen, welche sich bereits länger als zwölf Monate in der ordnungsrechtlichen Unterbringung befinden. Ziel ist es, die Wohnungslosigkeit zu beenden und mit den Betroffenen einen Weg in ein selbstständiges Leben zu erarbeiten. Die Betroffenen sollen im ersten Schritt eine eigene Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt erhalten. Um eine gelingende Reintegration zu ermöglichen, werden im Anschluss flexible und individuelle wohnbegleitende Hilfen erarbeitet, die sich an den individuellen Herausforderungen der Betroffenen orientieren.
Das baden-württembergische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration und die Vector Stiftung fördern von 2024 bis 2026 den Aufbau von sechs Modellprojekten zum sogenannten „Housing First“ für wohnungslose Menschen in Baden-Württemberg mit insgesamt rund 1,6 Millionen Euro (500.000 Euro davon von der Vector Stiftung). Eine Verstetigung des Angebots wird derzeit aktiv geprüft! (Stand 04/26)
Die Vector Stiftung wurde 2011 als unternehmensverbundene Stiftung gegründet. Die Stiftung besitzt 60 Prozent der Anteile der Vector Informatik GmbH und finanziert ihre Tätigkeit aus der Dividende, die sie aus dieser Beteiligung erhält. 150 Projekte fördert die Vector Stiftung durchschnittlich mit jährlich etwa zwölf Millionen Euro. Seit 2011 hat sie mehr als 80 Millionen Euro für ihre gemeinnützige Arbeit eingesetzt. Die Vector Stiftung ist auf den Gebieten Forschung, Bildung und Soziales Engagement in Baden-Württemberg tätig. Der Förderschwerpunkt liegt in technikwissenschaftlichen Forschungsprojekten, in der MINT-Bildung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) sowie in der Bekämpfung der Wohnungs- und Jugendarbeitslosigkeit.